Der Bundestrainer Julian Nagelsmann blickt auf die EM. Foto: Pressefoto Baumann/Julia Rahn

Der 36-Jährige hat es mit seiner Energie geschafft, in der Nationalmannschaft eine Aufbruchstimmung zu erzeugen. Doch seine Emotionen will er noch besser kontrollieren.

Julian Nagelsmann strotzt vor Energie. Das ist immer zu spüren, wenn die Tage mit der Nationalmannschaft beginnen. Der Bundestrainer tritt voller Elan auf, intern wie extern. Er freut sich auf das Zusammentreffen mit den Spielern, er bereitet die Übungseinheiten akribisch vor, und er fiebert den Länderspielen entgegen. Es sprudelt geradezu aus ihm heraus, wenn er über Fußball spricht. Nagelsmann wirkt dabei stets, als sei er zu lange in einem Käfig ohne Kabinengeruch gesteckt, in dem er mit sämtlichen Ideen eingesperrt war.

 

Jetzt ist die Käfigtür auf. Die Gedanken sind frei, sein Tatendrang ist riesig – und Nagelsmann kann endlich das tun, was er hervorragend beherrscht: ein Team trainieren. Mit allem, was für ihn dazugehört. Auch deshalb waren sich viele Beobachter sicher, dass der 36-jährige Ehrgeizling nicht über die Heim-EM von 14. Juni bis 14. Juli hinaus beim Deutschen Fußball-Bund (DFB) bleiben würde. Gut, das Turnier im eigenen Land reizte natürlich, das Projekt Nationalmannschaft traute er sich mit seinem ausgeprägten Selbstbewusstsein zu – und da er gerade verfügbar war, sollte es nach dem Verbandsintermezzo wieder ein europäischer Spitzenclub für die tägliche Arbeit sein.

Der Trainer-Effekt

So der ursprüngliche Plan – und auch die allgemeine Annahme, denn Nagelsmann wird noch immer als Vereinstrainer wahrgenommen, der den engen Wettkampfrhythmus braucht. Er gilt nicht unbedingt als der Prototyp des obersten Fußballlehrers des Landes, der nur alle zwei Jahre in der Hitze einer Großveranstaltung gefordert sein möchte. Doch der mit einst 28 Jahren jüngste Bundesliga-Coach hat sich kürzlich nun mal dafür entschieden, seinen Vertrag beim DFB bis 2026 zu verlängern. Auch zur Überraschung des FC Bayern, der damit liebäugelte, seinen ehemaligen Übungsleiter an die Münchner Säbener Straße zurückzuholen.

Etwa 200 Kilometer entfernt fühlt sich Nagelsmann in Herzogenaurach in seiner aktuellen Position wohl. „Die Stimmung hier im Mannschaftsquartier ist gut“, sagt der Bundestrainer kurz vor EM-Start. Dass ein frischer Wind über das Gelände des DFB-Partners Adidas weht, liegt dabei an ihm selbst. Nach dem soliden Start unter Nagelsmann auf der USA-Reise im vergangenen September folgte ein November mit den entlarvenden Länderspiel-Niederlagen gegen die Türkei und Österreich. Es schien, als habe Deutschland den Anschluss an die Weltspitze verloren, trotz des Trainerwechsels von Hansi Flick zu Julian Nagelsmann und vieler hoch gehandelter Nationalspieler.

Dabei ließ sich Nagelsmann inhaltlich nach vielen Gesprächen von Basketball-Weltmeistertrainer Gordon Herbert inspirieren. Die verkürzte Philosophie: Nicht nur die Berufung der besten Einzelspieler bringt ein Team zum Titelgewinn, sondern ebenso die klar definierten Rollen innerhalb eines Mannschaftsgefüges.

„Es wird zu viel gelabert“

Nagelsmann machte sich an die Arbeit, bestimmte Stammkräfte und Herausforderer. Sprach mit ihnen, schwor sie ein auf die EM-Mission. Die folgenden Siege haben den Bundestrainer schließlich in seinem Vorgehen bestätigt. Entsprechend hat er seinen Kader für die EM 2024 zusammengestellt. Toni Kroos stand als Erster auf der Namensliste, und die beiden Stars Leon Goretzka und Mats Hummels befanden sich gar nicht darauf. Schwierige Telefonate schlossen sich an, wie Nagelsmann zugibt.

Nun ist ein neues Wir-Gefühl am Entstehen, von Aufbruchstimmung die Rede. Zunächst im DFB-Kreis. Doch Nagelsmann legt Wert darauf, dass es mehr braucht. „Wir wollen ein ganzes Land mitreißen, dafür brennen wir alle“, sagt der Bundestrainer. Er tritt seriös auf, vermeidet große Sprüche und gibt sich nahbar. Die ersten Vorbereitungstage in Thüringen haben das gezeigt.

„Im Fußball wird zu viel gelabert, auch von mir“, sagt der Bundestrainer mit Blick auf die neue Schiedsrichter-Vorgabe, bei der EM härter gegen Proteste vorzugehen. Zurückhalten will er sich deshalb, die Zunge im Zaum halten. So gut es dem Mann mit der schnellen Auffassungsgabe und dem enormen Sprechtempo gelingt. „Erstens, weil eine Gelbe Karte für den Trainer unfassbar teuer wird“, sagt Nagelsmann, „und zweitens, weil ich eine Vorbildfunktion habe.“