Szene aus dem Film „Democracy – Im Rausch der Daten“. Foto: Farbfilm-Verleih

Wir sind gewarnt. Und machen weiter, als hätte es Wikileaks nie gegeben. Nun hält ein Dokumentarfilm uns Digital-Junkies den Spiegel vor. David Bernets Dokumentarfilm „Democracy – Im Rausch der Daten“ begleitet einen EU-Parlamentarier, der Datentransfer schützen will.

Stuttgart - Ob er sich das so vorgestellt hat, als er entschied, die Menschen darüber aufzuklären, dass ihre privaten Daten archiviert und überwacht werden? In seiner Heimat gilt ­Edward Snowden nun als Hochverräter. Und auch die vermeintlich Aufgeklärten zeigen sich wenig empört: „Ich habe sowieso nichts zu verbergen“, murmeln sie und googlen munter weiter. Diese unbesorgten Bürger wissen nicht um die Bedeutung der Information. Konzerne bezeichnen Daten als das neue Öl. Wer sie hat, hat Geld. Und wer Geld hat, hat im Kapitalismus die Macht.

Ein Weg, sich vor unerwünschter Datenspeicherung zu schützen, führt über die Politik. Regisseur David Bernet sieht keine Alternative: „Gesetze sind das Einzige, was wir machen können! Als Individuen sind wir kaum in der Lage, uns zu schützen.“

Die Wurzeln des Datenschutzes in Europa

Für seinen Dokumentarfilm „Democracy – Im Rausch der Daten“ begleitete er die Entstehung der Datenschutz-Grundverordnung der Europäischen Union. Jan Philipp Albrecht, ein junger Abgeordneter des Europäischen Parlaments, avanciert darin zur Hauptfigur. An der Seite der damaligen ­Vizepräsidentin der Europäischen Kommission, Viviane Reding, kämpft er für ein ­Gesetz, das jede Form von Datentransfer schützen soll. Der Film weist eine ästhetische Besonderheit auf: Die Bilder sind monochrom, also schwarz-weiß. Damit wollte Bernet vermeiden, dass seine Aufnahmen vom Parlament zu sehr an jene tausendfach gesehenen aus den Nachrichten erinnern: Überall wehen Fahnen, Persönlichkeiten steigen aus Limousinen und verschwinden wieder. Für die Produktion zeichnet die Stuttgarter Firma Indi-Film verantwortlich.

Bernet will in erster Linie das komplexe Europaparlament und sein Wirken beleuchten: „Vor zehn Jahren hatte ich die Idee, einen Gesetzgebungsprozess auf EU-Ebene zu verfolgen. Ich war damals zu Dreharbeiten das erste Mal in Brüssel und Straßburg und hatte den Eindruck, in einem kafkaesken System verloren zu gehen.“ Sein Werk sollte informieren, jedoch nicht langweilen. Leider taugt das bürokratische Gesetzgebungsprozedere nicht gerade als Stoff für Thriller. Bernet: „Mir war klar: Nur wenn man einem spannenden Gesetz folgt, das auch noch in der Zukunft von Bedeutung ist, wird das ein interessanter Film.“

Lobbyisten tragen Wissen in die Politik

Somit war der Schweizer Bernet einer der Ersten, der bei Ratssitzungen und Hinterzimmer-Verhandlungen filmen durfte. Die Diskussionen zwischen Albrecht, Lobbyisten und Aktivisten sind spannend. Generell scheint Albrecht perfekt für dieses Projekt geeignet zu sein. Er gehört zu einer neuen Generation von Politikern, die dialogbereit und auf Transparenz bedacht ist. Das macht ihn einerseits zum Aushängeschild für das Parlament und andererseits zum sympathischen Protagonisten. „Durch Jan Philipp Albrecht hatten wir innerhalb des Parlaments viel Raum“, sagt der Regisseur: „Er fand es wichtig, dass so ein Film entstehen kann.“

Doch nicht alle Politiker sind so. Einige werden häufig als bloße Wegbereiter der Wirtschaftsunternehmen wahrgenommen. Gerade die Datenschutzdebatte rief unzählige Lobbyisten auf den Plan. Bernet rät von einseitiger Betrachtung ab: „Man muss den Lobbyismus von der negativen Assoziation befreien. Natürlich gibt es gefährliche ­Aspekte, aber der Wissenstransfer von ­Betroffenen, also Unternehmen wie Gesellschaft, ist wichtig. Irgendwer muss dieses Wissen in die Politik tragen – das machen Lobbyisten.“ Dennoch sollten Politiker mit diesen Informationen umgehen können und die dahintersteckenden Interessen durchschauen. Hier liege das eigentliche Problem: „Manche sind da schnell überfordert.“

bernet will ein breites Publikum ansprechen

Doch so eindrucksvoll die Arbeit der EU-Politiker in „Democracy“ auch gezeigt wird: Datenschutzfragen werden kaum erörtert. Bernet habe die Vertiefung in diesen Dingen bewusst reduziert, um ein breites Publikum anzusprechen: „Menschen mit Datenschutzaffinität würden sich natürlich wünschen, mehr über das Gesetz selbst zu erfahren. Die wenigsten kennen sich jedoch wirklich gut mit der Funktionsweise der EU und dem Thema Datenschutz aus.“ Der Film sei für viele die erste ernsthafte Begegnung mit ­beiden Aspekten.

Und was ist mit den Global Playern, den übermächtigen Datenkraken Google, Facebook und Konsorten? Bernet: „Diese Firmen haben Angst vor dokumentarischen Werken, die sie nicht kontrollieren können.“ Deren Öffentlichkeitsarbeit beschränke sich größtenteils auf PR: „Am Ende bin ich immer bei Werbeabteilungen gelandet – die haben mich nicht interessiert.“ So zeigen die gigantomanischen Konzerne ihr wahres Gesicht, indem sie es nicht zeigen: Sie entziehen sich der Verantwortung, der Gesellschaft darzulegen, was sie mit ihren Daten anstellen.

Kein Happy End

Doch wenn das eh niemanden interessiert? Wenn niemand etwas zu verbergen hat? Bernet warnt: „Im Moment fühlen wir uns wohl in unserer Demokratie und vertrauen den Behörden – das kann sich ändern! Mich erinnert das an einen Spruch: ‚Stell dir vor, Google ist böse!‘“ Derlei Gedankenexperimente lassen sich nur sorgenfrei durchführen, wenn die Politik Grenzen setzt. Die ­Bevölkerung muss daran jedoch starkes Interesse signalisieren. Ein Happy End kann es in „Democracy – Im Rausch der Daten“ übrigens nicht geben: Die Datenschutz-Grundverordnung ist noch immer nicht in Kraft getreten.

In Stuttgart im Atelier am Bollwerk

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