Das Junghans Museum in Schramberg verbindet Industriearchitektur und Schwarzwälder Uhrengeschichte. Der Unternehmer Hans-Jochem Steim hat den Terrassenbau, der in Kriegszeiten entstand, liebevoll sanieren lassen.
Schramberg - Es ist der pure Spieltrieb. Hans-Jochem Steim, Seniorchef der Kern-Liebers-Gruppe mit seinen 8000 Mitarbeitern, dreht an Zeigern und zupft euphorisch an Seilzügen. „Jetzt kommt die Metzgeruhr“, sagt er und freut sich ein Loch in den Bauch, als ein kleines hölzernes Rindvieh unter Beilhieben beim zwölften Glockenschlag umfällt. Die kuriose Figurenuhr aus dem 19. Jahrhundert ist in bester Gesellschaft. Sie hängt neben Kuckucksuhren und klangvollen Musikspielautomaten in einem liebevoll eingerichteten und sanierten Museum mitten im Schwarzwald, das ohne den Schramberger Unternehmer Hans-Jochem Steim niemals eröffnet worden wäre.
Der 76-jährige Millionär und Mäzen im karierten Hemd kann seine Freude kaum verbergen und führt selbst durch die Etagen des Terrassenbaus. Bis in die 70er Jahre hinein wurden dort Uhren der Firma Junghans gefertigt, danach stand das denkmalgeschützte Industriegebäude leer. 2009 haben Hans-Jochem Steim und sein Sohn Hannes den insolventen Uhrenhersteller übernommen und damit jene Traditionsmarke gerettet, die unzertrennlich mit ihrer Heimat verbunden ist. „Ich war Kind, Helmut Junghans war der liebe Gott in Schramberg“, erinnert sich Hans-Jochem Steim. Junghans sei um 1903 der weltweit größte Uhrenhersteller gewesen. 3000 Mitarbeiter fertigten damals pro Jahr mehr als drei Millionen Uhren.
Eine Liebeserklärung an Schramberg
Das Museum in Hanglage ist eine Hommage an die Gründer der Schwarzwälder Uhrenindustrie und eine Liebeserklärung von Hans-Jochem Steim an seinen Geburtsort. Auch sein Familienunternehmen begann einst als einer von mehreren Zulieferern für Junghans, fertigte Zugfedern und ist längst selbst Weltmarktführer geworden. „In jedem zweiten Auto ist ein Sicherheitsgurt mit einer Kern-Liebers-Feder“, sagt Hans-Jochem Steim stolz.
Jede Tour durch das Uhrenmuseum beginnt mit einer Fahrt im Schrägaufzug an der Südseite des Industriedenkmals. Er macht den Bau behindertengerecht zugänglich und führt hinauf in die oberste der neun Terrassen. Dort sind Kuckuck und Wachtel vereint, es begeistern die Schwarzwalduhren der Sammlung Heinrich Engelmann aus Vechta. Die 300 Exponate geben Einblick in die Uhrenherstellung vom 18. bis zum frühen 20. Jahrhundert. Steim hat sie zum Teil im Auto nach Schramberg gebracht. Die Uhrenausstellung und die Industriearchitektur des Gebäudes, das mitten im Ersten Weltkrieg von 1916 bis 1918 errichtet wurde, stehlen einander fast die Show. Beides ist geradezu perfekt inszeniert. Tageslicht an jedem Arbeitsplatz war die Vorgabe des Bauherren für den Stuttgarter Industriearchitekten Philipp Jakob Manz, und so entstand die Idee der 42 Meter langen schmalen Terrassen mit den durchgängigen Fensterbändern. Die Arbeitssäle werden rechts und links flankiert von Pavillons mit Walmdächern – eine symmetrische Anlage mit opulenten Treppenhäusern und einer funktionalen Eleganz.
Eine funktionale Ästhetik
In Kriegsjahren wurden dort Zünder für Munition hergestellt, Junghans war ein wichtiger Rüstungsbetrieb. In Friedenszeiten wurde Platz geschaffen für die Uhrenproduktion. „Mir blieb nichts anderes übrig, als das Ganze sorgfältig zu machen“, sagt Steim über das millionenteure Mammutprojekt. Er hatte die passenden Partner aus Stuttgart und Schramberg an seiner Seite: Uwe Brückner vom Atelier Brückner, den Ausstellungsmacher Arkas Förstner und den Architekten Jürgen Bihlmaier. Im Terrassenbau ist erhalten worden, was ging. Der Fischgrätparkett wurde überarbeitet, die Holzfenster wurden ausgebaut und mit bauzeitlicher Leinölfarbe gestrichen. Von Hand wurde eine zwei Kilometer lange Bordüre an der Wand nachgetupft. Hans-Jochem Steim freut sich an den Details, er plaudert munter abwechselnd über die Architektur und die Uhrenindustrie. Auch die Entwicklung der Familie und Firma Junghans wird ausführlich skizziert, von der Taschenuhrenfertigung bis zur Forschungsabteilung, von der Beschäftigung von Zwangsarbeitern bis zur Solartechnologie in den Zifferblättern.
Schon die Großmutter von Mappus arbeitete bei Junghans
„Die Großmutter von Stefan Mappus hat hier gearbeitet, und Wolfgang Schäubles Vater machte bei Junghans seine Lehre“, erzählt Hans-Jochem Steim, der noch etliche Anekdoten auspacken könnte und immer wieder an Vitrinen und iPads stehen bleibt, während er erzählt.
Ein Schwenk auf Kern-Liebers beendet die Tour, und selbstverständlich gibt es Richtung Ausgang auch einen Werksverkauf. Gleich gegenüber, im Hochbau, werden die Kollektionen produziert. Auch Hans-Jochem Steim trägt eine Junghans. Ein Designklassiker, schlicht, 1961 entworfen von Max Bill. „So was Dickes mag ich nicht“, sagt Steim. Mit dieser Wahl beweist er, dass er nicht nur bei Sanierungskonzepten einen Sinn für Ästhetik hat.