Melanie war die erste Studentin, die bei Anneliese und Robert Eckhardt einzog. Foto: Achim Zweygarth

Stuttgart bringt mit dem Generationenvertrag in all seinen Facetten Jung und Alt zusammen. Etliches wurde zum Selbstläufer, einiges braucht weiterhin das Wohlwollen der Verwaltung.

Stuttgart - Wohnen ist Privatsache. Vorwiegend. Denn je älter die Bevölkerung einer Stadt, umso mehr steigt der Bedarf nach Hilfe und damit nach mehr Vorsorge auch von Seiten der Kommune. Allein die Gruppe der über 50-Jährigen stellt im Jahr 2020 rund 37,4 Prozent der Stuttgarter Einwohner. Die Wenigsten wollen im Alter aus der Stadt oder aus ihrem Quartier wegziehen: Bei einer Befragung von Stuttgarter Bürgerinnen und Bürgern über 50 Jahren gaben 78 Prozent an, in ihrer Wohnung bleiben zu wollen.

Daraus folgt für die Stadt: Die Sozialplanung muss zwar weiterhin den Pflegebedarf befriedigen und weiterhin altengerechte Wohnungen in Mehrgenerationenhäusern oder betreuten Wohnanlagen stellen. Sie muss aber auch überlegen, wie die Selbstständigkeit der Senioren bestmöglich unterstützt werden kann. Zum Beispiel, indem man älteren Menschen junge, hilfsbereite Studenten als Untermieter vermittelt.

Ohne Studenten fehlt die Jugend im Haus

Wohnen mit Hilfe nennt sich das Angebot, acht solcher Mietverhältnisse kamen zustande, eines davon bei den Eckhardts. „Für meine Studenten bin ich in Feuerbach bekannt wie ein bunter Hund“, sagt Anneliese Eckhardt und lacht. 86 Jahre alt ist sie, vernetzt mit der Welt über Computer, Tablet und Handy. Insofern war sie mit ihren Studenten technisch immer gleichauf. Die aufmerksame Frau ist zudem leidenschaftliche Gärtnerin. Immer wieder gibt die Gardine, die sich in der Terrassentür bauscht, einen Blick auf herbstlich lodernde Blüten in Blau-, Gelb- und Rottönen frei.

Sie und ihr inzwischen verstorbener Mann Robert waren unter den ersten, die beim Projekt Wohnen mit Hilfe mitgemacht haben. Die Liste der Studentinnen, die ihnen beim Unkraut jäten, Äpfelpflücken oder beim Einkaufen und Tragen geholfen haben, ist lang. „40 Euro monatlich haben wir dafür nachgelassen bei der Miete“, sagt Anneliese Eckhardt. Zurzeit wird die Wohnung saniert, eine neue Studentenpatenschaft ist deshalb nicht möglich. Anneliese Eckhardt muss nun mit dem Hausnotruf klarkommen. „Es ist nicht unbedingt die Hilfe, die mir fehlt, sondern das Gefühl, junge Leute um mich zu haben“, sagt sie.

Wohnen mit Hilfe ist nur ein Baustein des Stuttgarter Generationenvertrags, den Alt-OB Wolfgang Schuster 2006 in Anbetracht des demografischen Wandels ins Leben rief. „An den Generationenvertrag erinnert sich heute niemand mehr“, sagt Sozialbürgermeister Werner Wölfle, „aber die Änderungen, die er hervorgerufen hat, sind zu sehen: Es gibt die AG Demografischer Wandel, die Stadt- und Flächenplanung hat das Thema im Fokus, und das Zusammenwirken der Ämter hat sich seither wesentlich verbessert.“ In allen Verwaltungsbereichen entstand Neues: In der Kinderbetreuung Leih-Großeltern, im Kulturellen Lese- und Theaterpaten, in der Bildung Seniorpartner, Lernlotsen und Kooperationspartner aus der Wirtschaft an Schulen, in der Bauplanung Mehrgenerationenhäuser.

Baugemeinschaften treffen den Nerv

Besonders gefragt ist die Hilfe der Liegenschaftsverwaltung beim generationenübergreifenden Bauen. Bernhard Höll ist 38 Jahre alt und Teilhaber beim Wohnprojekt Bern und Stein in Heumaden. Sieben private Eigentümer, interessierte Mieter sowie das Behindertenzentrum und der Bau- und Heimstättenverein als Vermieter entwickeln für 26 Erwachsene und 17 Kinder ein generationenübergreifendes und inklusives Wohnprojekt. Seit März 2016 wird gebaut, am 7. Oktober war Richtfest. „Die jüngste Bewohnerin ist meine Tochter mit drei Jahren, der Älteste ist weit über 70“, sagt Höll. Einen Generationenkonflikt habe er noch nicht erlebt, obwohl die Planungsphase nun schon seit 2013 andauert. Ganz im Gegenteil: „Bei unserer Konzeption läuft alles darauf hinaus, ältere Mitbewohner zu unterstützen.“ Zuletzt habe die Hausgemeinschaft beschlossen, dass die noch freien Mietwohnungen an über 50-Jährige vergeben werden sollen, um diese Altersgruppe zu verstärken. Für die Jüngeren hat das Projekt auch finanziellen Reiz: „In Stuttgart allein zu bauen, hätten wir uns nie leisten können, schon gar nicht mit so viel Gestaltungsfreiraum“, sagt Höll.

Baugemeinschaften treffen den Nerv

Seit 2014 vergibt die Stadt Stuttgart Baugrundstücke an Baugemeinschaften zum Festpreis. Den Ablauf koordiniert die Kontaktstelle für Baugemeinschaften bei der Stadt. Neben dem Bern und Stein in Heumaden gibt es zurzeit Baugemeinschaften auf dem Olgäle-Areal im Westen, im Quartier Rote Wand am Killesberg und am Wiener Platz in Feuerbach.

An Älteren, die dabei mitmachen wollen, fehlt es in Stuttgart nicht. Entgegen gängiger Vorurteile herrscht bei ihnen nämlich keine Ängstlichkeit oder Verzagtheit. „49 Prozent gehen davon aus, dass sie ihr Leben im Alter stärker selbst beeinflussen können, 63 Prozent stimmen der Aussage zu, dass sie weiterhin ihre Ideen realisieren können“, sagt Gabriele Reichhardt, Sozialplanerin und stellvertretende Sozialamtsleiterin. 57 Prozent der Befragten sagten, sie wüssten im Älterwerden genauer, was sie wollen, und 64 Prozent stimmen der Aussage zu , dass Älterwerden zu Gelassenheit führt. „Damit zeigt sich ein deutliches Selbstbewusstsein und eine positive Sicht auf das Älterwerden, die den ehemals vorherrschenden fürsorgerischen Blick der Angebote für Ältere künftig verstärkt auf die Ressourcen dieser Generation lenken muss“, so Reichhardt.

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