Wer gediegen oder erwachsen wirken will, wählt das Tor mit Aufschrift „Alt“. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Das biologische Alter eines Menschen sagt nicht alles über das gefühlte Alter oder die Fähigkeiten aus. Im Mercedes-Benz Museum können Besucher den Alters-Check machen.

Stuttgart - Wie jung fühlt sich Stuttgart? Einen kleinen Einblick haben die Ausstellungsmacher an einem schönen Sommertag auf der Königstraße gewonnen. Sie hatten zwei Tore am Schlossplatz aufgebaut und die Passanten beobachtet. Welches Tor würden sie nehmen, das mit der Portalaufschrift „Alt“ oder das andere, über dem „Jung“ stand? Nach kurzer Momentaufnahme zeigte sich, dass insbesondere junge Leute, zumeist Minderjährige, das Portal „Alt“ wählten und sich zum Selfie in Pose stellten, während einige Ältere den Durchgang „Jung“ wählten – lachend und selbstkritisch.

„Welches Tor gewählt wird, hängt davon ab, wie sich die Person in dem Moment fühlt“, sagt Sylvia Hütte-Ritterbusch. Sie gehört zum Mercedes-Werk in Bremen und leitet die interaktive Sonderausstellung „Ey Alter“, die am 21. Oktober im Mercedes-Benz Museum eröffnet wird. Das Resultat der Toraktion ist deren Leitthema: Alter ist nichts Zementiertes. Alter ist relativ. Alter hängt von der Selbsteinschätzung ab. Alter ist eine Chance. Alter ist beeinflussbar.

Das Gefühl täuscht übers Alter hinweg

Zu dieser Erkenntnis verhelfen verschiedene Stationen der Ausstellung. Eine zeigt die wissenschaftliche Erkenntnis auf, dass Altern reine Kopfsache ist: Intelligenz, das Schlussfolgern, das Problemlösen sowie erworbene Fertigkeiten gehen mit zunehmendem Alter nicht verloren, sondern können trainiert werden. In einem weiteren Ausstellungsbereich wird das biologische Alter hinterfragt und aufgezeigt, dass Erfahrungen, Gefühle und weitere Faktoren einen Menschen durchaus verjüngen können.

Die Besucher sind an 20 Stationen zum Mitmachen eingeladen. Sie müssen Fragen zum biologischen und gefühlten Alter und zu ihrem Erfahrungsschatz beantworten. Sie testen Geschicklichkeit und Reaktionsvermögen, lösen Denksportaufgaben und Aufgaben aus der Lebens- und Arbeitswelt. „Jeder Besucher bekommt eine Datenkarte, auf der die Interaktionen gespeichert werden“, sagt Sylvia Hütte-Ritterbusch – und komme zum Schluss eventuell jünger aus der Ausstellung.

Besucher lernen sich besser kennen

Aber was macht ein solches Thema in einem Automobilmuseum? Der Standort ergibt sich aus der Entstehungsgeschichte der Ausstellung. Geboren aus der Not des demografischen Wandels entwickelte Daimler die Demografie-Initiative „Y.E.S.“, eine Abkürzung für „Young and Experienced together Successful“. Die Initiative zielt standortübergreifend auf die gedeihliche Zusammenarbeit von Mitarbeitern verschiedenen Alters in der Pkw-Produktion. Sie soll Führungskräfte dafür sensibilisieren, den Angestellten altersangemessene Gesundheits- und Fortbildungsangebote zu machen. Als weiterer Baustein entstand die Ausstellung „Ey Alter“, die von Hirnforschern und Psychologen der Jacobs University Bremen begleitet wurde und im Universum Bremen, einem Science Center der Hansestadt, zu sehen war. „Wir wollen mit den Vorurteilen aufräumen, Chancen aufzeigen und zu einem leichten Einstieg ins Thema verhelfen,“ sagt Sylvia Hütte-Ritterbusch. Ein Jahr lang hat die Projektleiterin die Wirkung der Ausstellung auf die Besucher beobachtet. Sie sagt: „Das ist ein Thema, das Selbsterkenntnis produziert.“

Infos zur Ausstellung

Eröffnet wird die Ausstellung am 21. Oktober, sie ist bis 30. Juni 2017 im Bereich Faszination Technik (Ebene 0) zu sehen. Der Eintritt ist im regulären Eintrittspreis enthalten. Das Museum ist täglich von Dienstag bis Sonntag von 9 bis 18 Uhr geöffnet. Anmeldung, Reservierung und aktuelle Informationen: Montag bis Sonntag von 9 bis 18 Uhr unter Telefon 0711 /17-300 00, per E-Mail classic@daimler.com oder online unter: www.mercedes-benz.com/museum.

Die Ausstellung hat unsere Zeitung veranlasst, in Stuttgart zu hinterfragen: Wie leben Ältere und Junge in der Stadt zusammen? Wie bereitet sich die Stadtverwaltung auf den demografischen Wandel vor? Jung und alt im Team: Wie klappt das? Antworten auf diese Fragen gibt es in loser Folge in den kommenden zwei Wochen im Lokalteil.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: