Ende der 70er Jahre wurde das Haus in der Tübinger Münzstraße 13 besetzt und zum Herzstück eines linken Wohnprojekts. Seit Anfang an mit dabei: James Hope, Revoluzzer und Philosoph mit australischem Pass.
Er zieht eine Pfeife aus der Innentasche seines Sakkos, dann eine Streichholzschachtel und eine zerschlissene Ledertasche mit seinem geliebten Erinmore-Tabak. Er legt alles sorgfältig auf den Tisch neben den Teller voller Knochen – Überreste der Hühnerschenkel mit Bratkartoffeln. „Hat gut geschmeckt!“, ruft er seinem Mitbewohner zu und pafft Wolken in die Küchenluft. Seit 46 Jahren lebt er neben der Tübinger Stiftskirche in einem dreistöckigen, denkmalgeschützten Haus aus dem 16. Jahrhundert. Das teilt er mit 21 Bewohnern im Alter zwischen sieben und 51 Jahren. Im Erdgeschoss ist die Anarchokneipe Der Blaue Salon mit einem großen Marx-Bild als Blickfang.
Die Kommunarden fordern: Wohnraum statt Leerstand
Rückblick: Am 27. Februar 1977 wird das Gebäude in der Münzgasse 13 besetzt. Einen Tag später zieht James Hope ein. Die Forderung der Kommunarden: günstiger Wohnraum statt Leerstand, Raum für alternative Kultur und Lebensmodelle. Von den damaligen Besetzern ist Hope der einzige, der immer noch da ist. Und unter den gut 2000 Tübingern Senioren über 85 wohnt er als einziger in einem selbstverwalteten Projekt.
James Hope, Jahrgang 1936, kramt eine Plastiktüte hervor und packt den Inhalt aus. Vergilbte Seiten der Kinderzeitschrift „The Champion“ aus den 1940er Jahren: „Schon als Kind habe ich gerne alles aufgehoben“, sagt er mit seinem starken englischen Akzent.
Per Schiff kam James Hope 1962 aus Australien nach Deutschland. Wie viele Länder er auf seiner ersten Reise nach Europa gesehen hat, ist nicht deutlich zu rekonstruieren. Der Faden seiner Erzählungen reißt immer wieder, seine Gedanken springen hin und her in der Zeit. Manche Wörter nuschelt er in seinen weißen Bart.
Als Teenager hatte James Hope in der Textilfabrik seines Vaters gearbeitet. Mit dem Geld kaufte er sich ein Radio, damit hörte er sich in der Welt um. So entdeckte er sein Interesse für Sprachen, 30 davon habe er bisher gelernt, sagt er. Sein Lieblingssender war die Deutsche Welle. Nach der Schule studierte er Germanistik in Melbourne. Einer seiner Professoren hatte die Universität in Tübingen besucht und ihm davon vorgeschwärmt: Da musste Hope auch hin. Dort hörte er schließlich den marxistischen Philosophen Ernst Bloch reden: Die Gesellschaft ist noch nicht bei sich angekommen, weil die Menschen noch Mangel fühlen. Daran zu arbeiten, fand Hope lohnenswert.
Hope hat ein 20 Quadratmeter großes Zimmer, das vollgestopft ist mit Bücher, Zeitungen, Zeitschriften. Sie stapeln sich fast bis zur Decke. Schmale Pfade führen durch das Literaturdickicht zum Bett, zum Stuhl und zum Schreibtisch. Von manchen Büchern hat Hope gleich mehrere Exemplare. Weil er nicht mehr wusste, ob er die schon hat, kaufte er sie vorsichtshalber immer wieder. Was er gerade sucht, hat er ganz sicher. Nur wo?
Neben der Gesamtwerke von Marx und Engels zieht Hope schließlich ein Büchlein aus dem staubigen Regal. Er blättert die erste leere Seite des feinen Papiers um: „Du contrat social ou Principes du droit politique, J. J. Rousseau, Amsterdam, MDCCLXII“. Ein Exemplar der ersten Auflage: „Rousseau ist mein Lieblingsphilosoph. Der Vater des Sozialismus“, sagt James Hope.
Im „Discours sur l’inégalité“, einem früheren Werk, beschreibt Rousseau den Übergang vom Naturzustand zur bürgerlichen Gesellschaft, die Schaffung des Privateigentums als Ursprung der Ungleichheit zwischen den Menschen. In diesem Sinne stellen Häuserbesetzungen einen Versuch dar, Gleichheit wiederherzustellen. James Hope hat sein Zuhause gleich zweimal besetzt.
Die „Tübinger Linie“
Als er im Februar 1977 in die Münze 13 einzog, hatte er einen Schlafsack und seine Bücher bei sich. Als vordringliche Aktion baute er Regale für seine Sammlung. Das dauerte sechs Wochen, danach erst war er mit seinem neuen Zuhause zufrieden.
Seit Ende der 1960er Jahren war es in Tübingen immer wieder zu Hausbesetzungen gekommen, die prägend für die Stadt sein sollten. Das Jugendzentrum Epplehaus, mehrere Wohnprojekte und Studentenwohnheime sind daraus hervorgegangen.
Die Besetzungswellen entsprachen deutschlandweiten Bewegungen dieser Zeit. Speziell für Tübingen war hingegen der Umgang der Behörden mit den Hausbesetzungen: Die „Tübinger Linie“ sah keine brachialen Räumungen wie in Berlin oder Freiburg vor. Anstatt polizeilicher Räumungen und damit verbundener Auseinandersetzungen wurden mehrere besetzte Häuser in die Trägerschaft des Studentenwerks übernommen.
„Ihr kriegt uns hier nich’ raus! Das ist unser Haus“: 45 Jahre später, am 27. Februar 2021, hallt aus den Fenstern des Wohnprojekts der Rauch-Haus-Song des Musikerkollektivs Ton, Steine, Scherben. Aus der zweiten Etage schaut James Hope zur Straße, neben ihm ein Banner: „Die Münzgasse 13 ist besetzt.“ Die Bewohner haben die Zahlung der Miete an den Studentenwerk-Verein eingestellt.
Hope und seine Mitbewohner kritisieren, heute wie früher, dass der Verein die Bausubstanzen verfallen lasse. Jahrelang forderten sie, das Studentenwerk solle ihnen das Haus verkaufen – „um selbstverwaltetes Leben zu sichern und auszubauen“. Die zweite Besetzung dauert bis Oktober 2022. Sie wirkt.
Das Wohnprojekt kann dem Studentenwerk das Haus bis Ende 2023 abkaufen – auch dank der Unterstützung der Stadtverwaltung und des Landes. Die Bewohner sammeln gerade Kredite von Privatpersonen und Gruppierungen. Ob der Kauf gelingt, ist unklar. Dass die Option besteht, ist aber ein Erfolg, den Hope nur im Bett feiern kann.
Mitte September 2021 bekommt er einen Herzinfarkt und verbringt einen Monat in zwei Tübinger Kliniken. Als er zurückkehrt, verändert sich sein Leben in der Münze 13. Plötzlich ist er nicht mehr in der Lage, allein aus dem Bett zu kommen – in einem Haus voller Stufen. Seine Mitbewohner organisieren sich, um ihn zu pflegen. Hope bekommt einen SOS-Knopf, per App ist er mit den Smartphones seiner Mitbewohner verbunden. In einer Excel-Tabelle teilen sich die Bewohner in Schichten für die Rufbereitschaft und andere Aufgaben ein. Zum Beispiel: Kartoffelpüree zum Mittagessen zubereiten oder die „New York Times“ am Nachmittag besorgen.
Ohne seine Zeitungen verbringt James Hope keinen Tag: „New York Times“, „taz“, „The Guardian“, „Schwäbisches Tagblatt“. Nur gedruckte Ausgaben. Er besitzt keinen Computer, kein Smartphone, kein Handy. „Ich bin ein bisschen altmodisch“, sagt er. Zum festen Leseprogramm gehören auch Wochenmagazine wie die Zeitschrift „Astronomy“. Als Bub wollte er Astronom werden, er guckt heute noch gerne nach den Sternen auf der Dachterrasse.
Hopes Weltsicht im Freien Radio
Die Excel-Tabelle wird inzwischen nicht mehr gebraucht. James Hope muss zwar zum Frühstück sieben Pillen für das Herz, die Nieren, die Leber nehmen, er kann sich aber wieder alleine bewegen. Inzwischen sind drei seiner Mitbewohner von ihm offiziell bevollmächtigt worden. Das hat ihnen ermöglicht, einen Pflegeplan mit externer Unterstützung zu organisieren.
Dreimal die Woche bekommt James Hope gekochtes Essen geliefert, zweimal die Woche besucht ihn Pflegepersonal und einmal die Woche eine häusliche Pflegerin. Um alles weitere kümmert sich weiter die Wohngemeinschaft. James Hope hat genug Kraft, um sich wieder seiner Arbeit zu widmen.
An diesem Dienstag spricht er, wie jeden Dienstag seit 24 Jahren, über Wetter und Weltpolitik beim Freien Radio Wüste Welle. Geld bekommt er dafür nicht. Arbeit ist es trotzdem. Lesen, schreiben, sich mit Politik auseinandersetzen, in Tübingen und überall: Das ist die Beschäftigung, die sich James Hope für sein Leben ausgesucht hat. Zum Mietezahlen, Medikamente-und-Zeitungen-Kaufen reicht ihm eine kleine Rente aus Australien.
Zwischen dem Lokalradio in der Tübinger Südstadt und der Münzgasse liegen drei Kilometer. Vor seinen Klinikaufenthalten ist er die Strecke gelaufen, jetzt nicht mehr. Viertel vor eins steht er vor den Fahrplänen auf der Eberhardsbrücke. Hier gibt es keine Sitzmöglichkeiten. Das ist schlecht, weil Hope im Stehen seine Pfeife nicht stopfen kann.
Um eins kommt der Bus, 13.20 Uhr steigt James Hope aus. Zum Radio fehlen noch 300 Meter. Nach 30 Schritten kippt er zur Seite. Er stützt sich gegen eine Wand, atmet tief ein. Nach ein paar Minuten geht es weiter. Wieder 30 Schritte, dann Pause an einem Lichtmast. Dann weiter. Rast an einem Auto. Dann Halt an einer Regenrinne. Dann am Treppengeländer. Warum kein Gehstock? „Entweder gehe ich oder gehe ich nicht“, sagt James Hope.
Um 13.40 Uhr lässt er sich auf einen Stuhl vor dem Radioeingang fallen. Er nimmt eine alte Ausgabe von „Astronomy“ aus der Innentasche seines Wintermantels, zieht ein Blatt Papier heraus, beschrieben mit einer winzigen Handschrift. Er wird jetzt noch mal Satz für Satz seinen Radiobeitrag durchgehen. Zeit hat er genug. Um halb drei muss er erst im Aufnahmestudio sein.