Joachim Löw fühlt sich stark genug, das Ruder bei der Nationalmannschaft noch einmal herumzureißen – er macht als Bundestrainer weiter. Foto: Getty

Bundestrainer Joachim Löw bleibt trotz des Scheiterns bei der WM 2018 in Russland Bundestrainer. Das kann nur gutgehen, wenn sich der 58-Jährige neu erfindet, kommentiert unser WM-Reporter Marco Seliger.

Stuttgart - Ein paar Tage in der Heimat in Freiburg, einige Gedanken in aller Ruhe, eine ehrliche Analyse – dann hat sich Joachim Löw entschieden. Für sich selbst. Das Präsidium hatte dem Bundestrainer schon am Wochenende einstimmig das Vertrauen ausgesprochen – trotz des blamablen und historischen Ausscheidens bei der WM 2018 in Russland. Nun zog der 58-Jährige nach. Er bleibt oberster Fußballlehrer der Deutschen – und doch ist klar: Ein „Weiter-So“ darf es im Nationalteam nicht geben.

Der Südbadener wird sich an seinen eigenen Worten messen lassen müssen, die er bereits am Tag nach dem peinlichen 0:2 gegen Südkorea im letzten Gruppenspiel der WM am Frankfurter Flughafen äußerte: Es braucht radikale und tiefgreifende Veränderungen. Und im besten Falle beginnt Joachim Löw bei dem, der ihm am nächsten ist: bei sich selbst.

An der Grenze zur Selbstgefälligkeit

Bei der WM in Russland lief einiges schief – doch der Bundestrainer trat selbst nach den ersten desaströsen Auftritten seiner Mannschaft mit einer Überzeugung auf, die an Selbstgefälligkeit grenzte. Er posierte am Strand von Sotschi für Fotografen und Touristen, er redete Probleme klein, er hielt zu lange an Bewährtem fest, taktisch und personell. Was, das strahlte Löw in den Tagen von Watutinki, Sotschi und Kasan aus, soll einem Weltmeister und dessen Weltmeistertrainer schon passieren? Dabei konnten alle Beteiligten mitansehen, wie dem Coach die Lösungen fehlten, um in einer Mannschaft, die keine war, noch eine Dynamik zu entwickeln, die Erfolge verspricht. Ein Weltmeistertrainer muss nichts mehr beweisen? Diese Vermutung erwies sich als fataler Trugschluss. Nun muss sie Löw erst recht widerlegen.

Der Bundestrainer hat sich entschieden, den Weg dieser Mannschaft weiter zu begleiten. Er steht auf dem Prüfstand, er muss liefern, er muss zeigen, dass er den Umbruch nun weniger zögerlich angeht, als noch vor diesem verpatzten Turnier in Russland. Der Vertrauensvorschuss von Seiten des Verbands ist riesig, Löws Vertrag läuft bis 2022, nun muss er dieses Vertrauen rechtfertigen.

Löw muss eine neue Gier wecken

Ob Löw in einer neuen Mannschaft eine neue Gier auf den größten aller Erfolge wecken kann, wird sich zeigen. Er selbst muss diesen Willen, diese Akribie, diese Leidenschaft vorleben. Und vor allem: Er muss sich noch einmal neu erfinden. Die Basis dafür hat er selbst erschaffen, er hat den deutschen Kickern den Weg aus den Rumpelfußballzeiten gewiesen, hat neue Einflüsse ins einst geschlossene System eingebracht, hat Erfolge gefeiert. Die bleiben für immer – dürfen nun aber nicht mehr den Blick verstellen vor notwendigen Veränderungen. Sonst birgt die Konstellation mehr Risiken als Chancen.

Der alte Löw hat ausgedient, ein neuer muss her. Sonst ist seine Zukunftsmission schon gescheitert, bevor sie überhaupt begonnen hat.

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