Immer mehr Kinder und Jugendliche ziehen sich zurück, weil sie mit dem Schulalltag nicht zurechtkommen oder es Konflikte in der Familie gibt. Foto: - stock.adobe//naumenkoe

Noch nie mussten so viele junge Menschen im Südwesten in psychotherapeutischen Einrichtungen behandelt werden. Besonders von der Diagnose Depression betroffen sind die 11- bis 17-Jährigen. Experten versuchen die Gründe zu klären.

Sie sind traurig, verzweifelt und wütend – weil sie mit dem Schulalltag nicht zurechtkommen, weil es Konflikte in der Familie gibt. Nicht selten kommen Ängste hinzu: Was soll nur aus einem werden – in Zeiten von Inflation, Krieg, Terror und dem Klimawandel? „Die Psyche leidet bei vielen jungen Menschen“, sagt Jakob Kalinowsky, Leiter der Online-Beratungsstelle Jugendnotmail. Seit mehr als 20 Jahren versucht das Team, Heranwachsende zu beraten, ihnen Hilfen aufzuzeigen und die Wartezeit bis zu psychotherapeutischer Behandlung zu überbrücken. „Aber so viele wie in den vergangenen vier Jahren waren es noch nie“, sagt Kalinowsky.

 

Die Flut der Anfragen reißt nicht ab. Von 15 bis 20 neuen Hilfe suchenden E-Mails täglich spricht der Leiter der Beratungsstelle. Das sind rund 7300 verzweifelte Jugendliche pro Jahr. „Dabei haben wir es auch mit depressiven Symptomatiken zu tun und immer häufiger mit suizidalen Gedanken“, so Kalinowsky.

Offenbar lasten globalen Themen schwerer auf der Psyche der Jugendlichen

Zwar gab es die Hoffnung, dass sich für die Heranwachsenden nach der Pandemie alles wieder einpendele: Nicht wenige Experten sprachen davon, dass die meisten Kinder und Jugendlichen sich nach den psychischen Belastungen der Coronazeit wieder erholen werden. Inzwischen zeigt aber nicht zuletzt die aktuell veröffentlichte Trendstudie „Jugend in Deutschland“, dass die Stimmung der jungen Generation zu kippen droht. Die psychische Belastung sei für junge Menschen so hoch wie nie, resümierten die Autoren der Umfrage, an der Anfang des Jahres mehr als 2000 Heranwachsende im Alter von 14 bis 29 Jahren online teilgenommen haben.

Offenbar lasten die globalen gesellschaftlichen Themen schwerer auf der Psyche der Jugendlichen, als es bei früheren Generationen und deren Sorgen der Fall war. Auf die unterschiedlichen Bedrohungen reagiert die Jugend zunehmend mit Hilflosigkeit, teils auch mit Hoffnungslosigkeit. Eine weitere beunruhigende Entwicklung: Wer mit eigenen Problemen kämpft, engagiert sich weniger, und die politische Teilnahme nimmt ab.

Betrachtet man dazu die Zahlen der AOK Baden-Württemberg, zeigt sich, dass ein nicht unerheblicher Teil langfristige Probleme davonträgt. So berichtet die Krankenkasse bei Elf- bis 17-Jährigen von einer ungewöhnlich hohen Zahl der Diagnose Depression. Die AOK hat für unsere Zeitung die Neuerkrankungen von minderjährigen Versicherten wegen psychischer Probleme in den vergangenen zwölf Jahre ausgewertet: Wurden im Jahr 2011 im Land noch 241 Krankenhausfälle mit der Diagnose Depression festgestellt, waren es kurz vor der Pandemie schon 923 Betroffene.

Während der Lockdowns und auch in den Folgejahren hat sich die psychische Gesundheit der Heranwachsenden dann noch mal deutlich verschlechtert – und sich seitdem auch nicht wieder erholt: Die Zahl der Diagnosestellungen in klinischen Einrichtungen bei Depression im Jugendalter hat sich zwischen 1150 und 1300 Fällen eingependelt. Die Zahlen spiegeln allerdings nicht zwangsläufig den tatsächlichen Versorgungsbedarf wider, heißt es von der Krankenkasse. So könnte er aufgrund des begrenzten Angebots an Betten verzerrt sein. Eine hohe Dunkelziffer an jungen Menschen, die therapeutische Hilfe benötigen, sei somit durchaus möglich.

Im Zentrum für Seelische Gesundheit des Klinikums Stuttgart waren im vergangenen Jahr mehr als 5600 Patienten in stationärer oder teilstationärer Behandlung, davon rund 470 in der Kinder- und Jugendpsychiatrie. Dass die Anfragen für eine Behandlung in dieser Altersgruppe gestiegen sind, bestätigt Oliver Fricke, der Leiter der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie: „Jugendliche entwickeln nicht selten eine depressive Störung als Begleiterkrankung einer psychischen Störung.“ Steigt die Zahl der psychischen Erkrankung, wird auch die Diagnose Depression häufiger gestellt. Betroffen sind vor allem Mädchen, besonders ab 14 Jahren, und Jugendliche aus sozial benachteiligten Familien.

„Zudem hat sich gezeigt, dass die Corona-bedingte soziale Isolation – etwa aufgrund der Schulschließungen – bei den Jugendlichen zu einer geringeren Ausbildung von Resilienz geführt hat, also einer verminderten seelischen Widerstandskraft“, sagt Fricke. Gleichzeitig haben die Stressfaktoren im Alltag zugenommen. Diese Entwicklung macht die Heranwachsenden anfälliger für die Entwicklung einer Depression.

„Wir gehen davon aus, dass etwa 20 Prozent der Kinder- und Jugendlichen vor der Pandemie psychosozial belastet waren“, sagt Fricke. Zehn Prozent waren bereits erkrankt, die anderen zehn Prozent wiesen verringerte Resilienzfaktoren auf. „Aufgrund der Pandemie sind von den zehn Prozent mit verminderten Resilienzfaktoren vermehrt Jugendliche erkrankt, was zum Anstieg der Prävalenz einer manifestierten Erkrankung geführt haben wird.“

Es ist nicht immer einfach Hilfe von Experten zu finden

Fachliche Hilfe zu finden ist oft schwer. Zwar gibt es hierzulande im Vergleich zu Ländern wie England und den USA eine sehr gute Versorgung. Auch ist die Zahl der Psychotherapieplätze für Kinder und Jugendliche in den letzten acht Jahren um fast 70 Prozent gestiegen. Dennoch sind lange Wartezeiten oft die Regel: „Wir begleiten die Jugendlichen häufig mehrere Monate, bis sie therapeutische Unterstützung erhalten“, sagt Kalinowsky von der Beratungsstelle Jugendnotmail. Hier sieht er großen Handlungsbedarf – auch von der Politik. Die Deutsche Depressionshilfe plädiert zudem dafür, der steigenden Zahlen der psychisch erkrankten Heranwachsenden mit mehr Prävention zu begegnen – und das Thema Depression und psychische Gesundheit in die Lehrpläne von Schulen aufzunehmen.

Der Stuttgarter Experte Oliver Fricke hält es für sinnvoll, insbesondere die Resilienz von Kindern und Jugendlichen zu stärken. Wichtig sei dabei die Entwicklung einer sogenannten internalen Kontrollüberzeugung. Darunter wird die Überzeugung verstanden, dass Zustände durch eigenes Handeln verändert werden können, dass man also Kontrolle bewahren kann – und nicht nur durch äußere Faktoren gelenkt ist. „Wer eine gute internale Kontrollüberzeugung besitzt, wird sprichwörtlich nicht ohnmächtig, wenn er in eine Krise gerät.“