Protest auf der B14 in Stuttgart 230 Stühle statt Zehntausende Autos

Von Nina Ayerle 

Der Verein Aufbruch Stuttgart hat zu einer Protestaktion eingeladen: Für einen Vormittag haben sie die B14 in eine Art öffentliches Wohnzimmer verwandelt. Für Autos war die Straße gesperrt.

Stuttgart - It’s now or never“, singt das Elvis-Presley-Double von einem etwa zwei Meter hohen Stuhl herunter. Vor ihm haben sich Stuttgarter Bürger mit Stühlen versammelt – auf der gesperrten Konrad-Adenauer-Straße. Ein seltener Anblick. Dort, wo sich sonst täglich Zehntausende Autos durchschlängeln, sollten am Sonntag tausend Stühle stehen. Laut Polizei waren es aber nur etwa 230 Teilnehmer.

Die B 14 als öffentliches Wohnzimmer – das war die Idee der Protestaktion „1000 Stühle“ des Vereins Aufbruch Stuttgart. „Wir haben dieses Lied nicht zufällig ausgewählt“, sagte Wieland Backes, ehemaliger Fernsehmoderator und Mitbegründer des Vereins. „Jetzt oder nie“, das ist die Devise des Vereins, wenn es um die Veränderung der Stuttgarter Innenstadt rund um die B 14 auf Höhe von Oper, Staatsgalerie und Landesbibliothek geht. „Jetzt ist die Chance, die Kulturmeile, die ihren Namen gar nicht verdient, in ein lebendiges Quartier zu verwandeln. Autofrei“, sagte Backes. Stuttgart sei eine der reichsten Städte. „Warum sollte sie nicht auch eine der lebenswertesten, attraktivsten und liebenswertesten Städte sein?“

Neugestaltung des Kulturquartiers

Aufbruch Stuttgart fordert die Neugestaltung des ganzen Kulturquartiers und hat dazu in eigener Regie einen städtebaulichen Wettbewerb ausgerufen – „um die Diskussion zu beflügeln“. Zudem können sich die Mitglieder vorstellen, dass das denkmalgeschützte Königin-Katharina-Stift an der Schillerstraße abgerissen wird und damit Platz macht für eine Oper oder ein Konzerthaus. Das gefällt nicht jedem in der Stadt, „Abriss Stuttgart“ nannte der Oberbürgermeister deshalb den Verein.

Zu der Demo hatte der Verein auch Parteienvertreter eingeladen, sie sollten ihren Lieblingsstuhl mitbringen. CDU-Fraktionschef Alexander Kotz habe abgesagt, weil dafür die Straße für den Autoverkehr gesperrt wurde, teilte Backes auf Nachfrage mit. Veronika Kienzle, Bezirksvorsteherin in Mitte, sah die Aktion positiv. Sie findet es wichtig, wenn Bürger sich organisieren und einmischen. „Wir können die Stadt nur gemeinsam mit den Bürgern gestalten.“ Und die Opernpläne müsse man zumindest diskutieren können. Kienzle: „Das gehört zu einer guten Streitkultur dazu.“ Von einer autogerechten Stadt wegzukommen und mehr Platz für Fußgänger zu haben, das sei auch das Ziel der Grünen, sagte der Fraktionsvorsitzende Andreas Winter.

Verweis auf „La Rambla“ in Barcelona

Die Landtagsabgeordnete Gabriele Reich-Gutjahr (FDP) verwies auf Barcelona: „Von der Stadt können wir lernen, dass die Rambla ein wunderschöner Ort ist, wo sich Menschen bewegen können.“ Sie sei oft dort gewesen. „Wenn ich mich so umschaue, sehe ich sie vor mir, die Rambla.“

Der SPD-Fraktionsvorsitzende Martin Körner hatte keinen Stuhl, sondern gleich ein Sofa dabei – mit rotem Samtbezug. „Das kommt vielleicht etwas großkotzig rüber, aber ja, wir brauchen Mut, wenn wir diese Straße ändern wollen.“ Die zentrale Botschaft seines Sofas sei aber eine andere: „Wir wollen damit für eine menschlichere Debattenkultur in unserer Stadt werben.“

Hannes Rockenbauch, Sprecher von SÖS/Linke-plus, lobte zumindest den Einsatz des Vereins: „Wenn Menschen für ihre Ideale auf die Straße gehen, gefällt mir das. Und wenn man sich dafür mit dem OB anlegt, gefällt mir das umso mehr.“

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