Die Demenzbegleiterinnen Bianca Klein (links) und Dietlinde Hungerbühler wissen, was den Klinikaufenthalt erleichtert. Foto: Roberto Bulgrin

Demenz ist eine riesengroße Herausforderung für die Betroffenen, für deren Angehörige und für die Gesellschaft insgesamt. Im Krankenhaus zeigt sich das ganz besonders. Am Klinikum Esslingen kümmern sich nun Demenzbegleiterinnen um solche Patienten.

Jährlich erkranken bundesweit mehr als 400 000 Menschen an Demenz – allein in Deutschland gibt es aktuell etwa 1,8 Millionen Fälle. Und es werden immer mehr. Meist fängt es mit Gedächtnisproblemen an, später können Sprachstörungen, Orientierungsprobleme sowie Einschränkungen des Denk- und Urteilsvermögens hinzukommen, das gewohnte Leben entgleitet immer mehr. Demenz ist für die Betroffenen und deren Familien ein Riesenproblem, aber auch für die Gesellschaft. Das zeigt sich auch im Klinikalltag: Demenziell Erkrankte brauchen erheblich aufwendigere Betreuung, die für das reguläre Pflegepersonal im stressbelasteten Alltag oft kaum zu leisten ist. Nun geht das Esslinger Klinikum neue Wege: Auf der geriatrischen Station unterstützen zwei Demenzbegleiterinnen betroffene Patientinnen und Patienten. Hält dieses Pilotprojekt weiterhin, was es bislang verspricht, ist eine Ausweitung nicht ausgeschlossen.

 

Zeit, die sonst oft fehlt

Ehe sie ans Esslinger Klinikum kam, hat Bianca Klein im Altenheim in der Pflege gearbeitet. Daher weiß sie, was Demenzpatientinnen und -patienten brauchen. „In meiner neuen Aufgabe kann ich mir für den Einzelnen endlich die Zeit nehmen, die das Pflegepersonal häufig nicht hat“, sagt die 54-Jährige. Mit ihrer positiven Ausstrahlung fällt es Bianca Klein nicht schwer, das Eis zu brechen: „Ich spreche jeden Patienten individuell an, um zu erfahren, was gebraucht wird. Die Bedürfnisse können sehr unterschiedlich sein.“

Manche wollen sich austauschen, andere sind glücklich, jemanden zu haben, der ihnen zuhört, und wieder andere sind froh, wenn jemand ihre Hand hält und damit Nähe spüren lässt. Manche freuen sich, wenn man mit ihnen ein paar Schritte geht, andere wollen lieber ihr Gedächtnis trainieren oder freuen sich, wenn man ihnen ein Glas zum Trinken reicht oder hilft, dass die Mahlzeiten nicht unberührt zurückgehen, weil Patienten nicht mehr in der Lage sind, selbstständig zu essen. Manchmal blocken Patienten erste Kontaktaufnahmen ab. „Dann versuche ich, Vertrauen aufzubauen“, sagt Bianca Klein. „Ich mache das intuitiv. Wenn jemand dann immer noch keinen Besuch wünscht, ist das in Ordnung.“ Doch der Lieblingssatz der 54-Jährigen öffnet die meisten Türen: „Ich widme Ihnen ganz viel Zeit.“ Denn solche Worte bekommt man anderswo immer seltener zu hören.

Dankbare Familien

Weil sie mit einem ebenso kommunikativen wie einfühlsamen Naturell gesegnet ist, gelingt es ihr in der Regel, den richtigen Ton zu treffen. So unterschiedlich die Bedürfnisse der Patientinnen und Patienten auch sein mögen – eines ist so gut wie allen gemeinsam: Sie sind sehr dankbar, dass da jemand ist, der sich ihnen zuwendet und der sie wahrnimmt. Und noch etwas haben Bianca Klein und ihre Demenzbegleiterinnen-Kollegin Dietlinde Hungerbühler festgestellt: „Beruhigend ist dieses Angebot auch für die Familien der Betroffenen, die nicht den ganzen Tag da sein können und die froh sind, dass es Menschen gibt, die sich ganz gezielt um ihre von Demenz betroffenen Angehörigen kümmern.“

Dietlinde Hungerbühler und Bianca Klein gehören zum Team der geriatrischen Station am Esslinger Klinikum und sollen sich ganz auf ihre Aufgabe konzentrieren, statt überall auszuhelfen, wo personelle Löcher zu stopfen sind. Wenn jedoch auf anderen Stationen Hilfe bei der Versorgung von Demenzpatienten gebraucht wird, sind die beiden auch dort gern zur Stelle. Zusätzlich zur individuellen Betreuung gibt es Gruppenangebote, in denen geplaudert, gebastelt und gesungen wird. Bianca Klein weiß: „Mit Musik liegt man immer richtig.“ Etwa 15 Patienten betreut eine Demenzbegleiterin täglich, auf die Uhr wird nicht geschaut. Denn Hektik bringt Demenzpatienten zusätzlich aus der Spur. Wie sehr solch eine Aufgabe fordert, spüren die Demenzbegleiterinnen Tag für Tag. Jedoch: „Wenn man in die leuchtenden Augen vieler Patienten schaut, ist alles vergessen.“

„Ein Glücksgriff“

„Der Bedarf an solchen Angeboten ist riesengroß“, weiß Rebecca Althaus von der Stabsstelle Pflegewissenschaft und -entwicklung des Esslinger Klinikums. Und sie freut sich: „Mit unseren beiden Demenzbegleiterinnen ist uns ein Glücksgriff gelungen.“ Rebecca Althaus ist überzeugt, dass eine demenzsensible Betreuung, die einhergeht mit der eigentlichen medizinischen Behandlung, positiv wirkt: „Wenn sich Patienten bei uns wohlfühlen, wenn sie durch die besondere Betreuung ruhiger werden, wenn wir dazu beitragen können, Stürze zu vermeiden, oder wenn wir durch Hilfe bei den Mahlzeiten einer Mangelernährung oder Dehydrierung vorbeugen, kann das wesentlich zum Heilungserfolg beitragen. Patienten mit Demenz dürfen nicht durchs Raster fallen.“ Zur besonderen Betreuung macht das Klinikum auch Angebote wie Ergotherapie, Logopädie, Physiotherapie und Verhaltenstherapie. Rebecca Althaus begleitet das Pilotprojekt auf der geriatrischen Station sehr aufmerksam. Und wenn die positiven Erfahrungen so anhalten, sollte es nicht überraschen, wenn dieses Beispiel auch anderswo Schule machen würde.

Was ein „demenzsensibles Krankenhaus“ auszeichnet

Diagnose
 „Die Zahl der Patienten, die an einer demenziellen Erkrankung mit unterschiedlichem Schweregrad leiden, steigt mit zunehmendem Lebensalter an“, weiß Matthias Ziegler, der Chef des Klinikums Esslingen. Und er ist überzeugt: „Die betroffenen Patienten und auch die Angehörigen benötigen ein Umfeld von professioneller Medizin und Pflege.“ Deshalb profiliert sich das Esslinger Klinikum nun verstärkt als „demenzsensibles Krankenhaus“.

Therapie
 Mit einer interdisziplinären geriatrischen Station, die neu eingerichtet wurde, und zwei zusätzlichen Demenzbegleiterinnen hat das Klinikum Esslingen die Behandlung von Patienten, die an einer demenziellen Erkrankung leiden, zuletzt weiter ausgebaut.

Begleitung
Mit einer verbesserten Betreuung von Patienten mit demenzieller Erkrankung verbindet das Klinikum Esslingen klare Erwartungen. Ein differenziertes Angebot soll helfen, kognitive und körperliche Fähigkeiten der Betroffenen zu erhalten, die Patientinnen und Patienten zu aktivieren und Ängste, Unsicherheiten und Stress zu reduzieren. Gezielte Ansprache und Betreuung sollen die Orientierung der Betroffenen verbessern, einen geregelten Tag-Nacht-Rhythmus sicherstellen und ein wenig Abwechslung in den für solche Patienten besonders herausfordernden Krankenhausaufenthalt bringen.