Auch die Infrastruktur gehört dazu: wer wie diese beiden jungen Frauen beim Shoppen mal Durchatmen will, kann auf einer der vielen Bänke in der City ausruhen. Foto: StZ

Die Stadt ist die einzige Kreisstadt in der Region Stuttgart, die ihre Position als Mittelzentrum behaupten kann und in die sogar mehr Menschen zum Einkaufen kommen als früher – und das liegt nicht nur daran, dass die Innenstadt modernisiert wurde.

Göppingen - Dass Göppingen in Sachen Einzelhandel eine der erfolgreichsten Städte in der Region Stuttgart sein soll, kann sich in der Stadt selbst wohl kaum einer vorstellen. Traditionell wird gerne mit einem gewissen Misstrauen – und einem Portiönchen Neid – in Richtung Esslingen oder Ludwigsburg geschielt. Zu Unrecht, wie jetzt eine Auswertung der Gesellschaft für Markt und Absatzforschung (GMA) in Ludwigsburg ergeben hat. Demnach hat Göppingen als einzige der Kreisstädte in der Region Stuttgart ihre Position trotz des zunehmenden Online-Handels nicht nur behaupten, sondern sogar ausbauen können. Der Wert für die Kaufkraftbindung stieg von 167 im Jahr 2011 auf jetzt 168. In allen anderen Kreisstädten der Region sank der Wert hingegen.

Das bedeutet, dass die Stadt von der Landeshauptstadt abgesehen die einzige ist, die heute mehr Kunden anlockt als vor sechs Jahren. In Stuttgart stieg der Wert von 120 auf 122. Dass die Zahlen in der Stuttgart sogar niedriger ausfallen als in Göppingen, liegt an der unterschiedlichen Größe. Weil Stuttgart zehnmal größer, müssen dort rechnerisch auch zehnmal mehr Menschen einkaufen, damit die Stadt einen Punkt zulegt. „Vor dem Hintergrund des starken Anstiegs des Online-Handels ist das eine durchaus beachtliche Leistung“, sagt fasst Gerhard Beck von der GMA über die Entwicklung in Göppingen.

Die meisten Menschen wollen nicht weit fahren

Die Stadt profitiert ausgerechnet von dem, was viele etwas herablassend als Provinzialität bezeichnen: ihrer Lage am östlichen Rand der Region Stuttgart. Die spürbare Entfernung zur Landeshauptstadt führt dazu, dass es den meisten Bürgern im Kreis schlicht zu umständlich ist, zum Einkaufen in die Großstadt zu fahren – zumal sie, wie die GMA-Untersuchung ebenfalls zeigt, das meiste auch vor Ort bekommen. Während Städte wie Esslingen, Ludwigsburg oder Waiblingen viele ihrer Kunden zwar an den Online-Handel, aber auch an die Metropole verlieren, geht der typische Göppinger „ins Städtle“ zum Einkaufen.

„Ich war selbst überrascht, dass sich Göppingen beim Thema Einzelhandel so gut gehalten hat“, sagt Beck. Er hat die Analyse jüngst im Göppinger Gemeinderat vorgestellt. Die SPD-Fraktion hatte das beantragt, um zu prüfen, ob die Stadt mit ihrem Nahversorgungs- und dem Einzelhandelskonzept auf dem richtigen Weg ist.

Offenbar ist sie das. „Die Stadt hat in den vergangenen Jahren vieles richtig gemacht und intensiv mit den Händlern zusammengearbeitet“, sagt Beck. Er zählt dazu unter anderem den Bau der neuen Mitte und die Bemühungen, die City attraktiv zu halten – zum einen mit der Verschönerung von Plätzen, zum anderen durch immer mehr Veranstaltungen, die zusätzliche Besucher anlocken.

Göppingen hat ordentliche Verkaufsflächen

Dass das Konzept aufgeht, zeigt sich auch beim Vergleich der Verkaufsflächen. So hat Göppingen pro 1000 Einwohner 2894 Quadratmeter Verkaufsfläche, das deutlich größere Ludwigsburg nur 2330 Quadratmeter. In Zukunft könnte die Stadt ihren Vorsprung noch weiter ausbauen. Denn das geplante Einkaufszentrum Staufen-Galerie auf dem ehemaligen Frey-Gelände, das Zentrum Untere Marktstraße bei der Kreissparkasse und die Apostelhöfe bringen weitere Verkaufsflächen in die Stadt. Genehmigt sind mehr als 25 000 Quadratmeter, der Großteil davon in der Staufen-Galerie.

Entsprechend bescheinigte Beck den Göppingern, auf einem guten Weg zu sein. Allerdings machte er auch klar, dass der Strukturwandel auch vor Göppingen nicht halt machen werde – auch wenn die Veränderungen dort bisher weniger drastisch ausgefallen seien. Das bedeute, dass sich der Handel immer mehr auf die Toplagen konzentrieren werde, während kleinere Geschäfte in Randlagen bedroht seien. Beck empfahl dort künftig eher auf Dienstleistungen als auf Handel zu setzen. Diese Erkenntnis, da waren sich die Stadträte einig, wird vielen Eigentümern schwer zu vermitteln sein. Denn diese haben über Jahrzehnte gute Einnahmen durch die Verpachtung an Einzelhändler erzielt.

Mancher Stadtbezirk ist außen vor

Jebenhausen und Faurndau haben, was den anderen Göppinger Stadtbezirken fehlt: zumindest aus Sicht der Gesellschaft für Markt und Absatzforschung (GMA). So verfügen Bartenbach, Bezgenriet, Holzheim, Hohenstaufen und Maitis über keinen eigenen Nahversorgungsstandort, sprich Supermarkt. Das ist nichts Neues. Neu ist allerdings, dass die GMA „kaum noch Chancen für eine Ansiedlung größerer Betriebe sieht“.

Dass an dieser Hypothese etwas dran ist, hat sich in der jüngeren Vergangenheit mehrfach gezeigt. In Bartenbach gab es über Jahre hinweg, den Versuch, das Genossenschaftsprojekt „Unser Laden“ am Leben zu erhalten. Letztlich vergeblich. In Holzheim schloss ein Cap-Markt fast so schnell, wie er eröffnet hatte. Der Grund in beiden Fällen: die Kunden kauften vor Ort eben nur das Notwendigste ein, zu wenig für die Betreiber zum Überleben.

Interessanterweise ziehen die Gutachter in ihr Kalkül mittlerweile die Märkte in den Nachbargemeinden mit ein. So könne etwa Bezgenriet von Jebenhausen, Bartenbach von Rechberghausen und Faurndau von Wangen beziehungsweise Jebenhausen mitversorgt werden, heißt es in der Expertise. Das mag für motorisierte Zeitgenossen durchaus gelten, für alle anderen sind die Wege dennoch sehr weit.

Eine gute Nachricht gibt es daher für Faurndau: Der Nah & Gut bleibe, wenn es die vorgesehene Umgestaltung des Hirschplatzes zulasse, auf jeden Fall bis 2021 bestehen, erklärte Matthias Füchtner vom Vorstand der Konsumgenossenschaft Göppingen. „Was danach kommt, muss man dann sehen“, fügte er hinzu.

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