Alles so schön groß hier: Auf 1800 Quadratmetern gibt es so ziemlich alles für 70 Sportarten. Foto: factum/Granville

Skimützen für 1,99 Euro, Rabatte und Häppchen: Decathlon eröffnet seine Filiale im Ludwigsburger Marstall. Darüber freut sich sogar die Konkurrenz.

Ludwigsburg - Als am Mittwochabend die Putzmaschine kaputt ging, ist es noch mal kurz stressig geworden. Keine zwölf Stunden bis zur Eröffnung, 1800 Quadratmeter Verkaufsfläche ungeputzt – na sauber. Im Vergleich zu dem Schreck vom Montag war das allerdings nichts. Da wurde festgestellt, dass noch 8000 Artikel fehlen. Die längst aufgegebene Bestellung war nie im Zentrallager angekommen. Dass sie dann doch noch rechtzeitig geliefert wurde – Magic! Sonst wäre die Sache mit der defekten Putzmaschine eh egal gewesen. Dass der Boden zur Eröffnung dann doch spiegelblank war – Hilfsbereitschaft. Das Centermanagement hatte seine Putzmaschine ausgeliehen. „Alles ist gut gegangen“, sagt Melanie Strese, die Leiterin der Decathlon-Filiale in Ludwigsburg, eine Stunde nach der Eröffnung am Donnerstag.

Als im Juni bekannt wurde, dass der französische Sporthändler ins Marstall zieht, löste das nachgerade Euphorie aus. Nicht nur bei Decathlon. Bei Kunden, beim Centermanager, auch im Rathaus wurde der große Name hocherfreut zur Kenntnis genommen. Decathlon werde Ludwigsburg gut tun, hieß es überall. Aber was heißt das eigentlich, dass ein Geschäft gut tut?

Kunden spielen Tischtennis

An einer kleinen Platte spielen zwei Frauen Tischtennis. Ein bisschen Abschalten vom Bummel durch die vielen Gänge mit den vielen Produkten. Zwei Handtücher aus Mikrofaser haben sie bis jetzt im Korb, Nikolausgeschenke für die Kinder. Ein Vater sucht einen Tretroller für seinen Sohn zu Weihnachten. Eine Mutter begutachtet einen Badeanzug, den sie vielleicht der Tochter mitbringt. Eine ältere Dame überlegt laut, welche Reithose wohl der Enkelin daheim gefallen könnte. Die Frage, warum man an einem Donnerstagmorgen nichts anderes tut, als in einem Laden einzukaufen, den man an vielen weiteren Tagen besuchen kann, beantworten sinngemäß alle gleich: Weil man sehen wollte, wie der neue Decathlon ist. Und wie ist er nun? Die Antwort fällt sinngemäß auch bei allen gleich aus: „Super! Hier gibt’s alles.“

Bei Decathlon gibt es Schuhe für Läufer, für Wanderer, für Ballerinen, für Kicker. Es gibt Schläger für Tischtennis, für Badminton, für Hockey – auf Eis und auf Rasen. Es gibt Helme für Radler, für Skifahrer, für Reiter. Es gibt Rollschuhe, Fahrräder, Schlafsäcke, Fuß-, Basket- und Volleyballbälle. Gewehre gibt es keine, aber sonst ziemlich viel für Jägersleute.

Mehr als 35 000 Produkte für mehr als 70 Sportarten hat Decathlon im Sortiment. Noch dazu relativ günstig: Ein Anfänger­skiset für Kinder gibt’s in Ludwigsburg für 24,99 Euro, eine Skimütze für 1,99 Euro. Wie die Preise zustande kommen, interessiert hier nicht, entscheidend ist: Dass es all das und noch viel mehr nun direkt vor der Haustür gibt. „Das ist super praktisch“, sagen die Damen von der Tischtennisplatte. Der Vater mit dem Roller, die Mutter mit dem Badeanzug und die Oma mit der Reithose sehen das genauso. Im Hintergrund an den Kassen piepsen die Scanner.

Alle hoffen auf mehr Leben im Marstall

Ein Besuch eine Etage höher im Marstall. „Wie war’s“, fragt Vanessa Valverde. Sie ist Abteilungsleiterin bei Ochsner Sport, dem bisher einzigen Sportgeschäft im Center. Man könnte auch sagen: Vanessa Valverde ist Abteilungsleiterin bei der Konkurrenz. Wie also war es bei der Decathlon-Eröffnung? Nun, die Kunden sind sich nicht gegenseitig auf die Füße getreten, aber voller als bei Ochsner war es definitiv. Andererseits: Es ist noch recht früh am Vormittag, noch dazu mitten in der Woche, und bei Decathlon gibt es Häppchen und Sekt und eben diese günstigen Preise. Vanessa Valverde reagiert professionell: „Wir sehen das als Chance, nicht als Konkurrenz.“ Abgesehen davon, dass kein Einzelhändler öffentlich bekennen würde, dass er sich um die Zukunft seines Geschäfts sorgt, ist die Sichtweise von Ochsner-Sport gleich zwei Mal zumindest nachvollziehbar.

Zum einen ist das Angebot der beiden Geschäfte nur bedingt vergleichbar. Bei Ochsner gibt es für ausgewählte Bereiche ausgewählte Markenprodukte, Decathlon hat überwiegend Eigenmarken. Zum anderen hofft Ochsner – und nicht nur er – darauf, dass Decathlon mehr Kundschaft ins Marstall lockt. Wenn in dem Einkaufszentrum in der Unteren Stadt insgesamt mehr los ist, dann kann das für alle Läden nur gut sein. „Befruchtung“ nennt sich das im Fachjargon. Und dass im Marstall noch mehr Leben möglich ist, das weiß auch das Centermanagement.

Das Imperium wächst

Decathlon, 1976 in Frankreich gegründet, macht heute im Jahr mehr als zehn Milliarden Euro Umsatz und gehört inzwischen der Familie Mulliez, zu deren Imperium Möbelhäuser, Elektronikläden, Modeketten wie Orsay oder Pimkie und vieles mehr zählen. In der Region Stuttgart gab es bis vor nicht allzu langer Zeit nur das riesige Decathlon-Center in Plochingen. Allein in den vergangenen drei Jahren hat das Unternehmen allerdings fast 30 neue Filialen in Deutschland eröffnet, weitere folgen. In der Region gibt es inzwischen Decathlon in Esslingen, Stuttgart und Böblingen und nun eben auch in Ludwigsburg.

Wer weiß, wie gerne Decathlon auf der grünen Wiese baut – man denke an den autoaffinen Plochinger Standort an der B 10 – der versteht, warum sich auch die Stadtverwaltung über den neuen Großmieter im Marstall freut. „Das ist eine Bereicherung“, sagt Frank Steinert, der als Wirtschaftsförderer immer auch die Innenstadt fördert. Wenn nun also mehr Kunden nach Ludwigsburg zum Einkaufen kommen, und dabei auch noch das Marstall befruchten, dann kann das für die Stadt ja nur gut sein. Und wenn auch Intersport in der Wilhelmgalerie, dem anderen Ludwigsburger Center, nicht mit Heulen und Zähneklappern anfängt – was soll da noch schief gehen? „Wir betrachten das wohlwollend“, sagt Katja Braun von der Geschäftsführung. Man könnte auch sagen: sportlich.

In der Innenstadt schwenken in den kommenden Tagen hübsch anzusehende junge Menschen Wegweiser zu Decathlon. Im Marstall turnen eigens engagierte Athleten öffentlichkeitswirksam über Sportgeräte, und im Geschäft selbst gibt es Rabattaktionen. Außerdem ist an diesem Freitag Schnäppchen-Friday, und dann beginnt auch schon das Weihnachtsgeschäft.

Und wenn es wirklich gut läuft, dann freuen sich danach noch immer alle über den Neuen in der Stadt.

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