Wie man das Gedränge in der Notaufnahme von Krankenhäusern vermeidet. Und den Klinikverbund Südwest in Böblingen finanziell entlastet.
Eine derart leidenschaftliche Diskussion hatte man im Böblinger Kreistag lange nicht gehört. Als es jüngst im Sozialausschuss um die überfüllten Notaufnahmen des Klinikverbunds ging, kochten die Emotionen im Gremium hoch.
Verständlich, denn von Deutschlands berühmtestem Apotheker Björn Schittenhelmbis zu angesehenen Medizinern wie Alexander Baisch und Axel Prokop waren genügend Experten da, um das Problem zu benennen.
Der Landrat Roland Bernhard hatte die Notaufnahmen als einen Grund für das Minus der kreiseigenen Krankenhäuser identifiziert. Denn Notaufnahmen sind teuer: Der Patient muss aufgenommen, eingewiesen und untersucht werden, das heißt, zwei bis drei Leute müssen sich um ihn kümmern. Das finanzielle Problem verursachen die Patienten mit leichten Beschwerden, die in den Notaufnahmen nichts verloren haben und im Zweifel den echten Notfällen auch noch Raum und Zeit wegnehmen. Solche Patienten sind beim Hausarzt besser und günstiger versorgt, der seine Pappenheimer und ihre Beschwerden genau kennt.
Sind Medizinische Versorgungszentren die Lösung?
Schnell kamen die Kreisräte in der Diskussion darauf, die Leute würden deswegen in die Notaufnahmen gehen, weil es nicht genügend Hausärzte gebe und die Patienten gezwungen würden, das Krankenhaus aufzusuchen. Also müsste man doch, hieß es in der Diskussion weiter, so genannte Medizinische Versorgungszentren aufbauen, in denen Hausärzte angestellt seien, zwar mit weniger Geld, aber den Vorteilen der nicht selbstständigen Beschäftigung.
Allerdings würden diese Medizinischen Versorgungszentren oftmals von privaten Investoren betrieben, die maximal gewinnorientiert arbeiteten und maximal gewinnorientiert Leistungen abrechneten, weswegen die Kosten für die medizinische Versorgung ebenso steigen würden.
Bei den Kosten beißt sich die Katze in den Schwanz
An dieser Stelle der Diskussion im Kreistag hatte sich die Katze in den Schwanz gebissen, weil am Ende des Liedes immer eine massive Steigerung der Kosten gestanden hätte: Entweder in den Notaufnahmen oder den Medizinischen Versorgungszentren. Der Landrat schloss den Tagesordnungspunkt und dankte für die engagierte Diskussion.
Doch ist die Grundannahme des Kreistags möglicherweise falsch, nämlich dass ein Mehr an Hausärzten die Notaufnahmen entlasten würde. Denn die Patienten kommen meist dann in die Notaufnahmen, wenn der Hausarzt zu hat, am späten Nachmittag, nachts oder an den Wochenenden. Also würde hier ein ärztlicher Bereitschaftsdienst Abhilfe schaffen oder eben auch Notfallpraxen. Letztere haben nur eine begrenzte Sprechstunde und sind, wenn man der Kassenärztlichen Vereinigung glauben will, nicht gerade überlaufen. Warum? Weil viele Patienten diese Dienste nicht kennen und lieber gleich ins Krankenhaus gehen.
Steuerung im Internet
Man muss das Problem anders lösen: Entweder man verlangt von einem Patienten, der kein echter Notfall ist, eine Gebühr, um die Kosten zu decken, oder man verlangt von den Patienten, die nicht mit dem Rettungswagen kommen, sich im Internet bei der Notaufnahme anzumelden. Dann könnte man von dieser Homepage aus zu den ärztlichen Diensten verweisen.
Natürlich gibt es gegen diese Vorschläge etliche Gegenargumente, wie immer, wenn man etwas durchsetzen will. Das sollte den Kreis, das Land, oder den Bund nicht davon abhalten, das Problem zu lösen, statt wahlweise der Kassenärztlichen Vereinigung oder den Hausärzten den schwarzen Peter in die Tasche zu schieben. Denn wie der Landrat Roland Bernhard am Ende des Tagesordnungspunktes nachschob: „Wir müssen das Problem lösen – egal wer es löst, aber wir müssen das Problem lösen.“