Tim Dünschedes „Limbo“ läuft 90 Minuten lang ohne einen Schnitt: ein deutscher Thriller mit Finanzmanipulationen, illegalen Boxkämpfen und einem Undercover-Ermittler.
Stuttgart - Zugegeben, das geht jetzt etwas schnell. Ana Bergmann, eine prinzipienfeste junge Mitarbeiterin in der Compliance-Abteilung eines Unternehmens, hat eigentlich Feierabend, die meisten Kollegen sind schon außer Haus. Aber eine Sache will sie noch prüfen. Sie guckt auf den Schirm, und mit einem Blick ist ihr klar, dass da etwas ganz faul ist. Sie rennt los, um Alarm zu schlagen, erwischt unten auf der Straße noch den Firmenchef, der gerade ins Auto steigen will, und haspelt herunter, dass da was nicht stimme. Der Chef reagiert seltsam.
Compliance, das ist eines der schönen neuen positiven Managementworte für Umstände, die Proleten alter Schule noch anders ausdrücken würden: Antikorruptionsabteilung wäre etwa als Begriff zu befürchten. Ana Bergmann (Elisa Schlott) ist kein Dummchen, sie würde nie so ins Messer laufen wie hier, und ihre Ermittlung wäre kein blitzschlagartiges Erleuchtungserlebnis. So läuft das im Leben nicht, aber Tim Dünschede braucht diese Initialzündung für seinen Spielfilm „Limbo“, um gleich richtig in Gang zu kommen, wie ein Sportwagenmacker an der roten Ampel, der die Reifen schon qualmen lässt, bevor der Fuß von der Bremse geht.
Zwischen „Donnie Brasco“ und „Victoria“
Dünschede hat viel vor und wenig Zeit, „Limbo“ ist in einem einzigen Take gedreht, ohne einen einzigen Schnitt. Die Kamera läuft los, mit Ana, und bleibt von nun an immer an den Figuren dran, geht mal mit der einen, mal mit der anderen mit, eineinhalb Stunden lang durch Gefahren und Enthüllungen.
„Limbo“, der jetzt als Debüt im Ersten läuft, war 2019 Tim Dünschedes Diplomfilm an der Hochschule. Es ist ein Film der Selbsterprobung, der Aneignung, des Ausstellens von Handwerk, ist vollgestopft mit Eindrücken, Ideen, Themen und Perspektiven aus anderen Werken. Mal scheint „Bad Banks“ durch, aber wenn Martin Semmelrogge als Unterweltveteran einem Undercover-Agenten zu sehr vertraut, muss man an Al Pacino und Johnny Depp im großartigen „Donnie Brasco“ denken. Und natürlich ist „Victoria“ ein großes Vorbild, Sebastian Schippers Nachtstück in einem Take aus dem Jahr 2015, das damals ein enormes Buhei auslöste.
Weiter zu den „Drei ???“
Öfter mal funktioniert „Limbo“ leider überhaupt nicht. Weil viel im Flug und nebenbei erklärt, motiviert und ausgefochten werden muss, haben die Schauspieler mit ungelenken, papiernen Dialogen aus dem Drehbuch von Anil Kizilbuga zu kämpfen.
Aber „Limbo“ hat auch Interessantes zu bieten. Die Akrobatiknummer der Schnittlosigkeit wirkt weniger gewollt als in „Victoria“, die filmische Entwicklung weniger verzwungen. Nach „Victoria“ dachte man, dieser Gimmick sollte nur alle paar Jahrzehnte angewendet werden. „Limbo“ gibt Hoffnung, das könnte ein ganz normales Erzählmittel werden, das nicht dauernd in Leuchtschrift auf seine eigene Besonderheit hinweist.
Und man ist natürlich auch ein wenig gespannt, welche Lehren Dünschede und Kizilbuga aus dem Projekt gezogen haben. Gerade sind sie an einem „Die drei ???“-Film dran.
Ausstrahlung: ARD, Dienstag, 1. Juni 2021, 22.50 Uhr. Der Film ist bereits hier vorab in der Mediathek des Senders abrufbar – bis zum 1. September 2021..