Magdalena und Hans Herrmann im September 1992. Foto: Archiv Foto: /

Die Siege der Maichinger Rennfahrerlegende Hans Herrmann sind unvergessen. Der spektakuläre Entführungsfall vom Dezember 1991 ist es ebenso wenig – und die drei Täter konnten nie gefasst werden. Eine Rekonstruktion.

Er hat spektakuläre Siege feiern können. Und er hat ebenso spektakuläre Unfälle nahezu unversehrt überstanden: Hans Herrmann, die im Februar 94 gewordene Maichinger Rennfahrerlegende, hat nicht von ungefähr den Spitznamen „Hans im Glück“. Einmal freilich aber haben er und seine Frau Magdalena Pech gehabt – und letztlich vielleicht doch wiederum Glück, wenn man so will. Ein kurioser Entführungsfall von vor mehr als 30 Jahren hätte tragischer enden können…

 

Es ist ein Donnerstagabend vor – ausgerechnet! – Freitag, dem 13. Dezember 1991, als Hans Herrmann spätabends von einer Mercedes-Weihnachtsfeier zurück in die Landhaussiedlung in Maichingen (Kreis Böblingen) kommt. Er hat sein Auto in der Garage geparkt, dann betritt der damals 63-Jährige das Haus – und guckt in die Lichtkegel von Taschenlampen. Hans Herrmann sagt, er habe damals noch gedacht, der Strom sei ausgefallen, da wird er schon überwältigt und gefesselt.

Den Hund niedergeschlagen, das Ehepaar gefesselt

Dasselbe war zuvor seiner damals 54-jährigen Frau passiert. Drei maskierte junge Männer waren in das Haus eingedrungen und hatten Magdalena Herrmann in ihre Gewalt gebracht, nachdem sie den Hund der Familie mit einem Pistolenknauf niedergeschlagen hatten. Das arme Tier wurde dabei so schwer verletzt, dass es kurze Zeit später eingeschläfert werden musste.

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Herrmanns müssen die Nacht in der Gewalt der bewaffneten und maskierten Schwerverbrecher verbringen. Stunden, die man vermutlich sein Leben lang nicht mehr vergisst. Ob der Begriff der „Gentlemen-Gangster“, wie später in Zeitungen gelegentlich geschrieben wird, zutrifft, darf bezweifelt werden. Jedenfalls wird Magdalena Herrmann angewiesen, am folgenden Morgen bei der Bank anzurufen, um später Geld abzuheben. Die drei Ganoven wollen einen Millionenbetrag. Bekommen ihn aber nicht. Mehr als 300 000 Mark hat das Paar nicht auf dem Konto, als Magdalena Herrmann mit ihrem 190er „Baby-Benz“ das Geld holen fährt.

Ein Zeuge beschreibt die drei jungen Entführer als „Yuppies“

Hans Herrmann wird unterdessen in den Kofferraum seines eigenen Mercedes E 500 gepfercht. In diesem silberfarbenen Auto mit dem Kennzeichen BB-HH 817 und dem auffälligen Schriftzug „Speedline“ auf der Heckscheibe verbringt das 63-jährige Entführungsopfer bange zwölf Stunden. Später sucht die Sonderkommission „Pfeil“ unter Leitung von Hauptkriminalkommissar Ott Zeugen in den örtlichen Zeitungen. Mussten die drei Ganoven doch mindestens zwei Stunden lang im Großraum Stuttgart/Leonberg/Magstadt herumgefahren sein – Herrmann im Dunkel des Kofferraums.

Ein Zeuge beschreibt die drei Entführer „um die 20 und dunkel gekleidet“ und mit modischer Kurzhaarfrisur von „gepflegter Erscheinung“. In den Zeitungsberichten werden sie gar als „Yuppies“ bezeichnet, ein Akronym, das für „Young urban Professional“ steht. Es meint junge Erwachsene, die man gerne der oberen Mittelschicht zuordnet, die Wert auf ihre äußere Erscheinung legen.

Nach Lage der Dinge war ihre Tat alles andere als spontan. Sie hatten einen gezielten Plan. Sie mussten die Lebensgewohnheiten beziehungsweise das Objekt in der Landhaussiedlung von langer Hand ausgekundschaftet haben. Einem Zeugen fällt der E 500 zwischen Warmbronn und Frauenkreuz auf. Ein anderer sieht den Mercedes samt Insassen vor der Post in der Eltinger Straße in Leonberg.

Die seelischen Spuren sind bei Magdalena Herrmann heute noch da

Magdalena Herrmann muss das Lösegeld in ihrem 190er deponieren beim Waldhotel Hirsch in Maichingen, wo sie gegen 11 Uhr einen Anruf der Kidnapper erhält – die Geldschein-Bündel im unverschlossenen Kofferraum. Nun gibt das Trio den Standort von Hans Herrmanns Auto bekannt und fordert die Ehefrau auf, die Polizei zu alarmieren. Die findet das Entführungsopfer lebend auf und befreit Herrmann aus seiner misslichen Lage. Das Pech, ein Verbrechensopfer geworden zu sein, und das Glück der Unversehrtheit liegen in diesem Moment sehr nahe beieinander.

Dass Hans Herrmann sein Martyrium so gut wegsteckt, schiebt man auf sein Rennsportler-Naturell. Wer dem Tod so oft ins Auge geschaut habe, verarbeite ein Verbrechen besser. Während die Promi-Entführung die nächsten Tage durch alle Gazetten geht, will Magdalena Herrmann nur noch weg. Wenn es irgend knarzt im Haus, wird sie hellwach. Bis heute leide sie an dem, was damals vorgefallen ist, gibt sie unumwunden zu. Spätfolgen tiefer seelischer Spuren.

Doch Ehegatte Hans fragt sie seinerzeit: „Wegziehen? Wohin denn? Wir sind hier daheim.“ Der gebürtige Stuttgarter, der vor seinem Umzug in die Landhaussiedlung nur Sindelfingen, aber nicht Maichingen kannte, will bleiben. Hier, wo er 1962 seine aus Düsseldorf stammende Liebe Magdalena im Maichinger Rathaus geheiratet hat. Magdalena Herrmann, Mutter zweier Söhne, die ihre kaufmännischen Kenntnisse in Herrmanns Autotechnik-Firma eingebracht hat, hat das Ihre dazu beigetragen, dass ihr „Hans im Glück“ in der Erfolgsspur geblieben ist – auch nach dem phänomenalen Porsche-Sieg bei den 24 Stunden von Le Mans 1970, dem Ende seiner Karriere.

Auch „Aktenzeichen xy...“ kann kein Licht ins Dunkel bringen

Die Kriminalpolizei Böblingen setzt seinerzeit 25 Beamte ein, um dem Gangster-Trio auf die Schliche zu kommen. Doch die sind wie vom Erdboden verschluckt. Die „Soko Pfeil“ tappt, Spuren im Haus hin oder her, im Dunkeln. Auch 50 000 Mark Belohnung für die Ergreifung der Täter fruchten nicht. Im September 1992 wird der spektakuläre Entführungsfall in der Sendung „Aktenzeichen xy… ungelöst“ filmisch rekonstruiert. Eine heiße Spur liefert indes auch die bundesweite Fahndung nicht.

Fast 31 Jahre später dürfte sich daran kaum mehr etwas ändern. Es sei denn, „Kommissar Zufall“ käme noch irgendwie zu Hilfe und den drei Tätern, die heute Anfang/Mitte 50 sein müssten, auf die Spur. Dass sich einer aus dem Trio noch outen, „reinen Tisch“ machen würde – eher unwahrscheinlich. Und die Tat höchstwahrscheinlich verjährt.