Dekra-Auto-Chef zu Feinstaub in Stuttgart „Es gibt Besseres als Fahrverbote“

Von Klaus Köster 

  Foto: Lichtgut/Leif Piechowski
  Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Es ist wieder Feinstaubalarm – Bürger sollen nicht per Auto nach Stuttgart fahren. Der Diesel steht besonders im Verdacht, die Umwelt zu schädigen. Doch Messungen bestätigen das nicht, sagt Clemens Klinke, Chef der Autosparte der Stuttgarter Dekra.

Herr Klinke, die Stadt Stuttgart steht unter massivem Druck der EU, die Feinstaubwerte in der Innenstadt zu reduzieren. Sind die diskutierten Fahrverbote für Dieselautos wirklich die einzige Möglichkeit, um dieses Thema in den Griff zu bekommen?
Aus der Sicht eines Technikers ist in dieser Diskussion einiges nur schwer nachzuvollziehen, denn inzwischen stoßen moderne Dieselfahrzeuge immer weniger Feinstaub aus – während es bei modernen Autos mit Benzinmotor mehr wird. Neue Dieselautos haben heute alle Abgasreinigungsanlagen, die die Stickoxide reduzieren, und Partikelfilter, die den Feinstaub zurückhalten.
Müsste man bei Feinstaubalarm also eher Benzinern die Einfahrt verbieten als Dieselautos?
Das wäre etwas kurz gesprungen, denn die Vorschriften werden auch hier verschärft. Ab September 2017 gelten für Benzinfahrzeuge mit neuer Typzulassung die gleichen strengen Feinstaub-Vorgaben wie für Dieselfahrzeuge.
Die Politik setzt aber ohnehin darauf, Verbrennungsautos so schnell wie möglich zu verbannen. Bringt das Elektroauto die Lösung des Feinstaub-Problems?
In Stuttgart wurden 2015 durch Autos jeden Tag rund 475 Kilogramm Feinstaub freigesetzt. Davon entstehen rund 77 Kilogramm durch die Abgase. Rund 398 Kilogramm, also etwa 84 Prozent, entstehen aber durch den Abrieb von Reifen, Bremsen und durch Wiederaufwirbelung, den es beim E-Auto genauso gibt wie bei Autos mit Verbrennungsmotor. Auch bei den Aufwirbelungen, die durch das Fahren entstehen und Feinstaub in die Luft bringen, gibt es keinen Unterschied zwischen Verbrennungsmotor und Elektromotor. Gegen den Feinstaub bringt das Elektroauto also nicht allzu viel.
Was bringen dann Fahrverbote für Autos mit bestimmten Antriebstechnologien?
Die Antriebstechnologie macht bezüglich des Feinstaubs bei modernen Fahrzeugen keinen entscheidenden Unterschied – da sind sich alle Studien einig. Bedenkt man, dass das Auto bei Weitem nicht die größte Feinstaub-Quelle ist, wird die Bedeutung der Antriebstechnologie noch geringer.
Welche anderen Feinstaubquellen jenseits des Autos gibt es noch?
Hier sind zum einen Kraftwerke zu nennen, die heute aber sehr streng und rund um die Uhr überwacht werden – mithilfe von Messgeräten, die ihrerseits regelmäßig von unabhängiger Stelle überprüft und gegen Manipulationen gesondert gesichert werden. Hinzu kommen die Gebäudeheizungen, bei denen man bisher nur darauf hoffen kann, dass der Betreiber sie verantwortungsbewusst steuert. Vor allem bei Holzheizungen werden kaum Steuerungsanlagen genutzt, obwohl es diese am Markt durchaus gibt. Das ist sehr verbesserungsfähig.
Zu welchem Anteil sind die wichtigsten Feinstaub-Quellen am Gesamtausstoß beteiligt?
Rund sechs Prozent des Feinstaubs an der besonders wichtigen Messstelle beim Stuttgarter Neckartor entstehen nach den Daten der Landesanstalt für Umwelt, Messungen und Naturschutz aus 2014 durch Abgasemissionen vor Ort, weitere 31 Prozent durch Abrieb von Reifen und Bremsbelägen sowie durch Aufwirbelung der vorbeifahrenden Autos. Rund 55 Prozent der Belastung entstehen aber nicht vor Ort, diese Menge ist in der Luft also ohnehin vorhanden. Hier wiederum spielen neben der großräumigen Belastung die kleinen und mittleren Feuerungsanlagen, zum Beispiel Heizungen, eine größere Rolle als die Emissionen, die das Auto verursacht.
Demnach sind Abgase der vorbeifahrenden Autos, auf die sich die Diskussion konzentriert, kaum am Feinstaub beteiligt.
Ja, wie erwähnt mit sechs Prozent, wobei der Anteil der Abgase in den vergangenen Jahren wegen der technologischen Fortschritte immer mehr zurückgegangen ist. Es erscheint, als beschäftige man sich zunehmend mit einem Problem, das immer kleiner wird, während die fortbestehenden Probleme zu wenig beachtet werden. Allerdings heißt das nicht, dass bei den Abgasen alles in Ordnung wäre.
Was meinen Sie damit?
Bei alten Fahrzeugen ist der Ausstoß natürlich höher als bei Autos mit der neuesten Technologie. Würde man hier eine Art Abwrackprämie zahlen, ließe sich der Wechsel hin zu Autos mit neuer Technologie sicher beschleunigen. Wichtig ist auch, gegen die Abgasmanipulation durch die Besitzer vorzugehen.
Werden Abgaswerte nicht nur durch die Hersteller manipuliert?
Es ist heute für Autobesitzer viel zu einfach möglich, die Umweltvorschriften zu umgehen, indem sie zum Beispiel den Dieselrußfilter ausbauen lassen. Das mag die Leistung erhöhen, lässt die Feinstaubwerte aber durch die Decke schießen. Ein solches Auto verliert zwar seine Betriebserlaubnis, aber das Risiko, erwischt zu werden, ist bisher gering.
Spätestens bei der Hauptuntersuchung, die alle zwei bis drei Jahre stattfindet, fällt es aber auf.
Das fällt in der Regel nicht auf.
Werden die Abgaswerte dort nicht überprüft?
Bei den allermeisten Fahrzeugen dürfen wir nicht mehr messen, was tatsächlich aus dem Auspuff herauskommt. Stattdessen müssen wir uns darauf beschränken, die Daten der Bordelektronik auszuwerten. Diese lässt sich aber leicht überlisten.
Wie lässt sich das verhindern?
Wie manipulationsanfällig Software ist, haben wir in den vergangenen Monaten ja ausreichend beobachten können. Deshalb plädieren wir dafür, bei der Hauptuntersuchung das zu messen, was tatsächlich hinten rauskommt. Das lässt kaum Raum für Manipulationen. Bei den Bremsen schauen wir ja auch nicht, ob sie theoretisch funktionieren müssten, sondern messen ihre Wirkung direkt auf dem Prüfstand. Auf diesen Standard müssen wir auch beim Abgastest kommen. Damit ließe sich dann auch das Chiptuning eindämmen. Mittlerweile kursieren im Internet immer mehr Angebote, mit denen man die Steuerungssoftware des eigenen Autos manipulieren kann. Mehr Leistung, weniger Verbrauch, so lautet das Versprechen …
. . . das sich ziemlich unglaubwürdig anhört . . .
… es aber keineswegs sein muss. Denn die reguläre Steuerungssoftware von Autos soll nicht einseitig die Leistung maximieren, sondern unterschiedliche Anforderungen ausbalancieren und insbesondere die Schadstoffe in den zugelassenen Grenzen halten. Auch die Haltbarkeit der Aggregate spielt bei der Auslegung eine wichtige Rolle. Beim Chiptuning aber interessiert sich dafür kaum jemand, und somit können durch Chiptuning die Emissionen durchaus verschlechtert werden.
Welches Ausmaß haben solche Manipulationen?
Da gibt es inzwischen einen regelrechten Wildwuchs.
Stuttgarts Regierungspräsident Wolfgang Reimer hat jetzt vorgeschlagen, im besonders belasteten Bereich des Stuttgarter Neckartors einzelne Fahrspuren zu sperren, um den Verkehr zu begrenzen. Helfen künstliche Staus der Umwelt wirklich weiter?
Wenn es darum geht, den Verkehr an besonders belasteten Stellen zu reduzieren, bringt das dort durchaus etwas, solange der Stau nicht in dem kritischen Bereich stattfindet. Die extreme Variante wäre, alle Fahrspuren zu sperren. Dann entsteht dort auch kein Auto-Feinstaub mehr.
Dafür aber Staus in allen Richtungen.
Das ist das Problem. Man muss die Zufahrt beschränken, darf die Belastung aber auch nicht einfach nur verlagern, denn dann wäre wenig gewonnen – zumal Staus die Feinstaub-Belastung stark erhöhen. Wie bereits erwähnt, hat das Abbremsen und Beschleunigen einen großen Einfluss, wir müssen also dafür sorgen, dass der Verkehr an den besonders kritischen Stellen fließt – also die Fahrzeuge rollen. An der Belastung aus all den Quellen jenseits des Autos ändert das aber nichts.
Was ließe sich denn sonst noch unternehmen?
Natürlich kann man die Straßen auch in einen Tunnel legen, dann ...
. . . bekommen die Autofahrer den Feinstaub geballt ab.
Keineswegs – moderne Fahrzeuge haben Innenraumpartikelfilter, die das Eindringen in den Fahrzeuginnenraum größtenteils verhindern.
Lässt sich Feinstaub im Freien auch auswaschen – ähnlich wie Blütenpollen, die Allergikern bei Regen Entlastung verschaffen?
Wir überwachen die Stuttgart-21-Baustelle am Nordbahnhof und erheben dort ständig die Feinstaubwerte. Diese sind im Tagesverlauf recht stabil – sobald es aber regnet, gehen sie sofort in den Keller. Der Feinstaub wird durch den Regen sozusagen verdünnt.
Könnte man sich das nicht zunutze machen?
Wir halten es durchaus für möglich, dass sich durch die Reinigung von Straßen das Problem stark reduzieren lässt, zumal der prozentuale Anteil von Abrieb und Aufwirbelung ständig zunimmt. Die Frage treibt uns um, und wir haben großes Interesse, das einmal auszuprobieren.
Und wo?
Als Expertenorganisation mit Sitz in Stuttgart ist natürlich Stuttgart unsere erste Wahl. Wir sind auch bereit, uns an den Kosten eines solchen Versuchs zu beteiligen. Wenn wir dafür Partner finden, setzen wir es in die Tat um. Ich bin sicher, dass es für die Lösung des Problems kreativere Lösungen gibt als Fahrverbote, deren Nutzen wohl sehr begrenzt ist.

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