Deichkind "Beim Aufprall entsteht ein politischer Moment!"

Von Oliver Stenzel 

 Foto: Nicoluas Brade
Foto: Nicoluas Brade

Kein Abschied, aber kreative Pause: Die Hamburger Tech-Rapper Deichkind gastieren auf ihrer "vorerst letzten Tour" in Stuttgart.

Stuttgart - Die Shows der Hamburger Band Deichkind sind anarchische Hip-Hop-Elektro-Spektakel mit Dada-Ästhetik. Nach dem Tod ihres Produzenten Sebastian „Sebi“ Hackert Anfang 2009 geht sie nun auf ihre „Vorerst letzte Tour“. Henning „Phono“ Besser, Philipp Grütering und Sebastian „Porky“ Dürre geben Auskunft.

Ist der Tod von Sebi Hackert der Grund für Ihre Entscheidung, eine Pause einzulegen? Besser: Bis zu einem gewissen Grad bestimmt. Wir haben aber insgesamt turbulente, intensive Zeiten hinter uns, waren viele Jahre auf Tour und haben Alben veröffentlicht. Jetzt tut es einfach gut, mal eine Pause zu haben. Ich kann mich anderen Projekten widmen, etwa einem Theaterstück, das ich mit Ted Gaier von den Goldenen Zitronen schreibe. Es beschäftigt sich mit Deichkind und wird im Februar im Hamburger Kampnagel aufgeführt. Philipp und Porky gehen ins Studio, machen Musik.

Grütering: Sebi war ja nicht nur Produzent bei Deichkind, sondern hat auch für viele andere Bands Songs gemischt, zusammen knapp 300 veröffentlichte Lieder. Ich habe 17 davon für eine CD ausgewählt, die im Januar veröffentlicht wird und in Vinylversion schon auf der Tour zu haben ist. Der Erlös geht an Sebis Frau und Sohn.

Deichkind löst sich also nicht auf? Dürre: Wir machen eine kreative Pause. Es ist jetzt einfach das Ende einer Phase.

Besser: Allerdings sagen wir auch niemandem, wie und wann es weitergehen wird. Aber wir machen noch mal eine komplett neue Show und ziehen alle Register.

Wie sieht die neue Show aus? Besser: Wir haben ein paar ältere Lieder aus der Schublade geholt, dazu ein paar unveröffentlichte. Und die Bühnenshow hat ein paar Aspekte, die so noch nie zu sehen waren. Unsere Bastelwerkstatt ist monatelang auf Hochtouren gelaufen! Wir wollen ein nächstes Level an Inszenierung, an Überraschung, aber auch Spontaneität zulassen. Gleichzeitig soll die Show auch Leuten spannende neue Aspekte bringen, die an Kunst oder Kunsttheorie interessier sind.

Zu Ihren Shows gehören absurde Kostüme, vor allem die Pyramidenkappen erinnern an die Avantgarde-Punkband Devo. Und das Bandlogo zitiert jenes der Polit-Punkband Dead Kennedys. Wie wichtig ist Punk für Sie?

Besser: Ich habe früher schon Punk gehört, aber mich haben auch die Haltung, die Ideen des Punk immer fasziniert. Und diese Egal- oder Verweigerungshaltung hat die ganze Band sehr verinnerlicht. Dead Kennedys, Devo, aber auch das Konzeptionelle wie bei den Sex Pistols. Das sind alles Einflüsse.

Ihr Publikum ist extrem breit gefächert, HipHopper, Punks, Heavys, Raver, Normalos . . . Besser: Uns ist wichtig, niemanden auszuschließen. Man kann Deichkind auf verschiedene Arten lesen, als Musikfan, als jemand, der unterhalten werden möchte, der ein Konzert erleben will wie einen Rausch. Aber man kann auch zwischen den Zeilen lesen und Referenzen, Ideen, künstlerische Konzepte finden. Deichkind ist schon klar in einem Popkontext verortet, aber hat natürlich mehr zu bieten. Um auf Punk zurückzukommen: Diese Verweigerungshaltung gegenüber gewissen Dingen, gegenüber Eitelkeit, gegenüber gängigen Strategien im Popbereich, die ist bei uns sehr spürbar.

Die FDP hat im Wahlkampf mit dem Slogan "Arbeit muss sich wieder lohnen" geworben. Ihr jüngstes Album war "Arbeit nervt" betitelt. Ist Deichkind eine politische Band? Besser: Deichkind ist keine Band wie etwa die Goldenen Zitronen, die sehr explizit eine politische Haltung verkörpert. In gewissen Dingen sind auch bei uns diese Haltungen sichtbar, aber ich glaube, wir haben eine ganz andere Aufgabe. Das Politische ist bei uns, dass ganz verschiedene Menschen zusammenkommen. Zum Beispiel, wenn jemand, der total verkleidet ist, auf jemanden im Anzug trifft, wenn ein 16-Jähriger, für den es das erste Konzert ist, auf einen 48-Jährigen trifft, der in einer Werbeagentur sitzt. Wenn diese Unterschiede aufeinanderprallen, dann entsteht für mich wirklich ein politischer Moment. Der ein bisschen durch ein Deichkind-Konzert initiiert ist.

Vielleicht doch noch ein kleiner Ausblick auf Zukunftpläne? Grütering: Das Planen hat uns immer wieder in die Knie gezwungen. Wenn du was planen willst, läuft's eh anders.

Die Entwicklung der Band ist demnach völlig ungeplant verlaufen? Grütering: Ja. Mit der Techno-Entwicklung sollte die Band eigentlich an die Wand gefahren werden. Es war im Hip-Hop nichts mehr los, wir wollten nur noch Verpflichtungen gegenüber der Plattenfirma erfüllen. Und dann ging das durch die Wand, die war leider nur aus Rigips, und es hat uns mitgerissen. Ehe wir uns versahen, war der Erfolg da.

Besser: Es gibt noch wahnsinnig viele spannende Sachen, die eine Band wie Deichkind ausprobieren könnte und wofür wir auch prädestiniert wären. Aber da wollen wir uns nicht festnageln lassen. Wir wollen auf keinen Fall mit dem Rücken an der Wand enden und nur noch das machen, was man von uns erwartet. Wir wollen einfach mutig bleiben und uns neu erfinden dürfen.

Lesen Sie jetzt