Deep Purple vor der Großleinwand: Ian Paice am Schlagzeug, Ian Gillan am Mikrofon, Don Airey an den Tasten, Steve Morse an der Gitarre. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Die britische Band Deep Purple hat mal Rockgeschichte geschrieben. In der Stuttgarter Schleyerhalle zehrt sie von diesen Zeiten. Ein wenig erstarrt in den Posen von einst, haben die alten Herren keine Überraschungen geboten. Dafür aber routiniert abgerockt und eingeheizt.

Stuttgart - Ein Konzert von Deep Purple, das lebt natürlich von der Erinnerung. Schauen wir also zurück, vielleicht nicht auf den letzten Auftritt der Rockband vor zwei Jahren in der Schleyerhalle, sondern spaßeshalber auf den vorletzten Auftritt vor vier Jahren an gleicher Stelle.

„7500 Zuschauer sind gekommen, die Band spielt pflichtgemäß vier Songs vom neuen Album, das Konzert währt exakt die berühmt-berüchtigte Strecke von neunzig Minuten inklusive einer zwei-Song-Zugabe“, hieß es damals in der Zeitung. „Es gibt außer den Videowänden, ein paar spärlichen Einspielungen und einer sehr überschaubaren Lichtregie keinerlei bemerkenswerte visuelle Effekte“, stand dann auch noch in der Besprechung. „Der Sänger Ian Gillan verlässt bei jeder sich bietenden Gelegenheit die Bühne, genauer gesagt steht er etwa die Hälfte des Konzerts nicht auf selbiger, sondern gönnt sich backstage Auszeiten“, ging der Bericht weiter. „Am Ende des Konzerts dauert es etwa zwanzig Sekunden, ehe sich die Band zur Zugabe zurück auf die Bühne ,bitten‘ lässt. Es folgt ,Hush‘, sodann ertönt zum Kehraus ,Black Night‘. Und weil aller guten Dinge bekanntlich drei sind, gibt es vor der Zugabe noch den Klassiker aller Klassiker, „Smoke on the Water“ - mit diesen Sätzen begann damals schließlich das Ende des Artikels.

200 Jahre Bühnenerfahrung

Vier Jahre später, an diesem Mittwochabend in der Stuttgarter Schleyerhalle, erleben wir nun: haargenau das gleiche. Die genannten Songs, zu denen sich noch andere alte Kracher wie etwa „Strange Kind of Woman“ gesellen, stehen natürlich als Klassiker für sich. Die über den Daumen gepeilt in der Summe rund zweihundert Jahre versammelter Bühnenerfahrung sind ebenfalls ein beträchtliches und gekonnt ausgespieltes Kapital. Und selbst wenn die Schleyerhalle nur zu knapp zwei Dritteln gefüllt ist: Es sind auch so immer noch sehr viele Menschen, die einen fraglos gewichtigen Teil der Rockmusikgeschichte noch einmal live erleben wollen.

Aber was ist neu? Das aktuelle Album natürlich, es heißt diesmal „Infinite“ und ist im April diesen Jahres erschienen. Ebenfalls neu ist, dass der Gitarrist Steve Morse, der Bassist Roger Glover und das einzige verbliebene Gründungsmitglied, der Schlagzeuger Ian Paice, diesmal auf üppige Soloeinlagen verzichten. Einzig der „erst“ vor fünfzehn Jahren zur Band gestoßene Keyboarder Don Airey tobt sich solo aus, das allerdings gründlich.

In jedem zweiten Song bekommt er ausführliche Einlagen, kurz vor dem Finale bestreitet er ein Stück ganz allein. Eine längere Improvisation, die sich hier an Bachorgeln anlehnt, dort über die Keyboardtasten glissandiert und zwischenzeitlich tatsächlich „Auf de schwäbsche Eisebahne“ zitiert; sehr zur Freude des Publikums, das sogleich begeistert mitklatscht. Ob sein Vorgänger, der große Jon Lord, der bereits 2012 verstorben ist, derlei auch getan hätte?

Ordentlich unter Dampf

Naja, schieben wir den Gedanken an den fantastischen letzten Stuttgarter Soloabend des Ausnahmeorganisten beiseite und fragen uns vielmehr, warum das Nesthäkchen des Quintetts - der erst 62-jährige Amerikaner Morse, ein mit internationalen Auszeichnungen überhäufter studierter klassischer Gitarrist - nicht ebenso viel Freiraum für Soli eingeräumt bekommt, sondern statt dessen (bei einem Hardrockkonzert, wohlgemerkt) synthetischer Keyboardsound das Klangbild deutlich mitprägt?

Es liegt wohl daran, dass hier zwar eine Eisenbahn ordentlich unter Dampf steht, dass aber ein sehr tradierter Eindruck eines Konzerts transportiert werden soll, recht wagnislos, nahezu überraschungsfrei und in einer ziemlich abgegriffenen Musizierhaltung, die längst in einer spannungsarmen Routine erstarrt ist, die von den neuen Songs nicht etwa aufgebrochen, sondern sogar fortgeschrieben wird. „Ordentlich abrocken“, dem Publikum „tüchtig einheizen“, vom Status lebender Legenden zehren und extrem retrospektiv möglichst viele noch von Jon Lord und dem 1993 (!) zum zweiten und wohl endgültigen Mal ausgeschiedenen Ritchie Blackmore mitgeschriebene Songs präsentieren, so funktionierte das zuletzt 2008, 2010, 2012, 2013, 2015 und nun auch 2017 in der Schleyerhalle.

Irgendwann mal Schicht

Ad infinitum? Im Prinzip nein. Irgendwann wird mal Schicht sein, erklärt die Band in Interviews, die ihr aktuelles Album allerdings nicht grundlos „Infinite“ und ihre derzeitige Tournee wohlweislich „The long Goodbye“ betitelt hat. Der Sänger Ian Gillan ruft zum Abschied nicht „lebt wohl“ die Bühne herunter, sondern „We love you, take it easy“. Man darf’s wohl als Zeichen der nach wie vor sehr vital und austrainiert wirkenden fünf Herren deuten, dass „Smoke on the Water“ nicht zum allerletzten Mal in der Schleyerhalle erklungen ist.

Denn wie es der Zufall so will, steht im kommenden Jahr das Jubiläum zum fünfzigjährigen Bestehen der 1968 gegründeten Band an. Das wäre doch ein schöner Anlass, endlich mal wieder auf Tour zu gehen.

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