Gallowayrinder ziehen einen alemannischen Planwagen. Foto: Stefanie Schlecht

Ob Alemannen mit Planwagen, hohe Herren im edlen Gewand oder historische Heuwagen: beim Deckenpfronner Festumzug konnten die Besucher einen Blick in die Vergangenheit werfen.

Weithin hörbar hallt am Sonntag pünktlich um 13.30 Uhr ein Salutschuss durch Deckenpfronns Straßen. Er verkündet den Start des historischen Festumzugs – der Höhepunkt des Festwochenendes, bei dem der kleinste Ort im Landkreis Böblingen bereits seit Freitag ein Doppeljubiläum feiert. 950 Jahre sind, wie bei weiteren Gemeinden im Kreis, seit der ersten urkundlichen Erwähnung im Jahr 1075 ins Land gegangen, die Feuerwehr wird zudem 150 Jahre alt.

 

Rasch sind die Deckenpfronner Kindergartenkinder, die in Bäcker-, Zimmermann- und Waldarbeiter-Kluft den Auftakt des lebendigen Geschichtsbuches bilden, am Rathaus angekommen. Dort erläutern Alt-Bürgermeister Winfried Kuppler und Feuerwehrkommandant Bernd Lohrer das Gezeigte. Auf dem einige Hundert Meter entfernten zweiten Sprecherwagen hält Deckenpfronns stellvertretender Bürgermeister Ralph Süßer das Mikrofon in der Hand.

Von den Kelten bis zur Neuzeit

Mehrere tausend Menschen aller Altersgruppen säumen den Rundkurs durch die mit bunten Wimpeln geschmückten Straßen im Herzen des Ortes und verfolgen gespannt das historische Spektakel, das von den Kelten bis zur Neuzeit reicht. Viele Kinder schwenken dabei kleine gelb-grünen Fähnchen in den Farben des Dorfwappens.

Mal sind die Reaktionen laut und begeistert, etwa wenn es gilt, eine der verteilten Leckereien wie Apfelsaft, Most, Zwiebelsteckling oder den „Haberbrei“ zu ergattern, dem die Deckenpfronner ihren Necknamen „Haberbreiwedler“ verdanken. Zurückhaltend ist dagegen der Applaus, wenn Pferde- und Rinder-Gespanne die Wagen unter anderem mit zahlreichen liebevoll gestalteten Gebäudemodellen ziehen – unter anderem sind Gallowayrinder vor einem alemannischen Planwagen mit dabei. Groß ist dagegen das Gelächter, als der Büttel, der in Begleitung von Feldschütz und Nachwächter unterwegs ist, verkündet, dass in Deckenpfronn ab zwölf Uhr das Bachscheißen zu unterlassen sei, „denn in Gültlingen wird Bier gebraut.“

Die urkundliche Erwähnung ist selbstverständlich ebenso Thema wie der einstige Adel in Gestalt von Heinrich von Teckenphron und der Erinnerung daran, dass die einst ummauerte Kirchenburg früher Sitz der Schultheiße und Ratsschreiber war.

Der Tod zu Pferd steht für die Pest

Die dunklen Kapitel der Geschichte sind auch motivisch verarbeitet: Zuerst marschieren Soldaten im 30-jährigen Krieg, dann symbolisiert der Tod zu Pferd die Pest. Später wird im Zug dann an den schwärzesten Tag für Deckenpfronn erinnert: Am 24. April 1945 wurde der Ort bei einem Jagdbomber-Angriff zu zwei Dritteln zerstört. Den Wiederaufbau stellen Deckenpfronner Handwerker dar. Die Landwirtschaft bildet einen weiteren großen Themenblock: Viel Arbeit haben die Deckenpfronner Landwirte dabei in die Darstellung ihres Jahreslaufs gesteckt. Insbesondere der hochbeladene Wagen mit losem Heu sowie die sorgfältig gebundenen Garben der verschiedenen angebauten Getreidesorten fallen dabei ins Auge.

Einen großen Beitrag liefert anlässlich des eigenen Jubiläums auch die Deckenpfronner Feuerwehr, die unter anderem verschiedene historische Fahrzeuge zeigt. Dabei ist auch eine alte Handspritze, die die Floriansjünger der Partnergemeinde Weißenburg mitgebracht haben. Weitere Mitglieder der Delegation aus der sächsischen Oberlausitz haben in einem alten Omnibus Platz genommen, der an die erste Bus-Verbindung für Deckenpfronn erinnert. In der daran anschließenden Kolonne verschiedenster historischer Fahrzeuge sind als Beifahrer auch Deckenpfronns neuer Bürgermeister Dennis Mews, dessen Vorgänger Daniel Gött und Pfarrer Andreas Hiller dabei.

Mehr als 1000 der 3500 Einwohner Deckenpfronns sind beim Festzug dabei

Auch die Deckenpfronner Vereine und einige Musikvereine aus der Umgebung laufen beim Festumzug mit. Insgesamt zählt dieser 42 Programmpunkte, etliche davon mit Unterpunkten. Über 1000 der rund 3500 Einwohner Deckenpfronns seien beim Festzug dabei, berichtet Winfried Kuppler zu Beginn. Für ihn „ein überzeugendes Zeichen der Gemeinschaft, die wir in Deckenpfronn leben und die wir auch in Zukunft bewahren wollen“. Diesem Zusammenhalt war wohl auch der Wettergott gewogen – zwar ging der eine oder andere bange Blick immer wieder Richtung Himmel, aber es blieb bei nur vereinzelten Tropfen. Zum Salutschuss zu Beginn gesellte sich während des gesamten Umzugs auch kein Donnergrollen – sehr zur Freude aller Deckenpfronner, die am frühen Morgen durch einen heftigen Donnerschlag aus dem Schlaf gerissen worden waren.