Großübung in Denkendorf: Die Hilfskräfte haben 32 Unfallopfer, darunter zehn Schwerverletzte, zu versorgen. Foto: Markus Brändli

Feuerwehr, Rettungsdienst und ehrenamtliche Einheiten haben in Denkendorf (Kreis Esslingen) einen „Massenanfall an Verletzten“ geübt. Notfalldarsteller mimten die Opfer. Wie lief’s?

Die Szene wirkt täuschend echt: Ein Linienbus ist am Samstag gegen 14 Uhr in Denkendorf frontal mit einem entgegenkommenden Auto zusammengestoßen. Dessen vier Insassen sind in dem völlig demolierten Kleinwagen eingeklemmt. Der Busfahrer ist nicht ansprechbar, einige Fahrgäste schreien vor Schmerzen, andere wirken verwirrt. Zum Glück ist alles nur gespielt. „Wir simulieren hier einen Massenanfall an Verletzen, kurz MANV“, erklärt der Notarzt Michael Kiehlmann vom DRK-Kreisverband Esslingen.

 

Die Einsatzkräfte der Freiwilligen Feuerwehren Denkendorf und Ostfildern sowie verschiedener Hilfsorganisationen sind zwar vorab über eine Übung informiert worden, „aber sie wissen nicht, was jetzt gleich auf sie zukommt“, sagt Kiehlmann, als die Sirenen der herannahenden Fahrzeuge zu hören sind. Für die Ersthelfer gilt daher, sich erst einmal einen Überblick über die chaotisch wirkende Lage zu verschaffen.

Retter sollen sich in die Situation von Verletzen hineinversetzen

Schnell wird klar: Dieser Unfall geht weit über das übliche Maß an Notfallhilfe hinaus. 32 Personen, darunter zehn Schwerverletzte, sind medizinisch zu versorgen und zu betreuen. Das erfordert ein Großaufgebot: 34 Feuerwehrleute und 50 Ehrenamtliche von Rettungsdiensten sind an der Unfallstelle im Einsatz. Beteiligt ist auch eine Einheit des Katastrophenschutzes. „Bei dieser Übung geht es darum zu sehen, wie die Hilfskräfte dieses Szenario abarbeiten“, erläutert Kiehlmann die Aufgabe.

Blut, Schmerz und Tränen: Die Notfalldarsteller sorgen für ein realitätsnahes Szenario. Foto: Markus Brändli

Mit schwerem Gerät machen sich die Feuerwehrleute an dem Auto zu schaffen, entfernen eine Tür nach der anderen, um die vier Insassen zu bergen. Fahrer und Beifahrer klagen über Schmerzen in Brust und Bauchraum. Die junge Frau im Fond des Fahrzeugs hat eine klaffende Wunde am Oberarm und zittert am ganzen Körper. Das Gesicht des Mannes neben ihr ist blutüberströmt. „Es soll ja möglichst echt aussehen“, sagt Angelika Androsch von der DRK-Bereitschaft Zell/Berkheim.

Die Hilfsdienste verfügen über speziell geschulte Notfalldarsteller, die sich wirklichkeitsgetreu schminken und das Verhalten verletzter Personen täuschend echt nachahmen. Auf diese Weise lassen sich laut Androsch Einsätze wie dieser unter fast realistischen Bedingungen trainieren. Die Retter sollen sich so besser in die Situation von Verunglückten hineinversetzen können und Routinen entwickeln.

Einige Fahrgäste beschäftigen die Retter auf besondere Weise

Sie finden bei dieser Übung aber nicht nur Menschen mit Prellungen, Schürfwunden, Knochenbrüchen und inneren Verletzungen vor. Im Bus sitzen auch eine schwangere Frau, eine demente Seniorin, ein angetrunkener Mann, der herumpöbelt, zwei Studenten, die Cannabis konsumiert haben, und ein Jugendlicher, der verzweifelt sein verlorenes Handy sucht. Sie sind nur leicht oder gar nicht verletzt, beschäftigen die Einsatzkräfte jedoch auf besondere Weise. Diese bewusste Zuspitzung der Situation – „Übungskünstlichkeit“ heißt das im Fachjargon – dient einem Zweck: „Wir wollen die Rettungskräfte bewusst an ihre Grenzen bringen. Sie sollen lernen, mit jeder denkbaren Situation umzugehen“, erklärt Androsch.

Während der Notfallversorgung werden alle Daten zu den Opfern digital erfasst und an die Leitstelle weitergegeben. Foto: Markus Brändli

Der Busfahrer sitzt kreidebleich und regungslos hinter dem Steuer. Er hat, wie sich herausstellt, einen Herzinfarkt erlitten, was zu diesem Unfall geführt hat. Der Mann wird aufgrund seines lebensbedrohlichen Zustands in die Kategorie Rot eingestuft – für Personen, die sofort behandelt werden müssen. „Ihr Transport in ein Krankenhaus hat oberste Priorität“, erläutert Kiehlmann die Reihenfolge. Die Markierung von Patienten erfolgt anhand der festgestellten Schwere der Verletzungen: Gelb steht für eine dringende Behandlung, Grün für eine spätere Behandlung.

Jeder einzelne Schritt lässt sich zu jedem Zeitpunkt nachverfolgen

Ein Unfallopfer nach dem anderen bergen die Feuerwehrleute aus den beiden Fahrzeugen und bringen sie zur Sammelstelle. Dort werden die Verletzten von Notfallärzten untersucht, von Sanitätern erstversorgt und anschließend auf verschiedene Kliniken verteilt. Um den Überblick zu behalten, werden schon während der Notfallversorgung alle Daten der Betroffenen nicht nur mit der üblichen Anhängekarte, sondern auch digital erfasst: Name, Alter, Geschlecht, Art der Verletzung, welches Krankenhaus. Die Fäden laufen bei der Einsatzleitung in einem der Fahrzeuge vor Ort zusammen. Am Monitor lässt sich jeder einzelne Schritt zu jedem Zeitpunkt nachverfolgen.

Am Ende dieser fast zweistündigen Aktion zieht der Esslinger Kreisbrandmeister Guido Kenner zufrieden Bilanz: Die Rettungskette habe „wunderbar geklappt“, sagt er. Das sei der Sinn dieser MANV-Übung gewesen, fügt Michael Kiehlmann hinzu: „Es ging darum, die Führungsstrukturen zu überprüfen sowie das Zusammenspiel von Feuerwehr, Rettungsdienst und ehrenamtlichen Einheiten.“

Massenanfall von Verletzten

Begriff
Von einem Massenanfall von Verletzten (MANV) spricht man, wenn die Anzahl der Verletzten bei einem Unfall oder einer Katastrophe die Hilfeleistungskapazität der verfügbaren Kräfte übersteigt.

Stufen
Die MANV-Ereignisse werden in vier Stufen unterteilt. Dabei bestimmt die Verletztenzahl über die Art der alarmierten Einheiten. Stufe 1 gilt bei 5 bis zehn Verletzten, Stufe 2 bei 11 bis 25 Verletzten, Stufe 3 bei 26 bis 50 Verletzen und Stufe 4 bei mehr als 50 Verletzten.