Das „Abendmahl“ als purer Raum wurde für Ben Willikens zur „Goldenen Schallplatte“, wie der Maler selbst sagt. Tatsächlich aber bestimmt ständiger Antritt das Werk des Künstlers, der am 21. Juni 85 Jahre alt wird.
Betritt Ben Willikens einen Raum, scheint es, als traue er der Sache nicht sofort. Kaum einen Schritt geht er zunächst vorwärts, gerade so, als wolle er den Raum nicht stören, und nur die ständige Bewegung der Augen verrät die innere Spannung. Diese löst sich erst bei einem bekannten Gesicht. Einzig der Mensch und die direkte Begegnung scheinen für Ben Willikens die Kraft zu haben, im Raum und gegebenenfalls gar gegen den Raum zu bestehen.
Ben Willikens, 1939 in Leipzig geboren, hat den Raum früh zu einem Eigenwesen gemacht. Bis heute eignet sich der Maler, der in Stuttgart studierte und in Pforzheim, Braunschweig und München lehrte, Räumliches an sich an.
Sieht man Bauten, Orte, Räume mit „Willikens-Augen“ anders als zuvor? „Das wäre großartig“, sagt Willikens. Fragen stellen die Bilder zweifellos: Was ist der Kern unserer Vorstellungen vom letzten Abendmahl von Jesus? Wie entlarven sich Albert Speers Bauten für Hitler-Deutschland als Mahnmale der Unterdrückung? Aber auch: Was macht sie eigentlich aus, die Räume der Moderne? Die Fragen bezeichnen Werke und Serien, zugleich aber auch durchaus erkämpfte Neuantritte.
In großen Ausstellungen und von bedeutenden Museen (wie etwa 2022 in der Albertina in Wien) gefeiert und doch immer wieder aufgefordert, sich zu beweisen. Auf künstlerischen Wegen wie etwa mit seinen Wand- und Deckenbildern mitunter isoliert unterwegs und doch von dort aus immer wieder unterwegs in Neuland auch im Kleinformat. In den Nuancen des Grau eine eigene Farbigkeit formulierend und doch Souverän der Primärfarben. Der Unterstellung, wortkarg zu sein, nicht widersprechend, um dann öffentlich punktgenau künstlerische und gesellschaftliche Fragestellungen zu sezieren.
Ben Willikens lebt mit und aus vielen Widersprüchen. Auch mit jenen, die der Kunsthistoriker Walter Grasskamp formuliert: „Die Bilder von Willikens sind immer biografischer, als man es ihnen ansieht oder ansehen soll.“ Und Grasskamp weiter: „Mich hat aber immer auch der Grundriss der ,Gegenräume‘ von Willikens interessiert, weil die Bilder immer mehr versprechen, als sie im Einzelnen liefern: Alle gehen so in die Tiefe, als wollten sie sagen: ,Fortsetzung folgt.‘ Doch denkt man sie zu Ende, wirken sie wie vereinzelte Ausschnitte aus einem unmalbaren Labyrinth – der Lebensmetapher schlechthin.“
Mindestens fünf weitere Begleiter sind über die Jahrzehnte wichtig für Ben Willikens. Der Kritiker Günther Wirth, der den jungen Willikens früh in die Öffentlichkeit bringt; Götz Adriani, der als seinerzeit frischer Gründungsdirektor der Kunsthalle Tübingen 1975 Willikens’ kühl-analytischen psychiatrischen Anstaltsräumen die Türen öffnet; Hans Mayer, der als Galerist den Weg des Malers in ungemein zugewandter Weise begleitet; Hans J. Baumgart, der als erster Leiter der Sammlung Daimler (heute Mercedes-Benz Art Collection) wesentlich die für Willikens so wichtige „Orte“-Serie – Mercedes-Benz Art Collection-Dauerleihgabe im Kunstmuseum Stuttgart – ermöglichte; schließlich der Unternehmer und Sammler Siegfried Weishaupt – weit über die 2016 in der Kunsthalle Weishaupt in Ulm von Götz Adriani realisierte Gesamtwerk-Ausstellung „Die Anmaßung der Dinge“ hinaus.
Ja, Ben Willikens schätzt die große Bühne. Und noch wichtiger: Ja, er liebt das große Fest. Zu erklären sind die immer neuen Antritte aber gerade aus jenem Moment des Abwartens in einem neuen Raum und der konzentrierten Arbeit im eigenen Raum, im eigenen Atelier, in Willikens’ auch gedanklichem Schutzraum. Diesen zu verlassen, verlangt Vertrauen auf und in ein ernsthaftes Miteinander. Solches kennzeichnet 2017 die Begegnung von Ben Willikens und Hildegard Ruoff, 2023 100-jährig gestorbene Lenkerin der Fritz und Hildegard Ruoff-Stiftung in Nürtingen. „Der Maler Ben Willikens“, sagt Hildegard Ruoff seinerzeit über die Ausstellung „Denkräume“, „ist in den Räumen der Stiftung auch als Fotograf zu erleben“, und noch mehr verweist sie seinerzeit auf eine Premiere: Erstmals sind öffentlich Arbeiten aus der „Winterbilder“-Serie zu sehen – „ganz überraschende Aquarelle, die“, so Hildegard Ruoff, „auch die Landschaft zum Denkraum machen“.
Vorstoß ins Konzeptuelle
Damit gibt Hildegard Ruoff zugleich einen wichtigen Hinweis. Willikens, der von 1962 bis 1965 bei Heinz Trökes an der Stuttgarter Kunstakademie studierte, findet sich ja mit dem „Orte“-Zyklus in jenem Feld ein, in dem künstlerische Äußerungen ein gedankliches Archiv konkretisieren. Wer Willikens an der Kunstakademie in München einmal als bis ins Konzeptuelle vorstoßenden Lehrer erlebt hat, muss in „Orte“ auch die Auseinandersetzung des Lehrers mit seinen Schülern wiederfinden. Ein doppelter Bruch ist formuliert – mit der wieder ins Bewusstsein gerufenen Nazi-Ästhetik wie mit der (von Willikens selbst keineswegs abgelehnten) Heroik der Kunst.
Und was ist mit dem „Abendmahl“? Jenem drei auf sechs Meter großen Gemälde, das unmittelbar nach der Fertigstellung Ende der 1970er Jahre zu einer Ikone der Kunstgeschichte wird? Ja, dieses Bild markiert jenen Punkt, den es zu erreichen gilt. Mit gutem Grund bildet das Bild 2022 räumlich auch das Zentrum der auf Arbeiten der Sammlung Schaufler gestützten, so großen wie feinen Ausstellung „Raum und Gedächtnis“ im privaten Kunstmuseum Schauwerk in Sindelfingen. Und doch markiert diese Ikone formal und inhaltlich zugleich die Aufforderung zum neuen Antritt.
An diesem Freitag, 21. Juni, wird Ben Willikens, in Stuttgart und in Wallhausen zu Hause, 85. 85 Jahre jung. Die Glückwünsche sind international. Und Willikens? Seine Augen verraten, dass die nächste Frage drängt.