Walter Feucht hat Spaß am Provozieren. Seit er sich über Flüchtlinge in Deutschland ausließ, wird in Ulm über die Grenzen der Meinungsfreiheit gestritten. Foto: Uldo

Walter Feucht ist Backmittelfabrikant, Kulturunternehmer, Verdienstkreuzträger, Ex-Stadtrat und ein konservativ gestimmter Beobachter der Lokalpolitik. Jetzt schimpft man ihn sogar einen verkappten Rechtsradikalen. Ein Mann der aneckt.

Ulm - Kolumnisten, deren Werke ignoriert werden, sind wahrlich traurige Gestalten, der beruflichen Hölle ziemlich nah. Der Ulmer Walter Feucht ist, so gesehen, auf dem direkten Weg ins Schreiberparadies. Dass er dort noch nicht angekommen ist, hat weniger mit mangelnder öffentlicher Resonanz zu tun, diese genießt er reichlich. Sein Problem ist, dass die Hiebe, die er monatlich unter dem Rubrum „Feuchts Einwurf“ im anzeigenfinanzierten kostenlosen Ulmer Stadtmagazin „Spazz“ austeilt, gerade doppelt und dreifach auf ihn zurückprasseln. Viel Feind, viel Ehr, ließe sich da sagen. Doch keinen Trost gibt es mehr, wenn das schlimmste aller deutschen Schmähwörter fällt: Nazi.

Keine Chance, Walter Feucht diskret in einem öffentlichen Café zu treffen. Immerzu muss er nicken, grüßen, Hände schütteln, wie das so ist bei einem, der neben seiner Unternehmertätigkeit als Backmittelfabrikant den Ulmer Großverein TSG Söflingen hochgezogen hat, 15 Jahre als Freier Wähler im Ulmer Stadtrat saß (von 1991 bis 2006) und dem das große Konsensgeschäft Politik die Lust an der Einmischung nicht ausgetrieben hat. „Diese Zeit da drinnen war lehrreich“, sagt der 68-Jährige über das ehrwürdige Ulmer Rathaus. Er kennt sie alle, die schon länger dabei sind, und sie kennen ihn. „Alle schielen danach, dass sie gut aussehen“, sagt Feucht über das Ulmer Rats­personal, und es zeigt sich: Er spricht recht exakt so, wie er schreibt – mehr Breitschwert als Florett.

„Ich hab’ viel Glück gehabt im Leben“

Mit dem Selbstbewusstsein eines Aufsteigers attackiert sich’s leichter. „Mir geht’s saugut. Ich hab’ viel Glück gehabt im Leben“, bekennt Feucht, der allerdings säuerlich wird, wenn er Multimillionär genannt wird, obwohl es stimmt. Sein Vater, ein selbstständiger Handwerker, sei ein Liberaler gewesen, auch was das Wählerverhalten angehe; er, der Sohn, habe als Lastwagenfahrer und Bäcker angefangen. Doch an dem Tag, da Feucht eine ganz neue Backmischung zur Herstellung des „Jogging-Brots“ auf den Markt brachte und in Neu-Ulm die Firma Uldo Backmittel gründete, nahm er Abschied vom Kleinbürgertum.

Zwei erwachsene Töchter hat das Ehepaar Feucht. Die Erstgeborene erkrankte nach der Geburt schwer. „Da ist dir plötzlich alles egal. Da wirst du demütig und klein“, erzählt er. „Damals habe ich mir geschworen: Wenn das Kind da gesund rauskommt, mache ich irgendwas.“ Hat er dann auch wirklich getan. Er startete die Benefiz-Reihe „Knallbonbon“, organisierte Musik- und Sportveranstaltungen und spendete das Geld zugunsten der Erforschung von Kinderleukämie. Bis heute geht das so – ein Grund dafür, dass der Mann 2006 das Bundesverdienstkreuz bekam.

Ein Anzeigenverlag sicherte sich Feuchts Dienste

Ein Jahr später heuerte der Ulmer Verlag KSM Feucht als Kolumnisten für das Magazin „Spazz“ an. Auflage: 20 000. Ein schlauer Zug. Da griff jemand zur Feder, dem es auf das Honorar nicht ankam, der in der Stadt bestens vernetzt war und im Kopf ein riesiges Archiv lokalpolitischer Interna mit sich herumschleppte. Feucht begann also, monatlich ordentlich auf die Büsche zu klopfen, und wenn Stadträte zurückätzten, so wie er nun aus sicherer Deckung schreibe, habe er sich früher am Ratstisch nie getraut, den Mund aufzumachen, dann hatte das überhaupt keinen Effekt.

Feucht hat kein Parteibuch. „Ich bin meine eigene Partei“, sagt er. Sein Grundton würde vermutlich einem Christian Lindner am besten gefallen, linke Ulmer Kreise bezeichnen die Kolumnen immer mal wieder als neoliberal. Jetzt aber hat es Feucht endgültig zu weit getrieben, finden erzürnte Leser. Im Dezember erschien dessen Kolumne „Eine Schlaraffiade“, der Autor warnt vor dem Kontrollverlust des Staats angesichts des Flüchtlingszustroms. „Wenn ein Maghrebildeter im Zug von Ulm nach Stuttgart vor den Augen einer Frau masturbiert, dann ist das keine sexuelle Belästigung mehr, sondern Erotomanie“, steht da. Oder, in Erinnerung an die Kölner Silvesternacht: „Die Silvesterjungs (. . .) sind völlig unschuldig. Die vom Johannistrieb getriebenen Junghengste (. . .) wollten mit einem kleinen Griff in den Schritt oder leichtem Busengrapschen nur physisch ihrer Bewunderung Ausdruck verleihen.“ Hier ein bisschen Hendrik M. Broder, da ein wenig Jan Fleischhauer, alles ein wenig vorgekaut also und wenig geistreich – so hätte man die Kolumne abtun können.

Schmähung an der Verlagsfassade

Aber es kam anders. Nach dem Erscheinen des Textes beschmierten Unbekannte die Fassade des KSM-Verlages: „Rassismus ist Feucht“. Die Polizei ermittelte. Facebook-Schreiber bezeichneten den Autor als Nazi. Mitte Februar ging ein Brief bei der Verlagsgeschäftsführung ein, der das Signum von fast 40 Organisationen trug – von Amnesty International über den BUND bis zur Volkshochschule. Feuchts Kolumnen würden offenbar nicht sorgfältig gegengeprüft. „Wir erwarten, dass dies in Zukunft anders wird“. Ulmer SPD-Fraktionsmitglieder schrieben, Feuchts „rassistische und ausgrenze Äußerungen mögen von der Meinungsfreiheit gerade noch gedeckt sein“ – sie seien in Ulm „gleichwohl absolut fehl am Platze“. Ein SPD-Antrag, wonach über Feuchts Kolumnen im internationalen Ausschuss der Stadt debattiert werden müsse, scheiterte. Die Grünen aus Neu-Ulm schrieben dem KSM-Herausgeber: „Sorgen Sie für Vielfalt bei den Kolumnen.“

„Ausgerechnet die Neu-Ulmer“, sagt Feucht. 2007 lehnte der dortige Gemeinderat den Einbau eines 500-Liter-Warmwasserboilers in einem neu gebauten Obdachlosenheim für 80 Erwachsene und Kinder ab: zu teuer. Ein Miniaturboiler sollte genügen. Feucht griff sofort zum Scheckbuch. Als er erfuhr, dass Flüchtlingsbuben, die beim Sportverein ESC Ulm mittrainieren durften, keine Sportkleidung besaßen, ließ er Trikots, Schuhe und Bälle schicken – „ohne Pressemitteilung“.

Promis schreiben für und gegen den Kolumnisten

Mehrere prominente Ulmer, unter ihnen der grüne Ex-Landtagsabgeordnete Thomas Oelmayer, der Softwareunternehmer Heribert Fritz und der langjährige Ulmer Theaterintendant Andreas von Studnitz, forderten jetzt in einem offenen Brief, das „Scherbengericht“ gegen Walter Feucht sofort zu beenden. Es gehe um „die unverzichtbaren Grundrechte wie die Meinungsäußerungs- und Pressefreiheit“.

Dieses Recht beabsichtigt der Autor, auch in der April-Ausgabe des „Spazz“ wahrzunehmen. Da will er sich dem „Gender-Mainstream-Wahnsinn“ widmen. „Sollen wir statt Sackgasse lieber Unten-Herum-Gasse sagen?“, feixt er vorab. Es gäbe wirklich elegantere Möglichkeiten, sich mit Ulm wieder ein bisschen zu versöhnen.

Walter Feuchts Spuren in der Landeshauptstadt

Nach der Jahrtausendwende stieg Walter Feucht als Eigentümer bei der Dinner-Show Pomp Duck and Circumstance ein. Von 2001 bis 2007 gastierte das Restaurant-Theater in Berlin, von 2007 bis 2009 am Stuttgarter Flughafen. Danach ist die Show auf Wanderschaft gegangen, sie wird vor allem von Unternehmen oder Kommunen gebucht. Walter Feucht leitet das Kulturunternehmen zusammen mit seiner Tochter Tanja Rumm, die als Geschäftsleiterin fungiert.

Es gab Zeiten, da sahen sich Walter Feucht und Gabriele Frenzel, die Direktorin des Stuttgarter Varietés Friedrichsbau, als Konkurrenten. Doch als der Friedrichsbau gekündigt wurde und aus der Rotunde der L-Bank ausziehen musste, änderte sich das. Der Umzug in die Nachbarschaft des Theaterhauses am Pragsattel sollte mit einer gemeinnützigen Gesellschaft finanziert werden. Feucht handelte und wurde einer der ersten Gesellschafter – mit einer Einlage von 10 000 Euro.

Walter Feucht ist Vorstand und treibende Kraft bei der TSG Söflingen, mit gut 5600 Mitgliedern und 19 Abteilungen der zweitgrößte Ulmer Sportverein hinter dem SSV Ulm 1846. Feuchts neuestes Projekt dort nennt sich Sportopia, es ist eine mulitifunktionale Arena für den Profi-, den Breiten- oder den Schulsport. Die Halle kostet vermutlich neun Millionen Euro und soll mit Geld von der Stadt, vom Württembergischen Landessportbund und Darlehen gebaut werden.