Die Restauratorin Heidi Mattern arbeitet akribisch, um den weiteren Verfall der Kulturdenkmale zu stoppen. Foto: Horst Rudel

Der alte Nürtinger Friedhof ist stadt- und kulturhistorisch bedeutsam. Jetzt sind drei Epitaphe restauriert worden. Sie sind Zeugnisse der langen Tradition als Schulstadt und der Hexenverfolgung.

Nürtingen - Die 24 historischen Grabplatten aus Stein an der Mauer des Alten Friedhofs in Nürtingen gelten als „Gedächtnis der Stadt“. Sie erinnern an Persönlichkeiten früherer Jahrhunderte. Doch der Zahn der Zeit nagt an diesem Gedächtnis. Um der Verwitterung vorzubeugen, hat die Stadt Nürtingen auf Initiative des Schwäbischen Heimatbunds drei Epitaphe restaurieren lassen. Im Laufe dieses Monats sollen sie wieder in die Friedhofsmauer eingesetzt werden.

Hohlstellen hinter der Steinoberfläche sollen vermieden werden

Seit dem Frühsommer hat die Restauratorin für Steinobjekte, Heidi Mattern, in akribischer Arbeit die drei Kolosse aus Sandstein behandelt, um ihren weiteren Verfall aufzuhalten. Die Platten weisen eingemeißelte Inschriften und teilweise aufwendige renaissancezeitliche Ornamente und Reliefschmuck auf. Die jeweils rund eine Tonne schweren Steine waren zuvor vorsichtig aus ihren Nischen in der Friedhofsmauer ausgebaut und dann mit Gurten gesichert zum alten Gesundheitsamt transportiert worden.

Dort in einer Garage hat die Restauratorin die steinernen Zeugen vergangener Jahrhunderte zunächst vorgereinigt und eine Salzverminderungskompresse aufgebracht. Die teils bröselig gewordene Steinstruktur hat sie dann mit Kieselsäure gefestigt. Das Ziel des Verfahrens ist, die Grabplatten für die nächsten Jahrzehnte so gut wie möglich zu konservieren. „Ein Stein ist sehr haltbar, aber eben nicht für die Ewigkeit“, sagt Heidi Mattern. Risse und Schalen werden hinterfüllt, sodass es möglichst wenige Hohlstellen hinter der Steinoberfläche gibt. Aufstehende Steinschuppen und Bruchkanten werden mit Steinersatzmörteln „angeböscht“.

Verlorene Bereiche eines Reliefs sind für immer verloren

An einer Wiederherstellung des Originalzustands arbeitet die Nürtinger Restauratorin allerdings nicht. Verlorene Bereiche des Reliefs sind für immer verloren. „Wir erhalten das, was an Originalsubstanz noch vorhanden ist“, erläutert Heidi Mattern die Restaurierungsethik.

Die Epitaphe stammen vom Kreuzfriedhof, der 1829 verlegt wurde, weil er zu klein geworden war. Damit wurde der heutige Alte Friedhof zur allgemeinen Begräbnisstätte in Nürtingen. Zuvor war er seit 1796 zunächst nur als Kinderfriedhof belegt gewesen. Eine Bruchsteinmauer mit eisernen Toren fasst den Alten Friedhof ein. Viele der steinernen Epitaphe verwittern zunehmend. Fünf davon wurden bereits 1998/99 saniert.

Grabplatten erinnern an Todesfälle im ausgehenden 16. Jahrhundert

Aus Denkmalsicht ist der Alte Friedhof von großer stadt- und kulturhistorischer Bedeutung. Unter anderem gelten die Steinepitaphe aus dem 16. Jahrhundert als frühneuzeitliche Zeugnisse einstiger Glaubens-, Stil- und Bestattungskultur und sind von allgemein großem Interesse.

Beim Schwäbischen Heimatbund weiß man, welche Geschichten die Grabplatten erzählen. Wie Sigrid Emmert von der Regionalgruppe Nürtingen erklärt, führt die Recherche bei zwei Epitaphen in die Nürtinger Schullandschaft nach der Reformation. Das älteste Epitaph berichtet vom Tod des Schülers David Seitz im Jahr 1594. Der zu diesem Zeitpunkt 15-Jährige war ein Sohn des Schulmeisters Seitz an der deutschen Schule. Ein weiterer Todesfall im Haus Seitz ereignete sich zwei Jahre später. Diesmal traf es den Kostgänger Melchior Kurrer, der von seinen Eltern von Herrenberg auf die Nürtinger Lateinschule geschickt worden war – die Grabplatte von 1596 zeugt Sigrid Emmert zufolge auch von der Qualität der Nürtinger Bildungseinrichtung damals.

Mindestens 142 Frauen fallen der Hexenverfolgung zum Opfer

Das dritte Epitaph ist dem 1608 gestorbenen Balthasar Mütschelin gewidmet. Der Nürtinger Vogt tat sich zwar als Autor einer Landchronik hervor, auf der anderen Seite ist er aber auch durch seine unrühmliche Rolle als Hexenverfolger in die Geschichte eingegangen. So gilt Mütschelin als mitverantwortlich für die Hexenverbrennungen in Wiesensteig von 1562 an, denen schätzungsweise mindestens 142 Frauen zum Opfer gefallen sind. Bei der Entscheidung, das sich in relativ schlechtem Zustand befindliche Epitaph restaurieren zu lassen, spielte auch eine Rolle, dass an seinem Beispiel das Phänomen Hexenverfolgung exemplarisch nachvollziehbar wird.

Die Gesamtkosten für die Restaurierung liegen bei 20 000 Euro. Das Landesamt für Denkmalpflege hat 6500 Euro beigesteuert, weitere 6000 Euro kommen von der Denkmalstiftung. Die Stadt Nürtingen als Eigentümerin der Epitaphe beteiligt sich mit 2000 Euro. Den Rest von etwas mehr als 5000 Euro trägt die SHB-Regionalgruppe Nürtingen. Und die restlichen Epitaphe auf dem Alten Nürtinger Friedhof? „Die wird wohl der Zahn der Zeit glatt hobeln“, befürchtet der Nürtinger SHB-Vorsitzende Uwe Beck.

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