Ein zugkräftiges Gespann dirigiert Julian Sartorius. Die belgischen Kaltblüter Felix und Max ziehen Stämme über die keltische Viereckschanze Foto: Lichtgut/Horst Rudel

Eine besondere Form der bodenschonenden Holzernte setzt zur Zeit das Forstamt Esslingen ein. Der Grund: Es werden Bäume gefällt auf der keltischen Viereckschanze beim Jägerhaus.

Esslingen - Eine besondere Form der bodenschonenden Holzernte setzt zur Zeit das Forstamt Esslingen ein. Der Grund: Es werden Bäume gefällt auf der keltischen Viereckschanze beim Jägerhaus. Die schweren Forstmaschinen würden das Bodendenkmal zerstören, und so müssen Felix und Max ran. Den beiden belgischen Kaltblütern ist es richtig warm. Das Fell ist durchgeschwitzt, während sie Stamm um Stamm an die Rückegasse ziehen, wo die Stämme von einem Kran verladen werden.

Die Kelten hatten früh und gern im Neckartal gesiedelt. Aber nicht nur da. Der Höhenzug beim Jägerhaus, jetzt Teil des Schurwalds, war einst eine weite Ackerfläche. Noch heute gibt es dort keltische Grabhügel, aber die sind weitaus älter als die Keltenschanze, so weit entfernt etwa wie die Neuzeit zur Spätrenaissance. Die Grabhügel datieren um 600 vor Christus, die keltische Viereckschanze um 200 vor Christus, stammen also aus der Spätzeit der keltischen Geschichte, als sie schon in ständige Grenzkriege mit den Germanen verwickelt waren.

Musterhaft ausgegraben

Erst seit den 1990ern wisse man, was eine keltische Viereckschanze sei, erklärt Jörg Bofinger vom Landesdenkmalamt in Esslingen. Früher hielt man sie für keltische Heiligtümer, heute hat man herausgefunden, dass der Zweck des quadratischen 100 auf 100 Meter großen Erdwalls deutlich profander ist: Es war einfach ein umfriedeter Bauernhof. Man hatte solche Anlagen musterhaft ausgegraben und die Pfostenlöcher von Speicherbauten und großen Wohngebäuden gefunden. Das passte nicht zu einem Versammlungsort für rein kultische Zwecke.

Mit bloßem Auge ist die Viereckschanze kaum zu erkennen, sie erhebt sich nur noch geringfügig über dem braunen Waldboden. Mächtige Bäume waren hier gestanden, und genau das war auch das Problem erklärt Ingo Hanak vom Forstamt Esslingen. Ab 20 Metern bekommt ein Baum ein derart schlechtes Hebelverhältnis zwischen Stamm und Wurzeln, dass er große Gefahr läuft, umgeworfen zu werden, wenn es richtig stürmt. Wenn der Wurzelteller dann aus dem Boden ausreißt, nimmt er einen riesigen Erdklumpen mit, was dem Bodendenkmal nicht gut tut.

Dass die Schanze überhaupt so lange erhalten blieb, ist der Forstwirtschaft früherer Jahrhunderte geschuldet. Hochstammwirtschaft, wie man sie heute im Schurwald kennt, gab es früher praktisch kaum. Die Stämme wurden kleingehalten, dann gefällt und zu Brennholz verarbeitet. Aus der stehengebliebenen Wurzel sproß meist ein neuer Baum, der dann in etwa 50 Jahren wieder schlagreif war.

Pferde sind wendiger als Maschinen

Durch die industrielle Revolution brauchte man kein Brennholz mehr, sondern stieg auf Kohle und später auf Öl um. Die Stämme wurden höher und zu Bauholz verarbeitet, die Schäden an den Bodendenkmälern wurden größer. Jetzt will das Forstamt wieder Niederwald pflanzen. Haselnuss-Sträucher und Hainbuchen sollen die Viereckschanze bedecken. Kleinere Stämme sind auch für die Pferde leichter zu bewältigen.

Die Tiere können zwar einen dicken Lerchenstamm mit mehreren Tonnen ziehen, aber sie ermüden dabei sehr schnell. Felix und Max tragen rote Ohrenschützer, die kunstvoll gehäkelt sind. Doch hat sie Sartorius den Pferden nicht nur aus Zierde angelegt. Die Ohrenschützer verhindern, dass den Pferden kleine Mücken in die Ohren kriechen und sie peinigen.

Mehrere Tage braucht der Landschaftsgärtner Sartorius, bis die Stämme weggeräumt sind. Bei großen Holzernte-Maschinen müssen die Stämme so gefällt werden, dass sie parallel zu liegen kommen. Dabei werden Bäume, die stehen bleiben, oft von fallenden Stämmen getroffen und beschädigt. Weil die Pferde wendiger sind als die Maschinen, können die Holzfäller die Stämme kreuz und quer legen und arbeiten so schonender

Die Mitarbeiter des Landesdenkmalamtes sind froh, ihre Schreibtische zu verlassen und in das Waldesdunkel beim Jägerhaus vorzustoßen. Sie selbst arbeiten eng mit der Forstverwaltung zusammen und schulen die Förster, damit sie Grabhügel oder Schanzen erkennen können. So bleiben die Bodendenkmäler auch in Zukunft erhalten und können wertvolle Hinweise auf die Geschichte der Menschheit geben.

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