148 Knast-Tattoos: Wilhelm Buntz Foto: Andreas Reiner

Aus unserem Plus-Archiv:  Wie der Totschläger, Bankräuber, Dieb und Einbrecher Wilhelm Buntz nach vielen Jahren im Knast zu seiner Lebenswende gefunden hat.

Emmendingen - Sein erstes Tattoo hat er sich mit acht Jahren im Heim für Schwererziehbare gestochen: ein Eisernes Kreuz. Seitdem sind 147 dazugekommen, das letzte 1977. Alle grottenschlecht. Die Kompassrose. Der Totenkopf mit Einschussloch. Das (übermalte) Hakenkreuz. Die Tigerklaue. Die Frau mit gespreizten Beinen. Auf den Fingerknöcheln die Buchstaben „B-E-A-T“. Die rechte war seine Schlaghand. Wie man im Knast zu Tätowiertinte kommt? Teller über eine Kerze halten, Ruß abkratzen, ihn ganz fein mit Seifenlauge anrühren „und sich dann eine Blutvergiftung nach der anderen holen“, sagt Wilhelm Buntz, der mit Tränen getauft und als junger Mann zum Totschläger wurde.

 

Abgelegt an einem Feldweg

Irgendwann, nachdem sie mit Willi von der Ulmer Entbindungsklinik zurückkam, muss die Mutter beschlossen haben: Es gibt ihn nicht. „Zu meinen Geschwistern war sie normal. Keine Ahnung, was bei mir war. Vielleicht hab ich zu laut geschrien.“ Sie kümmert sich nicht mehr.

Der Vater malocht 14 Stunden bei Magirus und will nur noch schlafen, wenn er heimkommt. Ihm fällt nichts auf. Die vierjährige Schwester versorgt Willi wie eine Puppenmama. Füttert ihn mit allem, das wie Brei aussieht, schmiert ihn mit allem ein, das sie aus Tuben quetschen kann, wickelt ihn mit Zeitungspapier.

Nach einigen Monaten legt die Mutter das Kind an einem Feldweg in Wiblingen ab. Eine Nachbarin entdeckt das Bündel beim Gassigehen. Es ist stark unterernährt, sein Bauch aufgebläht, der Körper mit knotigen Pusteln überzogen.

Einmal ruft die Krankenschwester in der Kinderklinik den Vater. Sie bleiben in der Tür stehen. „Abwarten“, sagt die Schwester. Dann beobachten sie Willi, wie er sich auf den Bauch dreht, mit seinen Händen das Gitter umklammert und seinen Kopf dagegen schlägt.

Der Vater ist ein Mann des Glaubens, der Muse, der Tat, Ex-Soldat und Hobbymaler. Er wirft seine Frau aus dem Haus. Willi kommt ein halbes Jahr bei der Pfarrersfamilie der Ulmer Methodisten unter. Dann heiratet der Vater wieder. Als Willi vier Jahre ist, bekommt er noch eine kleine Schwester.

Samstage sind Badetage. Willi soll nur kurz aufpassen. Aber er will nicht aufpassen, er will lieber den Kopf der Schwester im Zuber ganz fest unters Wasser drücken. Als die Stiefmutter wieder kommt, atmet die Kleine noch.

Zelle 116 im Knast von Bruchsal

Eine Ärztin sagt dem Vater: „Das Kind wird Sie Ihr Leben lang beanspruchen.“ Willi macht alle fertig. „Wenn Familien an der Donau spazieren gingen, die Eltern das Kind in ihre Mitte nahmen und ,Engele flieg’ spielten, da war ich so eifersüchtig. Dann bin ich hin und hab in die Kinder reingetreten.“

Der Vater prügelt ihn durch die Kindheit. Doch selbst bei Schlägen mit den genagelten Schuhen: Willi weint nie. Neben Willi hockt man wie neben einem Eisschrank, sagt die Stiefmutter. Sie meint es gut. „Aber die Frau kam in eine Familie rein, die war so kaputt.“ Als Sechsjähriger schlägt er ihr mit dem stumpfen Teil einer Axt auf die Hüfte. Jetzt muss er ins Heim.

Und von da an, so sieht es der 67-Jährige heute, spult sich sein Leben in einem Tempo ab, das ihn kaum Atem holen lässt. Bis zu dem Moment, als man ihn zwei Jahrzehnte später in Zelle 116 des Bruchsaler Knasts führt und ihn das seltsame Gefühl beschleicht, angekommen zu sein.

Willi verschleißt zwei Dutzend Heime. Seine Spezialität: das Opferhart in den Schwitzkasten nehmen und den Kopf so lange an einer Wand scheuern, bis Blut fließt. Man nennt ihn „Blutbad-Willi“. Der Titel verpflichtet.

Besuch von der Mutter

Einmal besucht ihn eine kleine, zierliche Frau. Wieder so ne Jugendamt-Tussi, denkt er. Es ist seine Mutter. Nicht lange, und sie klackt ihre Handtasche zu. Das Klacken hört er heute noch. Es heißt: Sie geht wieder und nimmt ihn nicht mit.

Der Fluchtplan steht: Beim Zeltlager der Schwererziehbaren soll es passieren. Willi schließt in der Nacht den Opel Rekord des Betreuers kurz und fährt über die Landstraße bei Heiterwang in Tirol. Ein Hochgefühl. Keiner kann ihm was. Plötzlich Blaulicht von rechts. Gas geben ober bremsen? Gas geben! Aber alles läuft schief. Der Opel bohrt sich ins Polizeiauto. Willi haut ab. Hubschrauber-Scheinwerfer finden ihn. Ein Polizist ist schwer verletzt, der andere tot. Erst im Prozess erfährt Willi: Sie wollten nichts von ihm, sie fuhren zu einem Notfall. Er ist 16. Das Urteil: fünf Jahre.

Kriegt er die Kurve?

Nach knapp drei Jahren ist er wieder draußen. Kriegt er die Kurve? Sein Vater holt ihn am Bahnhof ab. Der Sohn kann bei ihm wohnen, er hat ihm sogar einen Job beschafft. Aber Wilhelm Buntz vermasselt es. Wenn er überhaupt zur Arbeit kommt, dann mit Bierfahne. Nach zwei Wochen hat der Chef die Schnauze voll. Der Vater auch.

Willi wird Ganove. Für einen Taschendieb sind die langen Samstage sehr ergiebig. Einbrüche bringen noch mehr. Die Beute verkauft er in der Stuttgarter Unterwelt. Er räumt Juweliere leer. Raubt Banken aus. Größter Coup: 120 000 Mark in der Ulmer Sparkasse. Er ist die Gewalt in Person: „Ich habe Leute so geschädigt, dass sie ihr Leben lang an Krücken liefen. Hat mir das leid getan damals? – Nein.“

Die Sache im Salzstadel

Ein Besoffener labert Willi im Wirtshaus „Salzstadel“ an. „Hey, Willi, besorg mir eine Frau“ – „Hau ab.“ Der Typ gibt keine Ruhe: „Komm Willi, besorg mir eine Frau“. Viel zu knülle, um den warnenden Blick zu verstehen. Schon wieder ist er an Willis Tisch und betatscht ihn: „Komm, besorg mir eine Frau.“ Jetzt kriegt er Willis Rechte ins Gesicht, poltert die Treppe runter. Willi trinkt zu Ende. Draußen auf dem Gehweg liegt der Kerl von vorhin und lallt irgendwas. Willi packt ihn am Schopf und knallt den Kopf gegen den Bordstein. Jetzt ist Ruhe. Es wird noch ein guter Abend in der Lido-Bar.

Er hat dem Mann den Schädel zertrümmert. Er starb an einer Hirnblutung. Am Ende seines Verbrecherdaseins steht eine Haftstraße von 14 Jahren.

Salz der Erde

Im Knast zählen Härte und Kälte. Genau seine Welt. Andere verzweifeln hinter Gittern, an Weihnachten ist es am schlimmsten, da schreien die härtesten Vögel nach ihrer Mama. Willi braucht niemanden. Er ist kein Freund von irgendwem. Aber gefürchtet von jedem.

In die Arrestzelle nimmt er immer seine Bibel mit. An Tabak zu kommen ist kein Problem. Aber Blättchen sind kostbare Güter. Die dünnen Bibelseiten kann man super rauchen. Meistens liest er sie vorher. Was soll er sonst machen?

Salz der Erde, steht da. Er erinnert sich, wie seine Stiefmutter immer eine Brühe abschmeckte. Er ist als Salz nicht zu gebrauchen in der Welt. Einmal fängt er ein Gespräch mit Gott an: „Du hast einen Plan mit jedem Leben? Ist das dein Plan, dass ich hier verrecke?“ An einem anderen Tag: „Wenn du einen Plan hast, musst du mich erst besiegen.“

Einmal fragt ein Knastkumpel: „Willi, was ist los? Kein Krawall. Keine Schlägereien.“ Die Antwort ist: Das Lesen in der Bibel macht ihn innerlich ruhig. Willi antwortet: „Kümmer dich um deinen Kram.“

Einmal sitzt er in der Zelle, und es überkommt ihn. Ab jetzt soll es anders werden. Buntz setzt einen Vertrag mit Buntz auf: „Lebenswende 11.06 Uhr. 12. 9. 1983.“ Er will auch mal gut sein. Aber wie? Er schreibt das Alte Testament ab. Was anderes fällt ihm nicht ein.

„Es tut mir leid“

Wieder in Freiheit macht er eine Abbitte-Tour. „Herr Buntz, ich wünsche Ihnen alles Gute für die Zukunft“, sagt der Bankdirektor.

Die Witwe des Tiroler Polizisten hält sich die Hand vor den Mund und weint. Willi auch. Wie noch nie im Leben.

Die Witwe in Ulm hat der Tod ihres Mannes nicht so hart getroffen. „Gut hasch’s gemacht“, sagt sie zu Willi.

Er versöhnt sich mit seinem Vater. „Er ist bis zu seinem Tod kein Vater mehr geworden, aber ein Freund.“

Er entschuldigt sich bei seiner Schwester: „Es tut mir leid, Ulrike, aber damals hab ich dich wirklich ersäufen wollen.“

Neulich traf er einen, dem hat er in der Grundschule einen Kanonenschlag in die Hand gebunden und angezündet. Der Bub verlor damals zwei Finger. „Das tut mir so leid, Gerhard.“ – „Alles in Ordnung.“

Und Willi verzeiht seiner Mutter. Mit ihr reden konnte er nicht mehr. Sie starb, als er im Gefängnis saß. „Dass ich so wurde, hat eine Vorgeschichte. Aber dass sie mich wegwarf, hat auch eine Vorgeschichte“, sagt Willi. „Wenn sie nur geahnt hätte, wie schön ich mal werde“, witzelt er.

Er lernt Anita kennen

Man ist neugierig auf den neuen, schillernden Glaubensbruder. Der Ex-Knacki wird in christliche Gemeinden eingeladen. Manche reden vom Teufel, der Besitz von ihm genommen hatte. Damit kann Willi nichts anfangen. So oft spürt er Misstrauen und eine schier unüberwindliche Kluft. Es gibt Zeiten, da denkt er: „Meine Lebenswende war nichts wert. Ein Scheissdreck war’s.“

Er schafft als Hofkehrer und Lagerist, in einer Papierfabrik, einer Küchenfirma, er wird Tankstellenpächter und bis zur Rente Betreuer im Freiburger Blindenheim. Er lernt Anita kennen, um einiges jünger als er. Anfangs weiß er nicht, dass es Liebe ist. Aber sie tut ihm gut. Heute sind sie 24 Jahre zusammen. „Mir konnte nichts Besseres passieren als dieses Weib.“

Er muss täglich neu auf sich aufpassen

Vor zehn Jahren stand er nach einem Schlaganfall beinah vor dem Herrgott. Aber er war noch nicht an der Reihe. „Vom Temperament fühl ich mich eh wie 40. Und ich seh ja auch noch super aus, oder?“ fragt er und lacht tief aus der Lunge. Ist er eitel? „A bissele.“ Seine Knastkleider mussten immer knackig passen, Hemden nähte er sich auf Taille. Den Vollbart und die langen Haare trägt er noch mit Stolz – jetzt halt in Weiß.

Früher warf er an den Spieltischen mit Hundertern um sich. Brachte die Nächte durch mit Huren. Fuhr im Taxi nach Zürich zum Frühstücken, nur so aus Spaß. Jetzt kriegt er 538 Euro Rente. Seine Frau schafft noch im Pflegeheim. Sie kommen einigermaßen über die Runden.

Jeden Morgen und jeden Abend liest er in der Bibel. „Aber ich schwebe nicht zwei Meter über dem Erdboden“, sagt Willi. „Ich habe meine Kämpfe in der Welt wie jeder andere.“

Er muss täglich neu auf sich aufpassen. Dazu gehört Abstinenz. „Wenn ich mir den Kragen volllaufen lassen täte und einer kommt mir blöd, dann könnte passieren, dass was passiert.“ Vielleicht kämen im Suff auch die Schuldgefühle zurück. Wer weiß das schon. Am Ende kennt sich jeder doch selbst nur flüchtig.

Wenn er sich was vorwirft in den letzten Jahren: Dass er seine Kinder zu wenig erzogen hat. Sich zu arg raushielt. Er wusste nicht, wie es geht. Er wollte nichts falsch machen. Zum Glück ist seine Frau eher die Strenge. Er war zu lasch. Er hatte auch immer Angst, sie könnten auf die kriminelle Schiene kommen. Aber da ist kein einziges Mal was passiert in die Richtung. Simon ist Restaurantfachmann, Benni lebt noch bei den Eltern in Emmendingen und hat jetzt Mittlere Reife gemacht.

Manchmal erzählt Willi in Gemeindehäusern von seinem Leben und singt dazu eigene Countrylieder: „Ich hab Menschen gesehen, die krebsten umher und wussten nicht mal warum“, trägt er feierlich vor. „Ich hab Leute gesehen, die waren einsam und leer, abgekapselt und stumm.“

Wilhelm Buntz musste sich seine Frühgeschichte mithilfe von Akten und Erzählungen zusammenreimen. Er musste nach dem Knast eine neue Sprache lernen, den Umgang mit Menschen neu lernen. „Ich habe mir einen Schutzraum gebaut, Stein für Stein. Da drin geht es mir gut.“

„Der Herr ist Wilhelms Hirte“

Was darf man hoffen? Was darf einer wie Willi hoffen, der verkehrt war und verkommen von Anfang an? Seine Familie macht es ihm leicht, zu glauben, dass er gewollt ist. Dass da etwas ist, das nur durch ihn zu schwingen vermag. Dass sich nach schattenverwirrter Enge ein Himmel öffnen kann.

Im Roman „Schuld und Sühne“ schreibt Fjodor Dostojewski: „Er wird sagen: ,Kommt her ihr Säufer, ihr Übeltäter. Schweine seid ihr, Ebenbilder des Viehs. Aber kommet auch ihr zu mir!’ Da werden die Weisen und Klugen ihre Stimme erheben: ,Herr, warum willst du auch diese aufnehmen?’ Und er wird sagen: ,Darum nehme ich sie auf, weil keiner von ihnen je geglaubt hat, dass er dessen würdig sei.“

Manchmal setzt Willi, wenn er die Bibel liest, seinen Namen ein: „Der Herr ist Wilhelms Hirte. Er führet Wilhelm auf der rechten Straße, auch wenn Wilhelm schon wanderte im tiefsten Tal.“

Buch: „Der Bibelraucher“ von Wilhelm Buntz (253 Seiten, 18,99 Euro) ist erschienen im Verlag SCM Hänssler, Holzgerlingen.