Einst galt er als launisch. Doch seit einigen Jahren zeigt sich: Der April ist beständig zu warm und zu trocken. Experten warnen vor massiven Folgen für die Land- und Forstwirtschaft.
Stuttgart - Der April macht, was er will“ lautet eine alte Bauernregel. Doch derzeit zeigt sich der Monat alles andere als launisch: herrlicher Sonnenschein, blauer Himmel, frühsommerliche Temperaturen – und seit Wochen kaum ein Tröpfchen Regen. Die meisten Menschen freuen sich über das schöne Wetter – trotz der Coronakrise. Jedoch nicht alle, denn die anhaltende Trockenheit macht den Land- und Forstwirten zu schaffen. Es könnte eine Dürre drohen – und somit Missernten und Baumsterben.
„Der April ist ein viel zu trockener Monat. In Stuttgart etwa fiel seit vier Wochen noch gar kein Regen“, bestätigt Andreas Pfaffenzeller, Meteorologe beim Deutschen Wetterdienst (DWD) in Stuttgart. Obendrein ist es zu warm und zu sonnig. Etwa 280 Sonnenstunden gab es Stand Sonntagabend im April. „Die Temperaturen lagen bisher 3,5 Grad über dem langjährigen Durchschnitt“, ergänzt Pfaffenzeller.
Erschwerend kommt hinzu, dass auch der Januar (3,5 Grad), der Februar (4,8 Grad) und der März (1,5 Grad) über dem Temperaturschnitt lagen und niederschlagsarm waren. Lediglich der Februar erfüllte in Sachen Regen die Erwartungen: „Davon zehrt die Vegetation derzeit noch“, erklärt der Meteorologe. Im restlichen Südwesten, ja sogar in ganz Deutschland, sieht die Lage ähnlich aus. Mit schwerwiegenden Folgen: Die Böden sind ausgetrocknet, die Waldbrandgefahr ist hoch. Für Baden-Württemberg liegt sie aktuell bei Stufe vier von insgesamt fünf.
Es droht ein massives Baumsterben
April, April? Der Monat scheint sich selbst eine Nase zu drehen. Und das Wetter – früher zuverlässig mal gewittrig, mal sonnig, mal regnerisch, mal mit Schnee – scheint längst nicht mehr so schwer vorhersehbar zu sein wie einst. So mancher Forscher sieht einen Trend: „Bereits in den vergangenen zehn Jahren lag der April, was die Niederschlagsmenge betrifft, weit unter dem Durchschnitt“, sagt Pfaffenzeller. 2019, 2018 und 2017 wurde nur maximal die Hälfte der sonst üblichen April-Regenmenge erreicht. „Und dieses Jahr sind es in Stuttgart null Prozent“, fügt der Meteorologe hinzu. Den Negativrekord halte deutschlandweit bislang der April 2007 mit gerade mal vier Litern Regen pro Quadratmeter.
Dass seit Längerem der Regen fehlt, gefährdet nach Einschätzung der deutschen Holzindustrie die Branche. „Sollte die Trockenheit anhalten, kann es zu einem massiven Baumsterben in Deutschland kommen“, warnte Denny Ohnesorge, der Geschäftsführer des Hauptverbandes der Deutschen Holzindustrie, aus Anlass des Tags des Baumes am vergangenen Samstag. Die Holzindustrie und die Forstwirtschaft seien „extrem besorgt“.
Vor allem die Jungpflanzen seien in Gefahr: „Die Kulturen, die wir nach den Stürmen der vergangenen Zeit neu angelegt haben, wachsen nicht richtig an“, sagt Dietmar Hellmann, der Vorsitzende des Bundes Deutscher Forstleute Baden-Württemberg. Und wenn es mit dem Wetter so weitergeht, sieht er auch ältere Bäume bedroht. Bereits in den vergangenen beiden Jahren hätten die Wälder unter extrem hohen Temperaturen, Niederschlagsmangel und Schädlingsbefall gelitten. „Die Bäume sind geschwächt.“ Und somit leichte Beute für Schädlinge wie den Borkenkäfer. „Er hat ideale Bedingungen, um sich zu entwickeln – es könnte noch schlimmer als 2019 kommen“, fürchtet der Leiter des Forstbezirks Odenwald. Es sei denn, der Mai falle extrem nass aus.
Ein leichter Schauer hilft nicht
Die Böden brauchen nun Regen – das kann jeder Gartenbesitzer bestätigen. Noch haben die tieferen Schichten zwar Feuchtigkeit gespeichert. Für die Landwirtschaft ist daher momentan genug Wasser vorhanden. Doch bald könnte es eng werden. Zum einen hat der Nachtfrost von vor zwei Wochen so manchen Pflanzen geschadet. Zum anderen haben die sehr trockene Luft – derzeit eher 20 bis 30 Prozent Luftfeuchte statt der sonst üblichen 40 bis 50 Prozent – und zeitweise auch starker Wind die Böden weiter belastet. „Beides hat die Verdunstung gefördert“, erklärt der DWD-Meteorologe Clemens Steiner. Immerhin: Der kräftige Ostwind ist inzwischen deutlich abgeflaut.
So trocken, wie die Böden derzeit sind, würde leichter Regen aber kaum Abhilfe schaffen. Das Wasser könnte gar nicht durch die Kruste dringen, sondern würde einfach abfließen. „Die Land- und die Forstwirtschaft braucht kräftigen Regen über einen längeren Zeitraum“, sagt der Stuttgarter Meteorologe Pfaffenzeller. Auch Ariane Amstutz, die Sprecherin des Landesbauernverbandes in Baden-Württemberg, betonte vor Kurzem: „Wir brauchen dringend einen ergiebigen Landregen.“ Nur dieser könne den trockenen April ausgleichen. Zwei bis drei Wochen sollte er dann anhalten. Denn gerade jetzt ist Feuchtigkeit für die Vegetation wichtig, um die Keimprozesse zu fördern.
Die Wälder unter Dauerstress
Die nächsten Tage sind also entscheidend: Es muss regnen, um die Gefahr von Missernten abzuwenden. „Wir müssen es zwar abwarten, aber für die kommenden Tage ist unbeständigeres Wetter mit Schauern vorhergesagt“, macht Pfaffenzeller Hoffnung. Eindeutige Prognosen, inwieweit die Land- und Forstwirtschaft wegen des Wetters tatsächlich Schaden nimmt, kann es aber derzeit noch nicht geben. „Das wird man erst in zwei oder drei Monaten sehen“, sagt der Meteorologe.
Für den Forstamtsleiter Hellmann ist indes klar, dass es sich bei dem derzeitigen Wetterphänomen um „Folgen des menschengemachten Klimawandels“ handelt. Die Wälder blieben nach den vergangenen Jahren das Sorgenkind: „Sie stehen weiter unter Trockenstress.“ Dies habe „dramatische Folgen für unser Klima und damit für die Lebensbedingungen“.