Die Impfstoffe von Astrazeneca und Biontech bieten nach der zweiten Dosis einen guten Schutz vor der Delta-Variante des Coronavirus. In Großbritannien werden nun die Impfabstände verkürzt. Foto: imago images/NurPhoto/Maciek Musialek

In Großbritannien nimmt die Zahl der Corona-Neuinfektionen wieder deutlich zu. Auch in Deutschland verbreitet sich die ansteckende Delta-Variante immer weiter. Wie sind die Prognosen für Herbst und Winter – und wie gut schützen die zugelassenen Impfstoffe vor dem mutierten Virus? Ein Überblick.

Stuttgart - Im Vereinigten Königreich stecken sich wieder deutlich mehr Menschen mit Corona an. Auch die Zahl der Krankenhauseinweisungen im Zusammenhang mit Sars-CoV-2 nimmt dort zu, obwohl fast 60 Prozent der Menschen vollständig geimpft sind. Hauptgrund ist die ansteckendere Delta-Variante, die sich auch in Deutschland ausbreitet. Fachleute mahnen deshalb weiter zur Vorsicht. Wir beantworten wichtige Fragen zum Thema.

 

Welche Rolle spielt die Delta-Variante inzwischen hier in Deutschland?

Das Robert-Koch-Institut beziffert den Anteil von Delta für die Woche vom 7. bis zum 13. Juni hierzulande auf 15 Prozent. Damit hätte er sich binnen einer Woche etwa verdoppelt. Dieses Tempo, das auch schon in anderen Ländern beobachtet wurde, hatten Fachleute befürchtet, nachdem Delta hierzulande zunächst auf niedrigem Niveau verharrt hatte. Für Baden-Württemberg, wo jede und jeder positiv Getestete auf Virusvarianten untersucht wird, gibt das Landesgesundheitsamt den Anteil von Delta aktuell mit rund zehn Prozent an. Andere Bundesländer melden teils höhere Werte – etwa Hessen mit 20 Prozent. Unter Expertinnen und Experten besteht kein Zweifel, dass Delta im Herbst auch bei uns dominieren wird.

Wie ist die Lage in Großbritannien?

Die Zahl der Neuinfektionen innerhalb einer Woche ist im Vereinigten Königreich wieder auf mehr als 100 pro 100 000 Einwohner gestiegen. In Deutschland liegt die Sieben-Tage-Inzidenz aktuell bei 6,6. Allerdings liegt die absolute Zahl von Infektionen und Klinikeinweisungen in Großbritannien bislang unter dem Niveau früherer Corona-Wellen. Dafür sind nun anteilig mehr jüngere Menschen betroffen, die oft noch keinen vollständigen Impfschutz haben.

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Als Hauptgrund für die Entwicklung gilt die Verbreitung der Delta-Variante, die zuerst in Indien aufgetreten war und im April erstmals in Großbritannien nachgewiesen wurde. Anfang Mai kam Delta auf einen Anteil von rund einem Viertel, seit Anfang Juni gibt es in Großbritannien fast nur noch Delta-Fälle.

Wie sieht es in anderen Ländern aus?

Auch in Portugal und Russland steigen die Infektionszahlen wieder, Die Inzidenzen liegen dort inzwischen wieder bei 80. Auch in diesen Ländern dominiert längst die Delta-Variante, die nach vorläufigen Erkenntnissen der britischen Gesundheitsbehörde nicht nur ansteckender ist, sondern auch häufiger zu schwereren Covid-19-Krankheitsverläufen führen könnte als die davor dominierende („britische“) Alpha-Variante. Deutlich steigende Delta-Anteile verzeichnen auch Italien, Belgien und Frankreich.

Warum sieht es in Deutschland derzeit deutlich besser aus als in Großbritannien?

Eine wichtige Rolle spielt sicher, dass Delta bei uns noch seltener ist als im Vereinigten Königreich. Der Frankfurter Virologe Martin Stürmer verweist auf die große Gruppe von Menschen mit indischen Wurzeln in Großbritannien und die traditionell engen Kontakte zu Indien. Zunächst habe sich das Virus innerhalb dieser Personengruppe und von dort weiter in der übrigen Bevölkerung verbreitet. In Deutschland seien eher Einzelfälle zu beobachten. In Portugal wiederum sind die Briten die größte Touristengruppe, was dort zur Verbreitung von Delta beigetragen haben dürfte. Der Virologe Christian Drosten weist auf einen weiteren Punkt hin: Die Briten hätten das Infektionsgeschehen nicht so weit heruntergebremst wie die Deutschen, sodass der neue Anstieg dort auf höherem Niveau begonnen habe.

Warum gilt die Delta-Variante als gefährlicher?

Für den Wildtyp des Coronavirus wurde angenommen, dass ein Infizierter im Schnitt etwa drei bis vier weitere Menschen ansteckt – ohne Schutzmaßnahmen. Für die Alpha-Variante, die zuerst in Großbritannien auftauchte, waren es schon rund fünf Ansteckungen. Bei der Delta-Variante sind es nun offenbar nochmals 40 bis 60 Prozent mehr. Drosten berichtete in seinem NDR-Podcast von Hinweisen auf erhöhte Viruslasten im Rachen von Delta-Infizierten im Vergleich zu Alpha. Zudem berichtet er von Hinweisen, wonach die Mutante auch krankmachender sein könnte.

Zu den höheren Viruslasten würde passen, dass die Delta-Variante auch ansteckender ist als bisherige Varianten. In Indien wurde zeitweise sogar empfohlen, auch in Innenräumen und zuhause Maske zu tragen. Im Internet macht ein Bericht die Runde, wonach ein Delta-Ausbruch in Australien auf ein Einkaufszentrum zurückzuführen sei – also auf eine Situation, in der Menschen sich angesteckt haben, ohne engen Kontakt zu Infizierten zu haben. Das RKI teilte auf Anfrage der Deutschen Presseagentur mit, dass flüchtige Kontakte schwer zu erfassen seien. Von dem Institut heißt es aber aber auch: „Die hohen Ansteckungsraten in Haushalten und bei Ausbrüchen durch Delta weisen darauf hin, dass Delta noch leichter übertragbar ist als Alpha, auch ohne engen Kontakt.“

Wie geht es hierzulande weiter?

Angesichts der Delta-Variante und vermehrten Kontakten rechnen Experten spätestens im Herbst wieder mit mehr Infektionen. Hinzu kommt, dass das Virus bei kühlem Wetter aktiver ist. Christiane Wagner-Wiening, stellvertretende Leiterin des Referats Gesundheitsschutz und Epidemiologie beim Landesgesundheitsamt im Regierungspräsidium Stuttgart, sieht aber gute Chancen, dass die vierte Welle deutlich flacher ausfällt als die bisherigen – aber nur „wenn keine ansteckendere Mutante kommt und wir bei den Erwachsenen eine Impfquote von 60 oder besser 80 Prozent erreichen“. Auch in den Schulen sowie bei Veranstaltungen und Reisen sei weiter Vorsicht geboten. Volle Stadien bei der Fußball-EM treiben der Virologin „ein wenig Schweiß auf die Stirn“.

Sind höhere Inzidenzen tolerierbar, wenn gefährdete Gruppen geimpft sind?

Von einem neuen Anstieg der Inzidenz wären vor allem Jüngere betroffen, von denen relativ wenige geimpft sind. In dieser Gruppe gibt es weniger schwere Krankheitsverläufe, was eine Überlastung des Gesundheitssystems unwahrscheinlich machen würde. Allerdings wird teils auch bei jüngeren Menschen das sogenannte Long-Covid-Syndrom beobachtet. Virologe Stürmer, der in Frankfurt ein Labor betreibt, hält es daher für wichtig, die Infektionszahlen auch bei jüngeren Menschen niedrig zu halten. „Zudem erhöhen hohe Inzidenzen generell das Risiko, dass neue Mutanten entstehen“, sagt er.

Wie gut schützen Impfstoffe vor Delta?

Die Vakzine von Biontech und Astrazeneca schützen nach aktueller Studienlage auch gut vor Infektionen mit der Delta-Variante – allerdings erst nach der zweiten Dosis. Der Schutz vor einer Krankenhauseinweisung liegt jeweils über 90 Prozent. Da einfach Geimpfte deutlich schlechter geschützt sind, wurde in Großbritannien der Abstand zwischen erster und zweiter Impfung mit Astrazeneca verkürzt. Teilweise wird die zweite Dosis statt nach zwölf bereits nach sechs Wochen gegeben.

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Auch in Deutschland hielte es der Virologe Martin Stürmer für sinnvoll, den Impfabstand bei dem hier vorherrschenden Impfstoff von Biontech von sechs auf drei bis vier Wochen zu verkürzen. Klar ist: Je mehr Menschen vollständig geimpft sind, desto besser wird das Land durch Herbst und Winter kommen. „Die Leute sollten unbedingt auch den zweiten Impftermin wahrnehmen“, betont Wagner-Wiening.