Wortgewaltig und allzeit liebenswürdig: Daniel Libeskind Foto: dpa

Das Jüdische Museum in Berlin ist eines seiner bekanntesten Werke: an diesem Donnerstag feiert der wortgewaltige und allzeit liebenswürdig auftretende Architekt Daniel Libeskind seinen 70. Geburtstag.

Stuttgart - Anfangs galt er als Alchimist unter den Architekten. Der im polnischen Łódz geborene, spätere Amerikaner Daniel Libeskind studierte in Israel und New York Musik, Geschichte und Philosophie, ehe er sich der Architektur widmete. Wie ein Universalkünstler der Frührenaissance mag er zwischen Magie, Symbolik, Ritus, Kunst und Naturwissenschaft nicht unterscheiden. Bekannt wurde er mit Zeichnungen, die auch gestandene Baumeister nicht zu dechiffrieren vermochten. Er galt als Philosoph unter den Architekten, als vielbewundertes, unverstandenes Genie, dem es – wie Zaha Hadid in ihren Anfängen – mehr um bewusstseinserweiternde, poetische, spartenübergreifende Architekturfantasien als um herkömmliche Häuser ging. Baustellen waren nicht sein Terrain.

Und dann der Paukenschlag, der ihn auch in der Öffentlichkeit berühmt gemacht hat: der Wettbewerbsgewinn 1989 und Bau des Jüdischen Museums in Berlin. Irgendwie ist es dann gelungen, ihm baubare Pläne abzuringen und das wie ein Blitz oder ein geborstener Davidstern in den Stadtgrundriss gerammte Bauwerk zu realisieren. In Berlin gelang Libeskind der Sprung aus der Theorie in den realen Architekturbetrieb. Er baute ein leistungsstarkes Büro auf und bestritt erfolgreich Wettbewerbe in der ganzen Welt. Viele Entwürfe konnten realisiert werden, in Manchester, San Francisco, Denver, Bern und Düsseldorf.

Symbolträchtige Ideenwelt

Sein spektakulärster Erfolg war allerdings auch mit seiner schmerzlichsten Niederlage verbunden. Der Immobilien-Tycoon Larry Silverstein mochte Libeskinds faszinierenden Entwurf für den neuen Turm des One World Trade Centersauf Ground Zero in Manhattan nicht. Libeskind musste sich zähneknirschend mit einer Beraterrolle zufrieden geben. Mit seiner Formensprache und seiner symbolträchtigen Ideenwelt - 1776 Fuß sollte sich die Spitze des Wolkenkratzers in den Himmel recken und damit an das Jahr der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung erinnern – hat der inzwischen realisierte dröge Kommerzbau nichts mehr zu tun. Libeskind hatte Büro und Wohnsitz eigens von Berlin nach New York verlegt und steuert seitdem von dort und einer Dependance in Zürich die laufenden Projekte.

Während Kollegen wie Wolf Prix oder Frank O. Gehry ihre signature architecture als Eigenmarke weltweit immer dort verkaufen, wo ein zahlungskräftiger Klient mit einer Architekturikone renommieren möchte, liefert Libeskind durchaus auch Spektakuläres, nimmt jedoch den Kritikern solch ortloser, ikonischer Alien-Architektur den Wind aus den Segeln, indem er die Bauaufgabe und den Ort symbolisch zu überhöhen versteht. Da wird das Felix Nussbaum gewidmete Museum in Osnabrück zum labyrinthischen Symbol für den schicksalhaften Lebensweg des Malers. Da thematisiert der gläserne Keil, der brutal durch das historische Militärmuseum in Dresden schlägt, Blitzkrieg, Zerstörung und Verstörung. An diesem Donnerstag feiert der wortgewaltige und allzeit liebenswürdig auftretende Architekt seinen 70. Geburtstag.

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