VfB-Verteidiger Timo Baumgartl (hinten, gegen Marco Reus/BVB) Foto: dpa

Diskutieren Sie mit - 35 Gegentore in 14 Spielen: So vogelwild, wie die Abwehr des VfB Stuttgart spielt, ist der Abstieg nur schwer zu vermeiden. Was braucht ein moderner Verteidiger, woran hapert es beim VfB? Experten geben Auskunft.

Stuttgart - Die Profis des VfB Stuttgart müssen sich in jedem Spiel vorkommen, als stünden sie im Dauerhagel. Die Einschläge – im Schnitt 2,5 pro Spiel und je vier in den letzten drei Partien – sind so heftig, dass sie dem einen oder anderen aufs Gemüt schlagen. Nach dem 1:4 in Dortmund platzte Daniel Didavi der Kragen. „35 Gegentore, das kann doch nicht wahr sein“, schimpfte er und fügte entmutigt hinzu: „Wir können uns vornehmen, was wir wollen. Aber wenn ­jeder Ball in die Tiefe gefährlich wird . . .“

Soll heißen: Der VfB ist nicht ganz dicht.

In der Abwehr sowieso, aber auch das defensive Mittelfeld hat die Wirkung eines Siebes für Ball und Gegner. Das ist alarmierend. Auf die Saison hochgerechnet kommt der VfB auf 85 Gegentreffer – katastrophal. Was die Skeptiker nur in ihrer Ansicht bestärkt: Diese Abwehr ist nicht bundesligatauglich.

„Die Abwehr hat ihre Bundesliga-Tauglichkeit schon nachgewiesen“

Da zuckt Robin Dutt zusammen und widerspricht: „In den letzten drei Spielen der vergangenen Saison hat sich die Mannschaft fast in einen Rausch gespielt, das ist die obere Messlatte. Der Auftritt gegen Augsburg war die untere Messlatte. Dazwischen liegt ihr wahres Potenzial.“ Weil es im Sommer zum Klassenverbleib gereicht hat, ist der Sportvorstand überzeugt: „Die Abwehr hat ihre Bundesliga-Tauglichkeit schon nachgewiesen.“ Zumindest mit Ach und Krach.

Statt Sven Ulreich im Tor, Antonio Rüdiger (innen) und Adam Hlousek oder Gotoku Sakai (links) spielen nun Przemyslaw Tyton, Toni Sunjic und Emiliano Insua in der Abwehr. Stabiler ist der VfB dadurch nicht Was Dutt nicht der Abwehr allein anlastet: „Die Qualität jedes Einzelnen kann man erst richtig bemessen, wenn die Mannschaft in ihrer Kompaktheit funktioniert.“

Wenn es nur das wäre! „Ein Innenverteidiger soll stark im defensiven Zweikampf und im Kopfball sein, schnell sein, den Ball ablaufen und grätschen, ohne ein Foul zu begehen. Er muss im Eins-gegen-eins und im Zweikampf stark sein“, sagt Frank Wormuth, der beim DFB die Trainerausbildung leitet. Stattdessen ließen sich Florian Klein gegen Leverkusen (Karim Bellarabi) und ­Timo Baumgartl gegen Dortmund (Pierre-Emerick Aubameyang) einfach austanzen.

Buchwald beklagt mangelnde Kommunikation

Guido Buchwald ist der Inbegriff des VfB-Verteidigers, der Weltmeister von 1990 nennt neben der Zweikampfstärke als weitere Anforderungen Kommunikation des Abwehrverbundes und die Fähigkeit, ein Spiel lesen zu können. Auch daran hapert es beim VfB. Im Detail: „Insua rückt manchmal zu spät heraus, weil die Abstimmung nicht klappt. Florian Klein marschiert zu viel und kommt bei Eins-gegen-eins-Situationen zu spät. Georg Niedermeier ist nicht der Schnellste, und Timo Baumgartl fehlt ein Nebenmann, der ihn stützt.“ Zudem müsse das Abwehrverhalten immer und wieder speziell trainiert werden, „damit die Spieler ihr Gefühl für Räume und Tiefe schärfen“.

An diesem Punkt setzt auch Bernd Martin an. „Heutzutage steht man ja nur noch im Raum, stellt zu und macht Schnittstellen dicht“, sagt der langjährige VfB-Verteidiger (219 Bundesliga-Spiele), „der VfB hat unter Alexander Zorniger fast nur taktische Dinge trainiert und das Techniktraining vernachlässigt.“ Warum, fragt Martin, „gibt es einen Torwarttrainer, aber keinen speziellen Coach fürs Zweikampfverhalten“? Ähnlich sieht es Bernd Förster. „Beim VfB kommen die Spieler oft gar nicht in die Zweikämpfe, weil sie zu viel im Raum unterwegs sind.“

Ist die VfB-Abwehr also tatsächlich so schlecht wie ihr Ruf – und damit untauglich für Bundesliga-Maßstäbe? Im Prinzip nicht. Sie reiht in jedem Spiel nur eine Schwäche an die andere – und davon hat sie bedauer­licherweise zu viele.

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