Sinnbild für eine desaströse Leistung: Vier Stuttgarter können einen Augsburger nicht stoppen. Foto: Baumann

Diskutieren Sie mit - Nach dem ebenso erschreckenden wie peinlichen Auftritt beim 0:4 gegen den FC Augsburg steht der eingeschlagene Weg des VfB Stuttgart mehr denn je in Frage. Können die Roten in dieser Konstellation kurz- und langfristig überhaupt erfolgreich sein? Die Zweifel mehren sich sprunghaft.

Stuttgart - Neun Niederlagen nach 13 Spielen, zehn Punkte, 31 Gegentore – oder anders gesagt: Probleme ohne Ende. Wer bis dahin nicht wusste, wie schlimm es nach wie vor um den VfB bestellt ist, der bekam am Samstag einen Beleg in nicht zu erahnender Deutlichkeit. Leidenschaftslos gab sich das Team der Roten seinem Schicksal hin und kassierte, ohne Gegenwehr zu leisten, eine 0:4-Klatsche gegen das bisherige Schlusslicht aus Augsburg. „Nach diesem Spiel kann man nicht sagen: Mund abputzen, weitermachen“, sagte Sportvorstand Robin Dutt. Zu dramatisch traten die Probleme des VfB zutage – in quasi allen Bereichen.

Die Mannschaft: Es fehlte nicht das Besondere, es fehlte das Grundsätzliche. „Wir hatten eine schlechte Einstellung zum Spiel“, gab Christian Gentner zu. Der Anführer dieser lethargischen Ansammlung von limitierten Profikickern machte aber noch andere Angaben – die detaillierter, aber auch erschreckender waren: „Wir kommunizieren in allen Mannschaftsteilen zu wenig und haben immer noch nicht begriffen, wie wichtig das sein kann.“ Noch nicht begriffen? Nach Jahren im Kampf gegen den Abstieg?

Mehr denn je stellen sich nach dem 0:4 die Fragen nach Mentalität und Können dieser Mannschaft – unabhängig vom Trainer. „Wir haben versagt“, sagte Abwehrmann Florian Klein und räumte ein: „Wir schaffen es nicht, die Situationen mit der Vierer-Abwehrkette richtig einzuschätzen.“ Anders gesagt: Es fehlt am grundsätzlichen Spielverständnis – der Gegner kommt unglaublich einfach zu Toren. Doch die Anfälligkeit in der Defensive ist nur eine von vielen Baustellen innerhalb des Teams. Daniel Didavi joggt mittlerweile derart uninspiriert über den Platz, als träume er nach wie vor von höheren Weihen – etwa bei Bayer Leverkusen. Ähnlich verhält es sich bei Filip Kostic, der mal als Waffe in der Offensive galt. Die mitunter hilflos wirkenden Innenverteidiger warten vergeblich auf Unterstützung aus dem Mittelfeld. Der Rest hat mehr mit sich zu tun, als ein gemeinsames Konzept zu verfolgen – weshalb wohl zahlreiche Jugendmannschaften besser organisiert agieren als der VfB am Samstag.

Der Trainer: Es gibt langjährige Beobachter, die meinen, ähnlich blutleer hätte ein VfB-Team zuletzt gespielt, als es galt, sich eines Trainers zu entledigen. Alexander Zorniger dagegen ist trotz dieses Auftritts sicher, das Team folge ihm nach wie vor. Die zahlreichen öffentlichen Attacken gegen das eigene Team und einzelne Spieler haben das Trainer-Mannschaft-Verhältnis allerdings nicht gerade gestärkt. Da half auch Zornigers halbherziger Versuch, die Schuld am 0:4-Debakel auf sich zu nehmen („Es muss etwas geben, das ich übersehen habe“), wenig. Zweifel an dessen Philosophie gab es von Anfang an, das schrittweise Abrücken und die bisher vergebliche Suche nach einem schlüssigen Plan B für ein mittlerweile wieder völlig verunsichertes Team schwächen den Coach zusehends. Die Degradierung eines Georg Niedermeier kommt angesichts der Mentalitätsdebatte immer mehr einem Eigentor gleich. Dazu kommt: Am Samstag ließ Zorniger sein Team nach der Partie im Regen stehen. Kapitän Gentner einte die Truppe im Moment der Niederlage in dem einst vom Coach initiierten Kreis, Sportvorstand Dutt diskutierte mit einigen Spielern den schmerzhaften Gang zu den wütenden Fans, nur die Profis ließen die Pfiffe letztlich über sich ergehen. Zorniger meinte später zu seiner schnellen Flucht aus dem Innenraum nur: „Ich muss nicht immer dabei sein.“ ­Zudem bilde er den Kreis ja nur, „wenn ich das Gefühl habe, dass wir geschlossen aufgetreten sind“. Dutt stärkte seinem bislang erfolglosen, aber nach wie vor extrem selbstbewussten Trainer dennoch den Rücken: „Das Vertrauen ist da, weil wir dieses Spiel als Ausnahme sehen und davon ausgehen, dass es eine Ausnahme bleibt.“ Er sagt aber auch: „Ein weiteres Mal können wir ein ­solches Auftreten nicht dulden.“

Der Sportvorstand: Robin Dutt hat seine Arbeit beim VfB eng an den Weg mit Alexander Zorniger und dessen Philosophie geknüpft. Entsprechend schwer tut er sich, dem umstrittenen Coach Kurskorrekturen nahezubringen. Der Kader trägt zudem auch die Handschrift des Sportvorstands, der nun in der Pflicht ist, im Winter Qualität zuzukaufen. Dem Trainer schenkt Dutt weiter das Vertrauen, wohl wissend, dass sich endlich nachhaltig Erfolg einstellen muss. Die Hypothek für die Rückrunde ist schon jetzt riesengroß – weshalb sich der Sportchef auch entscheiden muss, ob Zorniger im Winter noch einmal wochenlang ein System einstudieren darf, das mit dieser Mannschaft bislang nicht zum Erfolg geführt hat – oder ob er an Alternativen wie Lucien Favre, Markus Gisdol oder sogar Tayfun Korkut denkt.

Die Fans: Die VfB-Anhänger galten bislang als großes Plus in Krisenzeiten. Seit Samstag aber ist auch deren Geduld am Ende. Erst waren sie still, dann schütteten sie Häme über dem Team aus („Oh, wie ist das schön“), am Ende gab es ein wütendes Pfeifkonzert. „Die Reaktion ist nachvollziehbar“, sagte Gentner. Schwaab räumte ein: „Die Schuld liegt bei uns.“ Den Spielern scheint klar: Diesen Riss gilt es schnell zu kitten. „Wir müssen in Dortmund ganz anders auftreten“, sagte Florian Klein.

Beim BVB geht es am kommenden Sonntag (15.30 Uhr) aber nicht nur um Atmosphärisches. In den vier Ligaspielen bis zur Winterpause, forderte Zorniger, „müssen wir so viel wie möglich punkten, damit wir nicht den Anschluss verlieren“. Und vollends den Glauben an den eingeschlagenen Weg.

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