Nach einer Demenzdiagnose steht das Leben Kopf. Aber es gibt Hilfe, vor Ort – nicht in der Großen Kreisstadt. In Schönaich läuft der Kontakt zu Angehörigen ganz niederschwellig.
Die eigene Frau nicht mehr erkennen, vergessen, wofür ein Glas genutzt wird oder in der Bank Brezeln bestellen – Menschen mit Demenz verlernen Fähigkeiten, die Gesunde nicht durcheinanderbringen würden. Die Diagnose Demenz ist eine lebensverändernde – nicht nur für die Betroffenen.
Weil sich auch für Angehörige mit dem vertrauten Menschen fast alles ändert, gibt es in Schönaich mit der Demenzagentur eine Anlaufstelle mitten im Ort, ebenerdig erreichbar, die umfassend berät und unterstützt. Das Besondere ist, dass die Betroffenen wohnortnah niederschwellig unterstützt werden. Denn ganz oft verhindern weite Wege oder ein Dschungel an undurchsichtigen Möglichkeiten, dass sich Angehörige Hilfe suchen und annehmen.
Seit Anfang des Jahres 2024 stehen Alexandra Niebusch und Stephanie Rebmann mit Rat zur Seite. Sie wissen, was es heißt, wenn ein Arzt Demenz diagnostiziert hat und das Leben plötzlich eine völlig andere Richtung einschlägt. „Die Herausforderungen für Familienangehörige mit einer erkrankten Person sind riesig – weit über Finanzen und Bürokratie hinaus. Es ändert sich immer auch die Beziehung zu dem Menschen. Das ist ein Verlust und ein Abschied auf Raten“, erklärt Rebmann.
„Die Brezel in der Bank kaufen“
Die Geschichten, die betroffene Familien bei Erstterminen in der Beratungsstelle erzählen, gleichen sich oft. „Menschen mit Demenz stellen häufig dieselben Fragen, können Absprachen nicht mehr einhalten oder verlieren selbst dort die Orientierung, wo sie sich eigentlich auskennen. Wir haben Fälle von Menschen, die mehrmals am Tag dieselbe Zeitschrift kaufen, weil sie denken, sie hätten sie noch nicht eingekauft“, führt Niebusch aus. Das Kurzzeitgedächtnis sei meistens das erste, das bei einer Demenz abbaue. „Wenn auch das Langzeitgedächtnis betroffen ist, leben diese Menschen oft in der Vergangenheit. Manche sind dann wieder Kind: Sie glauben, dass ihre Eltern noch leben“, erläutert Rebmann.
Obwohl die neu geschaffenen Wirklichkeiten der Demenzerkrankten auf den ersten Blick absurd erscheinen, empfehlen die beiden Fachfrauen nicht, die Person auf den Realitätsverlust hinzuweisen. „Man muss die Menschen in ihrer Welt belassen. Das Konfrontieren hilft nicht nur nicht weiter, es kann zu einer Reaktanz führen“, sagt Niebusch. Ein gängiger Mechanismus von Dementen, gegen den Orientierungsverlust anzukämpfen, ist, anderen Vorwürfe zu machen. „Wenn etwas nicht mehr auffindbar erschient, heißt es oft: ‚Du hast das weggeräumt oder gestohlen, sonst hätte ich es ja’“, schildert Rebmann.
Demente nicht zurechtweisen
Wie man solche Situationen besser lösen könne, erklärt die studierte Sozialpädagogin Stephanie Rebmann anhand eines allgemeingültigen Beispiels: „Es gibt die Geschichte einer dementen Frau, die früher Kühe gemolken hat. Als die Dame anmerkt, dass sie jetzt melken müsse, sagt man, statt ‚es gibt gar keine Kühe!’ lieber ‚Stimmt, das Melken hast du immer gerne gemacht’.“ Nicht umsonst gebe es den Ausspruch „Der Mensch mit Demenz hat immer recht“.
Dennoch sollten Angehörige immer auch die eigenen Grenzen im Blick behalten. Die Rundumbetreuung führe nicht selten in die soziale Isolation, fördere Einsamkeit und erhöhe das Überlastungsrisiko, so die Expertinnen. „Spätestens wenn physische Gewalt vom Erkrankten ausgeht und alle anderen Unterstützungsmöglichkeiten ausgeschöpft sind, sollte man nach einem Heimplatz suchen“, empfiehlt die Fachwirtin für Gesundheit- und Sozialwesen und gelernte Kinderkrankenschwester, Alexandra Niebusch.
Um Dauerzustände von Überforderung zu vermeiden, habe sich bewährt, möglichst viele Menschen aus dem bekannten Umfeld des Dementen einzubeziehen. Das können Kinder, Freunde oder die Nachbarin sein, die mal eine Stunde Begleitung übernehmen. „Das schafft Entlastung und verteilt die Verantwortung auf mehrere Schultern“, sagt Rebmann. Weiter helfe das von der Demenzagentur gepflegte, weitverzweigte Netzwerk mit Angeboten von Fahrdiensten, der Organisation von „Essen auf Rädern“, der Erledigung von Bürokratie oder der Bewältigung von psychischen Belastungen. Ganz oft kämen die Angehörigen auf dem Weg am Büro der Agentur vorbei. Ein schnelles Klopfen an der Fensterscheibe, ein kurzes „Hallo“ – das schafft Nähe. Die Hürde, Hilfe zu suchen, schwinde, wenn die Ansprechpartner nah seien.
Trotz des mitunter schnell fortschreitenden Abbaus des Gedächtnisses gebe es viele Möglichkeiten, Alzheimererkrankte entsprechend ihrer kognitiven Verfassung zu beschäftigen. „Was selbst in fortgeschrittenen Stadien funktioniert, ist Singen oder Musik hören. An Lieder aus der Vergangenheit erinnern sich auch jene, deren Gedächtnisleistung stark vermindert ist“, unterstreicht das Expertinnenduo aus Schönaich.
Eine Fülle an Unterstützungsangeboten stehen zur Verfügung
Die Gesprächskreise, die die Demenzagentur anbietet, dienen den Angehörigen zum Beispiel als Anker. „Der gemeinsame Austausch hilft enorm – unabhängig davon, ob erst vor Kurzem eine Demenz erkannt wurde, die Erkrankung schon lange dauert oder der Betroffene bereits gestorben ist“, weiß Niebusch.
Auch wenn es heute im Kreis Böblingen ein breites Unterstützungsnetzwerk gibt, werden diese Strukturen zukünftig wohl nicht ausreichen, um dem zu erwartenden Anstieg von Demenzfällen Herr zu werden. Deshalb sehen die Schönaicher Fachberaterinnen auch den Staat in der Verantwortung, für eine stabile Pflegeversicherung, bezahlbare Heimplätze und niedrigschwellige Unterstützungsleistungen zu sorgen.
Demenz im Kreis Böblingen
Ansprechpartner
Die IAV (Informations-, Anlauf- und Vermittlungsstelle/Demenzagentur) im Hasenbühl 16 ist zuständig für Schönaich, Steinenbronn und Waldenbuch. Sie ist erreichbar unter der Telefonnummer 0 70 31 / 7 02 04 56. Eine Übersicht der Angebote aus anderen Kommunen im Kreis gibt es unter https://www.lrabb.de/IAV_Stellen
Spenden
Um den rund 70 Ehrenamtlichen Wertschätzung entgegenzubringen, lädt die Demenzagentur einmal im Jahr zum gemeinsamen Essen. Um dies auch zukünftig machen zu können, freut sich die IAV über Spenden. Kontakt über die Demenzagentur unter https://www.dsst-schoenbuch.de/index.php/iav-stelle
Daten
Zahlen der AOK Baden-Württemberg von diesem Jahr zeigen, die Zahl der Dementen im Kreis Böblingen ging insgesamt zurück – von 3333 auf 3016 im Jahr 2023. Ab einem Alter von 70 Jahren verdoppeln sich die Fallzahlen im Landkreis aber. In der Altersgruppe der Hochbetagten ist jede vierte Frau und jeder fünfte Mann an Demenz erkrankt, so die Krankenkasse.