Frank Brettschneider hält den Protest gegen die Corona-Maßnahmen für kleiner, als er in der Öffentlichkeit wirkt. Foto: dpa/Bernd Weissbrod

Der Kommunikationswissenschaftler Frank Brettschneider hat schon viele Protestbewegungen kommen und gehen sehen. Im Falle der Demonstrationen gegen die Corona-Maßnahmen sagt er, man solle diese nicht größer machen, als sie sind. Und Brettschneider plädiert für mehr Gelassenheit.

Stuttgart - Frank Brettschneider hat als Kommunikationswissenschaftler an der Uni Hohenheim schon manche Protestbewegung miterlebt. Angesichts der Demos gegen die Corona-Maßnahmen rät er zu Gelassenheit.

Herr Brettschneider, nirgends in der Republik wird in so großer Zahl gegen die Corona-Maßnahmen demonstriert wie in Stuttgart. Sind wir auch diesmal wieder die Protesthauptstadt Deutschlands?

Auch wenn die Demonstrationen hier vielleicht etwas größer sind als anderswo, gibt es doch auch in München, Frankfurt und Berlin solche Kundgebungen. Einen besonderen Symbolwert hat hier allenfalls das Urteil des Bundesverfassungsgerichts gegen das Verbot der Stadt gehabt. Von einer generell ausgeprägteren Protestkultur in Stuttgart auszugehen, würde den Bogen aber überspannen.

Wie kommt es zu der doch relativ großen Teilnehmerzahl?

Die Demonstrationen sind derzeit ein Sammelbecken für Unzufriedene jeder Art. Bisher hatte man meist kleinere Veranstaltungen zum Beispiel von Impfgegnern oder von Leuten, die gegen den vermeintlichen Überwachungsstaat kämpfen. Jetzt kommen diese kleinen Gruppen alle gleichzeitig zu einem Thema zusammen. Und sie werden ergänzt durch Personen, die ein grundsätzliches Problem mit unserem politischen System haben, oder vielleicht auch nur mit Angela Merkel. Und dann gibt es noch Teilnehmer, die sich ärgern, dass die Kindertagesstätten oder die Schulen noch nicht zum Normalbetrieb zurückgekehrt sind.

Die Veranstalter beschweren sich, dass sie mit ihrem Protest gegen die Maßnahmen der Politik in einen Topf mit Verschwörungstheoretikern geworfen werden.

Da vergießen Veranstalter jede Menge Krokodilstränen. Sie müssen sich doch nicht wundern, wenn sie einen Verschwörungstheoretiker als Redner am letzten Samstag einladen. Und auch auffällig viele Plakate weisen darauf hin, dass zahlreiche Teilnehmer an die große Weltverschwörung glauben – etwa durch Bill Gates und durch „die Eliten“. Ich habe selten so viele Plakate auf einem Haufen gesehen, die einen sprach- und fassungslos machen. Und dennoch nehmen sicher auch Menschen aus der bürgerlichen Mitte an den Demonstrationen teil – aber eben aus anderen Gründen.

Wie sollten Politik und Medien mit den Protesten umgehen?

Man sollte die Gruppe nicht größer und relevanter machen, als sie ist. Es handelt sich um einen wirklich kleinen Teil der Gesellschaft. Statt sich zu empören, sollte man den Behauptungen dieser Gruppen einfach häufiger mit einem Faktencheck begegnen.

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