Der Chef von Dekra ist 45 Jahre und liebt Herausforderungen wie den Ultramarathon in der Wüste Gobi. Auch mit dem Unternehmen, das 100 wird, hat er viel vor.
Der aus Polen stammende Vorstandschef Stan Zurkiewicz führt den Stuttgarter Prüfkonzern Dekra aus einer international geprägten Perspektive. Entscheidend für seinen Blick auf die Welt war der Wagemut seines Vaters, der einst mit einem Fischerboot auf Weltumseglung ging.
Herr Zurkiewicz, von Ihnen ist bekannt, dass Sie extreme Herausforderungen mögen, bis hin zum Ultramarathon in der Wüste Gobi. Was ist der Reiz daran, sich solchen Strapazen auszusetzen?
Sport ist einfach ein wichtiger Teil meiner Persönlichkeit. Ich habe schon als Kind viele Jahre Martial Arts wie Judo und Taekwondo wettkampfmäßig betrieben. Auch heute findet man mich an sieben Tagen der Woche morgens um 6 Uhr beim Training: Laufen, Radfahren, alle möglichen Dinge. Es ist ein Weg, der mir hilft, wachsam zu bleiben und mit all den täglichen Themen umzugehen. Aber natürlich spielt auch Abenteuerlust eine große Rolle.
Die zeigt sich auch in Ihrem Lebenslauf. Sie stammen aus Polen, haben in Schottland studiert und sind gleich nach dem Masterabschluss nach China gegangen. . .
Als Jugendlicher hatte ich ein Zitat von Mark Twain in meinem Zimmer hängen. „In zwanzig Jahren wirst du dich mehr über die Dinge ärgern, die du nicht getan hast, als über die, die du getan hast.“ Das beherzige ich und sehe das Leben tatsächlich als Abenteuer.
Woher kommt das?
Da muss ich von meinem Vater erzählen. Er hatte, im damals noch kommunistischen Polen, den Traum, um die Welt zu segeln. Ich war noch ein Kind, als er ein altes hölzernes Fischerboot gekauft hat. Er brauchte fünf Jahre, um es zum Segelboot umzubauen, dann ging er damit auf Weltreise. Er hatte 100 Dollar und ein Boot voller Konserven, als er aus der Danziger Bucht hinausfuhr. Als er nach Marseille kam, gingen ihm das Essen und das Geld aus. Während er an Land nach einem Job suchte, versenkte ein Sturm sein Boot. So hat er die Reise nie beendet. Aber für mich ist die Vorstellung, dass man sich auf Abenteuer wirklich einlassen kann, seither ein Teil meines Lebens.
Und jetzt sind sie Vorstandschef beim Prüfkonzern Dekra, der für das Gegenteil steht: für Sicherheit und reglementierte Prozesse. . .
Nach 20 Jahren in Asien nach Deutschland zu kommen, ist vielleicht schon ein Abenteuer für sich. Aber im Ernst: Von außen betrachtet wirkt Dekra vielleicht wie eine konservative Organisation. Aber es ist ein Unternehmen, das sich sehr stark weiterentwickelt, wobei KI und Technologie eine immer größere Rolle spielen. Teil dieser Transformation zu sein und sie gemeinsam mit einem großartigen Team voranzutreiben, war und ist auch ein Abenteuer. Ich war in China in einer Zeit, als das Land wirtschaftlich aufblühte, und wurde dort schon mit 26 Jahren Leiter eines Dekra-Prüflabors, später habe ich mich zum Executive Vice President für den asiatisch-pazifischen Raum, zum operativen Geschäftsführer der Dekra-Gruppe und schließlich zum Vorstandsvorsitzenden hochgearbeitet. Auch das war ein großartiges Abenteuer und hat meine internationale Perspektive geprägt.
Was meinen Sie konkret?
Ich hatte die Möglichkeit, mit Menschen in Deutschland, Europa, Amerika und Asien zusammenzuarbeiten. Ich habe gelernt, wie groß der Wert von harter Arbeit, Bildung und kontinuierlichem Lernen ist. Und ich halte Vielfalt seither für eine große Stärke. Im politischen Diskurs, insbesondere in den USA, wird Vielfalt gerade eher vernachlässigt. Ich sehe das nicht ideologisch, kann aber aus meiner ganzen Erfahrung sagen: Vielfalt kann zweifellos eine Quelle der Kraft sein.
Dekra feiert im Juli das 100-jährige Bestehen. Was wird Ihr Geschäft, wenn nicht für die kommenden hundert, aber für die nächsten zehn Jahre prägen?
Heute sind wir mit 32 Millionen Fahrzeugüberprüfungen im Jahr der unangefochtene Weltmarktführer in Sachen Inspektion. Jetzt geht es darum, diese Stellung im Bereich der software-definierten und nachhaltigen Mobilität zu erlangen. Cybersicherheit, Künstliche Intelligenz, Nachhaltigkeit sind unsere großen Entwicklungsfelder. Sie sind bald für fast jedes Objekt von Bedeutung – vom Auto bis zum Kühlschrank.
Bei Künstlicher Intelligenz wissen nicht einmal die Hersteller immer, wie deren Ergebnisse zustande kommen. Wie soll man das prüfen können?
Das ist eine gute Frage. Aber wenn man sie systematisch angeht, sieht man schnell: Es ist möglich. Das europäische KI-Gesetz sieht vor, dass KI-Anwendungen, die mit einem hohen Risiko verbunden sind, obligatorisch von unabhängigen Stellen überprüft werden müssen. Da geht es um Anwendungen wie in biometrischen Systemen, in medizinischen Geräten oder beim automatisierten Fahren.
Was kann Dekra da testen?
Kann man die Cybersicherheit eines KI-Systems testen? Die Antwort ist: ja. Kann man systematische Verzerrungen und Ungleichbehandlung von Daten feststellen? Ebenfalls ja. Lässt sich feststellen, ob ein System robust funktioniert? Auch das geht – und so entwickelt sich aus vielen Komponenten ein Zertifizierungsschema. Wir gehören dabei zu den Vorreitern.
Europa will in den kommenden Jahren massiv in Verteidigung investieren. Wird Dekra davon profitieren?
Bisher spielte das Verteidigungsgeschäft eine kleine Rolle in unserem Serviceportfolio, wir haben beispielsweise Militärfahrzeuge überprüft. Aber der Bereich wird definitiv stark wachsen. Denken Sie nur daran, wie Drohnen die moderne Kriegsführung revolutioniert haben. Auch da spielen Cybersicherheit und KI eine große Rolle. Und auch Batterien, die in vielen militärischen Anwendungen eingesetzt werden, müssen nachweisbar sicher funktionieren. Bereits heute sind wir in all diesen Bereichen für führende europäische Hersteller von Verteidigungsgütern tätig, und ich bin fest davon überzeugt, dass unsere Rolle im europäischen Verteidigungssektor weiter wachsen wird.
Sie zählen auch Nachhaltigkeit zu den wichtigsten Entwicklungsfeldern. Was bedeutet das?
Im Bereich Nachhaltigkeit wachsen wir sowohl mit Dienstleistungen rund um die Energiewende als auch mit Unterstützung im Bereich ökologisch und sozial nachhaltiger Unternehmensführung. Schauen Sie das Beispiel Wasserstoff an. Wir prüfen beispielsweise die Elektrolyse-Anlagen, in Übereinstimmung mit den einschlägigen Normen. Wir testen Pipelines, die neu gebaut oder für Wasserstoff umgerüstet werden, oder auch die Lager- und Lkw-Wasserstofftanks.
Ihre Prognose: Wird es Dekra auch in 100 Jahren noch geben?
Niemand kann einen so langen Zeitraum übersehen. Aber die Frage ist: Braucht es unabhängige Institutionen, die helfen, die Welt sicherer und nachhaltiger zu machen? Das wird auch in den kommenden Jahrzehnten relevant bleiben. Ich bin mir sicher, dass wir mit unserer neuen Strategie die Basis dafür schaffen, auch in den nächsten 100 Jahren zu bestehen.
Der Chef und die Firma
CEO
Stan Zurkiewicz (45) führt seit drei Jahren als Chief Executive Officer den international tätigen Prüfkonzern Dekra, für den er seit 2011 tätig ist. Der in Gdynia bei Danzig aufgewachsene Pole lebte zuvor 20 Jahre in Asien, ist mit einer Chinesin verheiratet und hat zwei Söhne.
Firma
Vor 100 Jahren als Deutscher Kraftfahrzeug-Überwachungsverein in Berlin gegründet, entwickelt sich Dekra derzeit zum Zertifizierungsunternehmen in den Bereichen Mobilität, Cybersicherheit, Künstliche Intelligenz und Nachhaltigkeit. Der Konzern beschäftigt weltweit rund 48 000 Mitarbeiter und erzielte 2024 einen Umsatz von 4,3 Milliarden Euro bei einem Gewinn vor Steuern und Zinsen von 266 Millionen.