Mit interaktiver Grafik - Als Chef der Deutschen Energieagentur (Dena) will Stephan Kohler Deutschland im Energiebereich auf Vordermann bringen. Wenn man es gut macht, zahlt sich das auch aus, sagt er im StN-Interview.

Als Chef der Deutschen Energieagentur (Dena) will Stephan Kohler Deutschland im Energiebereich auf Vordermann bringen. Wenn man es gut macht, zahlt sich das auch aus, sagt er im Interview.
 
Stuttgart - Allein die Ökostromförderung kostet jährlich über 20 Milliarden Euro. Wie viel muss Deutschland aufbringen, um Häuser zu dämmen und die Industrie effizienter zu machen?
Effizienter zu sein erfordert in Summe keine zusätzlichen Kosten, sondern lohnt sich direkt. Um etwa den Wärmeverbrauch im Gebäudebereich bis 2020 um 20 Prozent zu reduzieren und den Stromverbrauch dort um sechs Prozent zu senken, wie es die Bundesregierung anstrebt, müssen deutschlandweit 100 Milliarden Euro investiert werden. Das hört sich nach viel Geld an. Gleichzeitig spart man im gleichen Zeitraum 140 Milliarden Euro an Energiekosten. Das ist also sehr wirtschaftlich. Wir müssen das Bewusstsein für diese Zusammenhänge in der Bevölkerung und in der Wirtschaft allerdings noch viel stärker verankern. Und wir benötigen trotzdem Förderprogramme, um die Investitionshürde am Anfang zu überwinden.
Dena-Chef Stephan KohlerGeben Sie doch mal einem Hausbesitzer ein Argument an die Hand, sein Haus zu sanieren.
Die Energiekosten sinken, der Wert der Immobilie und die Wohnqualität für den Bewohner steigen. Bei heutigen Energiepreisen und mit der vorhandenen Technik können bei der Modernisierung eines Gebäudes bis zu 60 Prozent Endenergie eingespart werden. Das muss natürlich gut geplant und realisiert werden. Deshalb empfehlen wir jedem Hausbesitzer am Anfang eine qualifizierte Energieberatung. Einzelne Bundesländer, etwa Baden-Württemberg, haben dafür neben den Angeboten auf Bundesebene noch weitere Förderprogramme entwickelt.
Handwerker können den Qualitätscheck einer Haus-Sanierung seit kurzem selbst durchführen. Ein unabhängiger Gutachter ist nicht mehr nötig. Wie sicher können sich ­Eigentümer noch sein, dass der Experte dies qualitativ gut durchführen kann?
Sie können sich da sicher sein. Für die Beantragung von Fördermitteln muss der Handwerker in der Energieeffizienz-Expertenliste für die Förderprogramme des Bundes eingetragen sein. Dazu muss er Weiterbildungen, regelmäßige Fortbildungen und Praxistätigkeiten nachweisen. Die Dena überprüft diese Nachweise kontinuierlich.
Sie sind ein Kritiker der Förderpraxis grüner Energien in Deutschland. Warum?
Die Förderung erneuerbarer Energien in Deutschland muss weiterentwickelt werden, speziell das Erneuerbare-Energien-Gesetz. Es war richtig, die technologische Entwicklung von Windkraft und Fotovoltaik voranzutreiben und deren Ausbau anzuschieben. Heute haben wir aber in Deutschland schon eine hohe Leistung an Wind- und Fotovoltaikanlagen installiert. Sie haben eine Leistung von über 70 Gigawatt, die wetterabhängig Strom produzieren. Diese Kraftwerke müssen jetzt mit innovativen Lösungen und Technologien ins System integriert werden.
 
Stromerzeugung in Deutschland | Create Infographics
 
Hat das neue EEG die Probleme gelöst?
Vizekanzler Sigmar Gabriel hat es zumindest geschafft, aus 17 Energiewenden – eine vom Bund und 16 von den Ländern – eine Energiewende zu machen. Es gibt jetzt sowohl für Fotovoltaik als auch für Windkraft und Biogas einen klaren Ausbaupfad. Dadurch ist die deutsche Energiewende kalkulierbarer geworden. Auch für das Ausland. Dennoch müssen wir uns stärker mit den Nachbarstaaten koordinieren. Im Moment produzieren wir phasenweise einfach zu viel Ökostrom. Den drücken wir dann an jedem Sommerwochenende bei unseren Nachbarstaaten ins Netz und müssen dafür auch noch Geld bezahlen. Das ist ein schlechtes Exportmodell, würde ich sagen. Wir brauchen also eine stärkere Vereinheitlichung der Energiepolitik auf europäischer Ebene. Die Dena hat mit Frankreich und Polen entsprechende Vereinbarungen getroffen, um gemeinsame Lösungen zu erarbeiten.
Man könnte auch sagen, dass sich bei der Ökostrom-Förderung wenig geändert hat. Weder wurden die Kosten gesenkt, noch müssen sich grüne Energien rechnen . . .
Gabriel hat mit seiner Reform zumindest wichtige Punkte aufgegriffen. Große Erzeuger sollen ihren grünen Strom nun zunehmend direkt vermarkten. Ab 2017 soll ein Ausschreibungsmodell eingeführt werden, mit dem ein stärkerer Schritt Richtung Markt getan wird. Dies ist wichtig, um Kosten zu senken und die Energiewende planbarer zu machen. Andererseits ist auch einiges nicht erreicht worden. In den regenerativen Energien steckt einfach sehr viel Geld, das sich dort gut eingerichtet hat. Der scharfe Übergang vom bestehenden Subventionssystem zu einem Marktsystem für erneuerbare Energien war aus meiner Sicht derzeit politisch schlicht nicht möglich.
Haben also die einzelnen Interessengruppen einen schnelleren Systemwechsel verhindert?
Natürlich. Allein durch das Erneuerbare-Energien-Gesetz wurden zuletzt jährlich fast 24 Milliarden Euro umgesetzt. Die dahinterstehenden wirtschaftlichen Interessen haben ein gehöriges Beharrungsvermögen. Wenn Sie heute ihr Geld auf die Bank legen, bekommen Sie dafür null Prozent Zinsen. Wenn Sie sich eine Fotovoltaikanlage aufs Dach setzen, erreichen Sie eine Verzinsung von 7 bis 8 Prozent, wenn es gut geplant ist. In diesem System fühlen sich viele sehr wohl, und sie wollen auch, dass das so bleibt.
Derzeit kommt Deutschland im Winter nur mit Reservekraftwerken aus dem Ausland über die Runden. Wie drängend ist die Lage?
Zwei Drittel der Kernkraftwerke stehen im Süden Deutschlands. Diese werden bis 2022 abgeschaltet. Dafür braucht man Ersatz. Die Bundesnetzagentur hat sich jüngst die Lage in Süddeutschland genauer angeschaut und kommt zu dem Schluss, dass im Winter 2017/18 in bestimmten Netzsituationen eine Kraftwerksreserve in Höhe von sieben Gigawatt benötigt wird. Davon kommen rund fünf Gigawatt aus dem Ausland, also etwa aus Österreich, Italien, Frankreich und der Schweiz. In diesen Situationen kann Versorgungssicherheit nur durch Kraftwerke aus dem Ausland gewährleistet werden.
Ist die Energieversorgung vor diesem Hintergrund überhaupt sicher?
Sie ist sicher. Die Beziehungen ins Ausland sind schon lange eingespielt. Wir dürfen uns jetzt aber nicht darauf ausruhen. Schon jetzt ist klar, dass wir Windparks im Norden und Osten des Landes in den kommenden Jahren teilweise abschalten müssen, weil es an den nötigen Leitungen fehlt, den Strom nach Süden zu bringen. Dies gilt auch für gesicherte Kraftwerksleistung. Darum müssen im Winter auch unsere südlichen Nachbarn mit Energielieferungen einspringen. Die werfen dazu ältere, ineffiziente Kraftwerke, mitunter Ölkraftwerke, an. Dies wird sich über die Jahre noch steigern. Das kann aber nicht Sinn und Zweck der Energiewende sein. Deshalb müssen wir möglichst schnell das Gesamtsystem optimieren, um solche Ineffizienzen zu vermeiden.
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