Aus der Sicht des Fotografen gehört Baseball zum American Way of Life. Foto: Bernklau

In der Galerie Nieser zeigt der Jurist Nikolaus Grünwald seine Blicke auf Amerika und dessen Grenzen.

Degerloch - Amerika, immer wieder Amerika. Nikolaus Grünwald reist oft in die USA, das Land, dessen Eroberer und Siedler die Grenzen immer weiter gen Westen schoben. Deshalb heißt die Ausstellung, die die Gast-Kuratorin Bettina Michel in der Degerlocher Fotogalerie Nieser zeigt, auch „Frontier Stories“. Wobei man die Geschichten auch etwas freihändig zur Geschichte umdeuten und die Grenze als Krise, Wendepunkt oder als Rand zum Abgrund betrachten könnte.

Nikolaus Grünwald, Jahrgang 1974, stammt aus Leonberg. Sein Jura-Studium schloss er mit dem zweiten Staatsexamen ab, konnte aber „keine wirkliche Leidenschaft für den Beruf entwickeln“, wie es die Ausstellungsmacherin Michel formulierte. Seit 2006 ist er als freier Fotograf in Stuttgart tätig. Das nötige Geld bringt ihm die Mode- und Werbefotografie. In einem kleineren Teil spielt das in die Ausstellung hin-ein, mit Fashion-Aufnahmen aus New York, die auch ein gewisses Anderes neben dem unvermeidlichen Beauty-Glamour haben, etwa die abgerissenen Klinkerfassaden, die Feuertreppen und erblindeten Fenster hinter dem Model im Abendkleid. Sie treten aber zurück hinter Grünwalds drei anderen amerikanischen Serien.

„August and Everything After“ läuft unter dem Label Architekturfotografie, ist aber eigentlich etwas anderes. Die billigen Häuser aus den Vorstädten, den Suburbs des amerikanischen Traums, scheinen fast verlassen. Die Vorhänge sind zugezogen, die Treppen verwittert, der Rasen vertrocknet, der Lack ist ab vom Holz, zersplittert an den Schildern, das Licht erloschen – außer die Straßenlaternen bei den Langbelichtungen im Dämmer. Menschen sind selten zu sehen. Aber in all dem Abgestorbenen stehen doch ihre Sachen herum: die alten Autos mit schiefer Stoßstange, ein Sessel wie für den Sperrmüll, ein Kinderwagen, die Freiheitsstatue auf dem Sockel. Sinnbilder des American Way of Life, seiner Oberflächlichkeit und Vergänglichkeit.

Grünwald erzählt Kurzgeschichten

Zu diesem Leben gehört der Sport, Baseball, Football und Basketball vor allem, gehören Barbecue und Rodeo, das rituell den Fertigkeiten und dem männlichen Mut huldigt, die ein Westerner beim Erobern brauchte. „American Life“ heißt die Serie. Neben dem scheinbar in den Maschen gefangenen Baseball-Batter blickt ein blondes Cowgirl auf dem Sattel müde ins Leere als in Grünwalds Kamera, lackierte Fingernägel, den Hut auf dem Kopf, die Fahne im Rücken. Show must go on. Ihr Gesicht ist wohl ein wenig aufgehellt, „abgewedelt“, wie die Fotografen auch in Fotoshop-Zeiten noch sagen. Aber Grünwald geht sparsam um mit Bearbeitung. Das tiefe Dämmerlicht der blauen Stunde war einfach da.

Die Weite der amerikanischen Landschaft ist ein Mythos für sich: Prärie, Wüste, Salzseen. Wo immer solche „Common Places“ überwältigend eindrucksvoll sind, hat man sie auch zu Touristen-Attraktionen gemacht. Es gibt da ein Bild, auf dem Grünwald die Wüste New Mexicos in ein impressionistisches Flirren auflöst. Meist aber setzt er Menschliches, Allzumenschliches, Hässliches in die archaisch-asketische Größe dieser Natur: seltsame Picknick-Gestelle, dicke Menschen beim Stapfen durch den Sand der überzeitlich erhabenen Wüste mit den blauen Bergen am Horizont. Grenzen, Kontraste. Grünwald erzählt Kurzgeschichten. Und macht gute Bilder über Amerika.

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