Joachim Löw blickt Richtung EM – und wird selbst kritisch beäugt. Foto: imago/Jan Huebner

Joachim Löw wagt den Umbruch nicht nur mit neuem Personal. Der Fußball-Bundestrainer lässt taktisch flexibler spielen und agiert mit Weitblick in Richtung EM. Dennoch begleitet ihn latente Kritik an seiner Arbeit und an seinem Auftreten.

Leipzig - Joachim Löw parierte die Frage nach Horst Lichter und Dieter Bohlen am Freitag sicher. Hat der Bundestrainer also Angst davor, an diesem Samstag das nächste TV-Quotenduell zu verlieren, nachdem er am Mittwoch beim Test gegen Tschechien gegen Lichters ZDF-Trödelshow „Bares für Rares“ das Nachsehen hatte (5,45 Millionen Zuschauer im Schnitt zu 5,42)? An diesem Samstag läuft bei RTL Bohlens Show „Das Supertalent“, während die DFB-Elf (von 20.45 Uhr an live im ZDF) in Leipzig in der Nations League gegen die Ukraine spielt.

 

Löw antwortete im Löw-Duktus. Er sagte, dass das jetzt nicht das Allerwichtigste sei. Dass es solche Phasen mit schwächeren TV-Quoten immer mal gab. Und dann gab er noch einen charmanten Hinweis: „Wenn wir am Juni bei der EM gegen Frankreich spielen, können Sie davon ausgehen, dass die Quote wieder sehr gut sein wird.“

Da war er wieder, der echte Löw. Gelassen und in sich ruhend. Ein Duell mit dem so genannten Poptitanen Bohlen? Das ist eines, worauf sich der Löw gar nicht erst einlässt.

TV-Quoten lassen Löw kalt

Dabei hat die Frage nach den Fernsehzuschauern ja nicht nur einen boulevardesken, sondern auch einen tieferen Sinn in diesen Wochen. Sie stellte sich schon nach den vergangenen Länderspielblöcken im September und Oktober, als die Quoten teils ähnlich mau waren. Und rund um die Quotenfragen schwingen in der breiten Öffentlichkeit immer diese Diskussionsfelder mit: Die DFB-Elf verliert an Attraktivität, sie interessiert manche Fußballfans kaum noch, ob vor dem Fernseher oder sonst wo. Und überhaupt, dieser Bundestrainer: Kann der Löw das alles noch, muss der nicht längst weg, macht der nicht schon wieder alles falsch?

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Die latent schlechte Stimmung rund um die Nationalelf, die der DFB-Direktor Oliver Bierhoff am Montag in einem Monolog beklagte und von einer dunklen Wolke über dem Team sprach, hat ja auch immer mit Löw zu tun. Der Weltmeistertrainer hat seit seinem Amtsantritt im Sommer 2006 viel erlebt, vielleicht sogar alles. Größte Erfolge wie beim Titelgewinn 2014, aber auch so etwas wie den größtmöglichen Absturz bei der WM 2018 in Russland. Ja, man habe in den vergangenen Jahren durchaus „Fehler“ gemacht, zu denen man auch stehe, sagt Löw nun. Und ja, so der Trainer weiter, die Stimmung in der Öffentlichkeit sei vielleicht nicht so gut wie in den glorreichen Zeiten.

Die Debatten kreisen immer auch um Löw

Fakt ist: Das Image der DFB-Elf hat seit dem WM-Debakel 2018 extrem gelitten. Auch im Herbst 2020 ist es noch immer so, dass es vielen Fans und Experten schwer fällt, sich mit der Mannschaft und mit ihrem Trainer zu identifizieren. Aktuell kreisen die Debatten um Löws Nominierungen und um eine angeblich fehlende klare Ausrichtung auf dem Platz. Und um den Löw, der immer Löw bleibt. Und sich daher nicht dazu bemüßigt fühlt, so etwas wie Aufbruchstimmung zu verbreiten, auch wenn das mit Blick auf die EM 2021 von ihm erwartet wird. Löw aber geißelt wie im September in Stuttgart, als sich die DFB-Elf nach zehn Monaten Pause aufgrund der Corona-Umstände zum ersten Mal wieder traf, lieber den prall gefüllten Terminkalender und die Belastungen für seine Profis. Es sind Dinge, die er auch jetzt in Leipzig mantraartig wiederholt.

Wenn Löw solche Dinge tut, dann hagelt es teils heftige Kritik. Der soll froh sein, dass überhaupt Länderspiele stattfinden in diesen Zeiten, heißt es dann gerne. Ähnliche Haltungen sind bei sportlichen Fragen zu vernehmen – wenn der 60-Jährige in Testspielen seine wichtigsten, hochbelasteten Kräfte schont, dann wird er von Experten wie Weltmeister Lothar Matthäus oder dem Ex-Bundestrainer Berti Vogts für seine Aufstellung angegangen. Fast scheint es so, als habe sich das Nörgeln am Bundestrainer in diesen Monaten verselbstständigt. Oder anders: Egal, was der Löw macht, er macht es in den Augen vieler Experten und Fans falsch.

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Woran das liegt? Auch in DFB-Kreisen hieß es nach dem WM-Titel 2014 irgendwann, dass Löw teils nur noch in seiner eigenen Welt lebe. In der Zeit danach erweckte der Bundestrainer tatsächlich den Eindruck, als ob ihn Dinge wie alltägliche Arbeit, Offenheit für Neues (Systeme, Spieler, Einlassen auf den Gegner) nicht mehr sonderlich interessierten. Löw wirkte abgehoben. Entsprechend spielte seine Mannschaft dann auch bei der WM in Russland.

Grundskepsis bleibt Löws Begleiter

Und so einer soll jetzt für den Wandel stehen, für frischen Wind sorgen – und eine erfolgreiche EM verantworten? Die Grundskepsis im Volk bleibt Löws treuer Begleiter. Dass er dabei das tut, was alle (und wirklich alle) von ihm nach der WM 2018 forderten, dass er also abkehrt von seinem Ballbesitzfußball, dass er auch mal auf Konter spielen lässt, dass er mit einer Dreierkette flexibler wurde, dass er den personellen Umbruch wagt und auf alte Meriten keine Rücksicht mehr nimmt – all das scheint kaum zu interessieren. Weil sogar das Richtige falsch zu sein scheint in der Bewertung des Bundestrainers. Auch wenn es um Belange geht, die nicht direkt mit dem Spiel zu tun haben.

Stellen wir uns also mal kurz vor, Jürgen Klopp sei Bundestrainer. Oder vielleicht auch Thomas Tuchel oder Ralf Rangnick, die nicht wie Klopp den Status eines Fußball-Nationalheiligen haben. Wenn der imaginäre Coach nun wie Löw sagen würde, dass die Belastung für die Spieler zu hoch sei, er würde wohl breite Zustimmung ernten. Bei Löw heißt es dann nur, er jammere zu viel. Wenn Klopp (oder vielleicht sogar Tuchel oder Rangnick) die wichtigsten Kräfte in Testländerspielen schonte, hieße es wohl: Mensch, der denkt nicht nur an sich, der denkt weitsichtig und hat die EM im Blick – ein toller Bundestrainer! Bei Löw heißt es: Wie kann der nur Leute wie Nico Schulz aufstellen, da sind ja nur noch Hinterbänkler! Und: das ist doch keine Nationalelf mehr!

Öl für das Feuer der Kritiker

Löw sagte kürzlich, dass es ihn nicht interessiere, wer was sagt, er wisse schon, was er tue. Er stehe über den Dingen. Diese Haltung war Öl im Feuer der Kritiker, die schnell wieder bei ihrem Lieblingsthema waren: Löw ist arrogant. Aber ist er das wirklich?

Wer Löw in den vergangenen Monaten bei den Länderspielen erlebt hat, der sah und hörte einen aufgeräumten, fokussierten und in sich ruhenden Trainer mit klaren Botschaften. So wie bei der provokanten Frage nach Horst Lichter und Dieter Bohlen – auf die Löw nicht überheblich reagierte. Sondern wohl eher souverän.