Im Stuttgarter Stadtteil Freiberg-Mönchfeld ist die Versorgung mit Kita-Plätzen sehr schlecht. Gerade mal für jedes zweite Kind im Kindergartenalter steht statistisch ein Platz zur Verfügung. Merken die Schulen, dass Kinder schlechter vorbereitet kommen?
Was einem Kind fehlt, wenn es keine Kita besucht hat, kann Schulleiterin Miriam Brune an ihren Erstklässlern ablesen. Rund 140 Kinder besuchen die erste Jahrgangsstufe der Herbert-Hoover-Schule, die Standorte in Freiberg und Mönchfeld hat. Etwa eine Handvoll Kinder war vorher nicht in der Kita. „Da fehlt dann fast alles“, sagt Miriam Brune und zählt auf: Sie sprechen nicht gut, können Zahlen den Würfelbildern nicht zuordnen, haben kein Mengenverständnis. Sie können den Stift nicht gut halten oder mit der Schere schneiden.
Lernen, keine Schimpfwörter zu benutzen
Sich in eine Gruppe einzufügen, fällt ihnen schwer: „Zuhören, andere ausreden lassen, sich wehren, ohne Schimpfwörter zu benutzen, das müssen die Kinder erst einmal lernen“, sagt die Pädagogin. Zu den Gründen, warum die Kinder keine Kita besuchten, weiß sie: „Manchmal haben die Eltern keinen Platz gefunden. In anderen Fällen gab es aber auch Konflikte in der Kita und die Eltern meldeten das Kind ab.“
Wie wichtig ist der Kindergartenbesuch für die Schulfähigkeit von Kindern? Und was bedeutet es, wenn Kinder keine Kita besuchen? Das sind Fragen, die sich derzeit vor dem Hintergrund des Kitaplatzmangels stellen. Und deren Antwort auch ein Teil der Erklärung sein kann, warum Grundschüler in Baden-Württemberg in den vergleichenden Grundschultests immer schlechter abschneiden.
750 Kindergartenkinder ohne Platz
In Stuttgart gibt es laut Jugendamt derzeit mindestens 750 Kinder, die vier Jahre und älter sind, aber keinen Kitaplatz haben. Im Stuttgarter Stadtteil Freiberg-Mönchfeld, der zum Bezirk Mühlhausen gehört, ist die Versorgung besonders schlecht. Gerade mal für jedes dritte Kind bis drei Jahre steht hier rechnerisch ein Platz zur Verfügung, bei den Drei- bis Sechsjährigen gibt es in Freiberg für 45 Prozent und in Mönchfeld für 58 Prozent einen Platz. Zum Vergleich: Stuttgartweit liegt der Versorgungsgrad bei den unter Dreijährigen bei 51,2 und für das Kindergartenalter bei 98,9 Prozent.
Gründe für die Situation im Norden Stuttgarts sind unter anderem, dass in den vergangenen Jahren vor allem in Freiberg viele neue Wohnungen gebaut wurden, die Kinderzahl stieg ständig. Das Gesicht des Stadtteils ist geprägt von vielen Hochhäusern, die in den 60er- und 70er-Jahren entstanden sind. Der Anteil an Zugewanderten, auch jenen, die noch nicht so lange im Land sind, ist hoch. Es gibt einen relativ hohen Anteil an Arbeitslosigkeit und Menschen, die finanzielle Hilfen beziehen. Mit dem Sanierungsprogramm „Soziale Stadt“ hat Stuttgart nach der Jahrtausendwende versucht, Problemen im Stadtteil wie eine schlechte Nahversorgung und so genannte „Angsträume“ zu lindern.
Deutsch als Fremdsprache statt Sachunterricht
Gerade für Kinder, die hier aufwachsen, wäre ein Kita-Besuch besonders wichtig, etwa, um gut Deutsch zu lernen, sagt Miriam Brune. Allerdings stellt sie auch bei jenen, die eine Kita besucht haben, fest, dass sie in der Schule vieles erst lernen müssen, das zur Schulreife gehört. „Wir unterrichten in Freiberg auf einem niedrigeren Niveau, als es im Bildungsplan für die Grundschulen vorgesehen ist“, sagt Brune. „Ich gebe beispielsweise Sachunterricht in der dritten Klasse dieses Jahr. Dort wäre aber eher Unterricht in Deutsch als Fremdsprache gefordert“, sagt die Lehrerin.
Sie hätten an der Herbert-Hoover-Schule einen „sozialerzieherischen Auftrag“, sagt Brune. „Wir müssen die Erziehungsdefizite der Eltern ausgleichen.“ Von diesen sprächen viele schlecht Deutsch, seien im täglichen Existenzkampf gefangen, müssten mit Fluchterfahrungen oder Arbeitslosigkeit klar kommen. Da merke sie einen deutlichen Unterschied zur Elternschaft am Standort Mönchfeld. Dort seien die Eltern häufig schon länger im Land und besser integriert und könnten ihre Kinder ganz anders in der Schule unterstützen.
Dass sich Kindheit und das, was das Elternhaus leisten kann, verändert hat, stellt auch Brunes Kollegin Beate Anderka von der Uhlandschule in Stuttgart-Rot fest. Der Stadtteil Rot schließt an Freiberg an. „Kindheit hat sich verändert“, sagt die Schulleiterin. Heute seien häufig beide Eltern berufstätig, dadurch belasteter. Auch hätten sich Prioritäten verändert: „Eine Schleife muss heute kaum noch jemand binden können, weil die Schuhe alle Klettverschlüsse haben.“ Außerdem würden Kinder heute weniger lesen, weil die Freizeit mit anderen Aktivitäten und Medien gefüllt sei.
„Weltwissen“ fehle
Unter ihren Erstklässlern gebe es kaum welche, die nicht in der Kita waren, sagt Anderka. Trotzdem stellt sie fest, dass es an Wortschatz und „Weltwissen“, wie sie es nennt, mangele: „Wer noch nie eine Erdbeere gesehen hat, weiß nicht, was das ist und kennt das Wort dafür nicht.“ Sie will aber kein Pauschalurteil abgeben: Wie viele Kinder schulreif sind oder nicht, variiere je nach Jahrgang und Klasse.
Stefan Köhler vom Schülerhaus der Uhlandschule, wo die Nachmittagsbetreuung der Grundschulkinder stattfindet, formuliert es drastischer. Seit 2002 arbeitet Köhler in der Betreuung von Grundschulkindern und sagt: „So extrem wie in diesem Jahrgang war es noch nie.“ Ein nicht kleiner Teil sei mit dem Übergang in die Schule überfordert gewesen, könne sich nicht allein umziehen, Schuhe binden. „Eine Handvoll konnte nicht mal ihren Namen nennen.“ Auch die Frustrationstoleranz sei gering, die Kinder wüssten nicht, wie man mit Misserfolg umgehe, Streits würden verbal und körperlich eskalieren. Bei rund einem Drittel der Kinder macht er sich Sorgen, ob diese bereit für die zweite Klasse seien.
Er sieht darin auch „Coronanachwirkungen“. Zum einen meint Köhler damit, dass die Kitas in der Pandemie monatelang geschlossen oder nur eingeschränkt offen waren. Zum anderen glaubt er, dass sich die Ängste der Eltern, die nicht nur durch Corona, sondern auch Krisen wie Flucht, Krieg und Klimawandel bedingt seien, auf die Kinder übertragen.
Alle befragten Pädagogen sind sich einig, dass eine frühe und gute Kita-Betreuung eine wichtige Voraussetzung für die Schulreife ist. Das bestätigen auch die Fachkräfte aus der Schulsozialarbeit im Stadtteil. Die Stadt ist sich dieser Lücke bewusst. Laut dem aktuellen Bericht zur Kitaplatz-Versorgung in Stuttgart des Jugendamtes sind mindestens vier neue Kitas geplant. Außerdem sollen bestehende vergrößert werden. Mittelfristig werde sich die Situation verbessern, heißt es dort.
Schulleiterin wünscht sich eigene Ergotherapeuten
Die Schulleiterinnen wünschen sich aber auch mehr Unterstützung in den Schulen. Beate Anderka etwa sagt: „Es wäre gut, wenn wir selbst beispielsweise Ergotherapeuten zur Verfügung hätten, die wir einsetzen können, wenn ein Kind motorische Probleme hat, sodass die Familie sich nicht erst ein Rezept besorgen und selbst einen Therapeuten finden muss.“ Miriam Brune ist froh, dass ihre Schule nun durch Gelder des Landes pädagogische Assistenten und FSJler einstellen kann, die Kindern mit Problemen individuell helfen.
Allerdings müssten auch die Eltern mitziehen. Miriam Brune stellt fest, dass sich zunehmend Eltern den Angeboten verweigern, mit denen Förderbedarf früh erkannt werden soll. Beispielsweise gibt es zwischen Kitas und Grundschulen eine Kooperation: Etwa ein Jahr, bevor die Kinder in die Schule kommen, geht eine Lehrkraft in die Kitas um die Kinder kennenzulernen und zu beobachten, ob sie zum Beispiel Förderbedarf in der Sprache oder Motorik haben. „Es gibt Eltern, die dieser Kooperation nicht zustimmen“, sagt Brune. Auch zum Schulreifetest, den die Schulen bei der Schuleinschreibung machen, kämen manche einfach nicht. 40 Kinder hätten sie zuletzt dazu einbestellen müssen. „Wir müssen manche Eltern mehrfach auffordern. Erst, wenn wir mit einem Bußgeldverfahren drohen, erscheinen manche“, sagt Brune.