Immer mehr Händler akzeptieren neben der Girocard auch andere Karten. Foto: picture alliance/dpa/Sebastian Gollnow

Debitkarten von Visa oder Mastercard sind auf dem Vormarsch. Damit verschärfe sich die Abhängigkeit von den US-Zahlungsdienstleistern, warnen Experten.

Noch hat sie fast jeder Deutsche im Portemonnaie: die Girocard, die Nachfolgerin der EC-Karte. Doch sie bekommt zunehmend Konkurrenz: Direktbanken setzen verstärkt oder ausschließlich auf Debitkarten von Mastercard oder Visa. Anders als bei den Kreditkarten der beiden US-Unternehmen werden Zahlungen mit Debitkarten direkt vom Konto abgebucht wie bei der Girocard.

 

Mitte September kündigte die Direktbank DKB an, für Girocards ab Januar eine Monatsgebühr von 99 Cent zu erheben. Bei der Konkurrentin ING Deutschland gilt diese Regelung bereits seit März, die Consorsbank berechnet für die Nutzung der Girocard einen Euro monatlich. Dagegen ist die mit dem Konto verbundene Visa-Debitkarte bei allen drei Banken kostenlos. Jüngere Direktbanken wie N26 boten ihren Kunden von vornherein nur die Mastercard Debit an und gar keine Girocard.

Händler fürchten höhere Gebühren

Mit der Girocard kommt man innerhalb Deutschlands noch immer am weitesten, doch an zahlreichen Ladenkassen werden auch die anderen Karten akzeptiert. Für die Händler fielen bei Transaktionen mit Master- oder Visacards aber höhere Gebühren an, sagt Ulrich Binnebößel vom Einzelhandelsverband HDE. „Bei der Girocard sind die Gebühren bei 0,2 Prozent des Umsatzes gedeckelt, Debitkarten von Mastercard und Visa können 0,8 oder 0,9 Prozent des Umsatzes erreichen.“ Bei Kreditkarten seien die Gebühren noch höher.

Für Händler mit geringen Margen sei das ein echtes Problem, sagt Binnebößel – insbesondere für Geschäfte, die Produkte mit festen Preisen wie Briefmarken oder Zeitschriften verkauften. Der HDE-Experte befürchtet, dass bei einer Verdrängung der Girocard die US-Anbieter ihre Gebühren weiter erhöhen würden: „Die Girocard ist ein Regulativ, und noch auch die Barzahlung. Wenn das wegfiele, hätten wir ein Duopol.“

Für Direktbanken ist die Girocard unpraktisch

So weit ist es freilich noch lange nicht. Dass die Direktbanken mit der Girocard wenig anfangen können, bedeutet noch keinen Trend für die gesamte Finanzbranche. Es hat einen ganz einfachen Grund: Direktbanken betreiben wenige oder gar keine eigenen Geldautomaten. Ihre Kunden müssen daher Geldautomaten anderer Institute nutzen, wofür diese nach den Regeln des Girocard-Systems hohe Gebühren festsetzen können. Für Abhebungen mit Karten von Visa oder Mastercard fallen geringere Gebühren an, die überdies einheitlich sind. Diese Gebühren können die Direktbanken daher relativ unkompliziert übernehmen und ihren Kunden damit kostenlose Geldabhebungen ermöglichen.

Auch Filialbanken bieten ihren Kunden allerdings zusätzlich zur Girocard Debitkarten an, die Deutsche Bank und die Commerzbank beispielsweise kooperieren mit Mastercard. Ein wichtiger Grund: Anders als die Girocard können Debitkarten der US-Anbieter auch für den Online-Einkauf eingesetzt werden.

Die deutsche Finanzbranche hat Nachholbedarf

Zwar haben die deutschen Banken und Sparkassen mit Paydirekt und Giropay eigene Systeme für Zahlungen im Internet aufgebaut, die mittlerweile zusammengelegt wurden. Doch sie sind bei vielen beliebten Online-Shops nicht als Bezahlverfahren verfügbar. „Die deutsche Finanzbranche kam damit viel zu spät“, kritisiert Jürgen Moormann, Professor für Bank- und Prozessmanagement an der Frankfurt School of Finance. Um überhaupt gegen die amerikanischen Zahlungsdienstleister bestehen zu können, zu denen neben Mastercard und Visa auch Paypal gehört, müsse eine europäische Lösung her.

Tatsächlich wurde zu diesem Zweck vor einigen Jahren die sogenannte European Payment Initiative gegründet. Doch inzwischen ist die Gruppe von über 30 auf 13 Mitglieder zusammengeschrumpft, unter anderem weil man sich über die Finanzierung des Gemeinschaftsvorhabens nicht einigen konnte. Pläne für eine gemeinsame Kartenlösung wurden vorerst auf Eis gelegt. „Es will wohl niemand sein nationales System aufgeben“, vermutet Moormann. „Es ist ein Trauerspiel.“

Sparkassen und Genossenschaftsbanken setzen auf Kombilösung

Die Sparkassen setzen nun auf eine Kombilösung: Neue Sparkassen-Cards bieten sowohl die Funktionen der Girocard als auch der Debit Mastercard. Damit wird die von Mastercard für Mitte 2023 angekündigte Abschaffung der Maestro-Funktion für Auslandszahlungen aufgefangen. Nächstes Jahr soll es auch Sparkassen-Cards mit Visa-Debit-Funktion geben. Auch die Volksbanken planen ein solches Co-Badge-Modell, wie es im Fachjargon heißt.

Für Kunden ist das ein guter Kompromiss – für die deutsche Finanzbranche aber nicht unbedingt, meint Moormann. „Bei den kombinierten Karten werden Online-Zahlungen über die Systeme von Mastercard oder Visa laufen. Im Online-Handel findet aber das Wachstum statt.“ Zudem erhielten die US-Kartenzahlsysteme so weiter Zugriff auf kostbare Transaktionsdaten, die deutsche Banken besser für sich behielten.

Moormann hofft deshalb, dass die verbleibenden Mitglieder der European Payment Initiative – mit dabei sind hierzulande noch die Sparkassen und die Deutsche Bank – zumindest ihre zunächst auf eine gemeinsame Bezahl-App eingedampften Pläne umsetzen werden. „Vielleicht kommt der eine oder andere abgesprungene Teilnehmer dann auch wieder an Bord.“ Die europäische Finanzbranche habe die Bedeutung des Zahlungsverkehrs zu lange unterschätzt: „Das ist sozusagen das Nervensystem der Wirtschaft.“