Warten, bis er von selbst kommt? Rheinland-Pfalz geht den Weg der anderen Länder und bürgert den Luchs aktiv ein. Foto: dpa

Gehört der Luchs zum Land? Über keine Frage streiten Naturschützer zurzeit mit mehr Herzblut. Denn um diese Art dauerhaft wieder anzusiedeln, müsste man Tiere importieren – wie in der Pfalz geplant. Doch dagegen spricht einiges.

Freiburg - Wer den Forstwissenschaftler Micha Herdtfelder fragt, wo Friedl gerade herumstreunt, erhält eine ausweichende Antwort. „Irgendwo im Zollernalbkreis“, sagt er dann. Nicht, dass er Paparazzi fürchtete, denn die Chance, den Luchs zu knipsen, geht gegen Null: Er ist ebenso scheu wie beweglich. Doch auf welchem Wipfel er nun genau sitzt, wissen nicht mal die Freiburger Forscher, die seine Spur verfolgen.

Zwar funkt das Tier fast täglich ein SMS-Signal, seit man es im Frühjahr zufällig aufgespürt und ihm einen Sender um den Hals gebunden hat. Die SIM-Karte stammt übrigens aus Finnland und funktioniert somit in allen deutschen Mobilfunknetzen. Doch manchmal verschwindet der Kater tagelang im Funkloch.

Eines aber lässt sich von B 415, wie Friedl wissenschaftlich heißt, mit Sicherheit sagen: Er ist äußerst mobil. Bis kurz vor Ulm ist das aus der Schweiz zugewanderte Männchen gezogen. Und dann über die Alb wieder zurück. Warum? Es sucht ein Weibchen. Doch damit sieht es hierzulande mau aus.

Auch in Bayern hat der Mensch nachgeholfen

Zwar wurde neben Friedl noch mindestens ein weiteres Exemplar der Gattung Lynx Lynx gesichtet. Doch ein Weibchen war das wahrscheinlich nicht. Das hat mit der Natur von Europas größter Wildkatze zu tun: „Die Erfahrungen aus der Schweiz zeigen, dass Männchen viel größere Kreise ziehen“, sagt Herdtfelder. Weibchen hingegen gelten als standorttreu. Dass eine Lüchsin also aus dem Jura zuwandert, halten Biologen zwar nicht für völlig unmöglich, aber doch für sehr unwahrscheinlich.

Das ist der Grund, warum bisher stets der Mensch nachgeholfen hat, wenn irgendwo in Deutschland eine Luchs-Population entstand. So wurden im Harz und im Bayerischen Wald Dutzende Tiere ausgesetzt.

Auch im Pfälzer Wald sollen im nächsten Jahr Luchse heimisch werden: Forscher, Jäger, Naturschützer, Touristiker und nicht zuletzt Politiker bereiten gerade die Ansiedlung von 20 Tieren vor. Es gibt ein „Luchs-Parlament“, in dem alle Akteure Sitz und Stimme haben, spezielle „Großkarnivoren-Beauftragte“ sind bereits instruiert, und mit einem Luchsfest wurd die Öffentlichkeit auf das freudige Ereignis vorbereitet.

Der Grünen-Parteitag sagt Nein

Und in Baden-Württemberg? Platz wäre genug für rund 100 Tiere, sagen Fachleute. In der Naturschutzszene drängen deshalb viele darauf, dass auch die Landesregierung aktiv wird anstatt abzuwarten. Vereine wie die „Luchs-Initiative“, aber auch die „Schwäbische Heimat“ setzen sich dafür ein. „Auf unserer Mitgliederversammlung war das ein heiß diskutiertes Thema“, sagt André Baumann, Landesvorsitzender des Nabu.

Auch in der Politik hat die Katze Fürsprecher. „Da unsere Vorfahren das Tier ausgerottet haben, stehen wir in der Verantwortung für die Wiederansiedlung“, meint der Freiburger Grünen-Abgeordnete Reinhold Pix. Wer, wenn nicht eine Grünen-geführte Regierung solle das denn tun?, fragt er.

Doch eben diese Grünen haben auf ihrem jüngsten Landesparteitag in Reutlingen klar Nein dazu gesagt. Mit deutlicher Mehrheit stimmten sie gegen den Antrag des Kreisverbandes Calw, die Weichen für eine Auswilderung zu stellen.

Fehlt das Geld an anderer Stelle?

Prominentester Gegner war ausgerechnet Naturschutzminister Alexander Bonde. Der Luchs sei zwar ein fantastisch spannendes Tier, ließ er die Delegierten wissen, und er befürworte auch, wenn er einwandere. Doch in der Prioritätenliste all dessen, was im Naturschutz sonst noch notwendig sei, stehe er nicht ganz vorne. Deshalb sei er gegen eine aktive Ansiedlung.

„Da reicht es ja nicht, ein paar Tiere auszusetzen“, sagt er am Rand der Konferenz unserer Zeitung. Ein solches Projekt müsse mit allen Beteiligten intensiv vorbereitet werden – und das werde teuer. In der Tat veranschlagt Rheinland-Pfalz für sein Luchsprojekt drei Millionen Euro in sechs Jahren.

Dabei übernimmt die EU allerdings die Hälfte, und auch die Umweltverbände helfen mit, so dass beim Land nur noch 400 000 Euro hängen bleiben.

Doch auch das ist viel Geld. Solange er jeden Euro gebrauchen könne, um zum Beispiel Moore zu erhalten, werde er das Luchsprojekt nicht finanzieren, sagt Bonde. Außerdem fürchtet er um die Akzeptanz in der Jägerschaft. Doch ohne diesen Berufsstand, da sind sich Gegner wie Befürworter einig, sollte man so ein Projekt erst gar nicht beginnen.

Desaster in den Vogesen

Alle haben nämlich das abschreckende Beispiel der Vogesen vor Augen. Dort wurden Luchse anfangs heimlich und gegen den Willen der Jäger ausgesetzt – mit dem Effekt, dass diese sie vor die Flinte nahmen. „Die Population ist dort fast am Ende“, sagt Herdtfelder. Aber auch im Bayerischen Wald verschwinden immer wieder Jungtiere, so dass Forscher der TU München kürzlich feststellten: „Illegale Abschüsse verhindern die Ausbreitung der Art.“

In der Pfalz ist deshalb der Jagdverband mit im Boot. Diesseits des Rheins zeigen sich die Jäger noch skeptisch und sagen zum Luchs: Ja, aber. „Wenn er denn da ist, haben wir nichts dagegen“, so Erhard Jauch vom Landesjagdverband Baden-Württemberg. Für die Akzeptanz müsse man aber noch einiges tun.

Nicht, dass die Jäger die 60 Rehe reuen, die so ein Luchs pro Jahr verspeist. Denn an Wild – Rehe stehen ganz oben auf dem Speisezettel der Raubkatze – mangelt es nicht. Waldbesitzer fürchten eher Nutzungseinschränkungen, wenn das streng geschützte Tier durch ihren Besitz streift. Dennoch glaubt Pix, dass sich die Jäger überzeugen lassen.

Kampf um Einfluss und Deutungshoheit

Mag sein. Doch auch Naturschützer schlagen in Bondes Kerbe. „Wir tragen Verantwortung für hunderte Tierarten“, sagt Nabu-Landeschef Baumann, „da müssen wir uns schon fragen, wie wir mit dem begrenzten Personal und Geld umgehen.“ Man könne damit an anderer Stelle mehr erreichen. Selbst ein so unscheinbares Tier wie der Badische Riesenregenwurm, eine nur am Feldberg beheimatete Art, sei gefährdeter. Ist der Luchs also überflüssig? „Zurzeit ist der Luchs noch Luxus“, sagt der Nabu-Chef.

Auch Tierschützer überkommt beim Gedanken, zwei Dutzend Luchse in Slowenien oder der Schweiz zu fangen, ein flaues Gefühl. „Das wäre jetzt nicht der richtige Weg“, sagt Renate Rastätter, Vorsitzende der Landesarbeitsgemeinschaft Tierschutzpolitik bei den Grünen. Die Gruppe habe das Problem intensiv diskutiert, sagt sie.

Die einen ziehen, die anderen zerren: Warum ist der Streit so emotional? Die Freiburger Forstwissenschaftlerin Angela Lüchtrath hat darin einen Kampf um Einfluss und Deutungshoheit ausgemacht. Die jeweiligen Positionen zum Luchs seien mehr Ausdruck der Abgrenzung zwischen den Gruppen und ihrer jeweiligen Weltanschauung als auf das Tier bezogene Interessen, schreibt sie in ihrer viel beachteten Doktorarbeit. Der Luchskonflikt sei „Ausschnitt eines übergeordneten Gruppenkonflikts um die Definition gesellschaftlicher Werte.“

Luchspfad: Wie es sein könnte, wenn er da wäre

Lynx Lynx trägt also ein politisches Fell, ob er nun will oder nicht. Und ein touristisches obendrein. Schon jetzt werben Kommunen wie Baden-Baden in Kooperation mit dem Nabu mit einem „Luchspfad“. Darin demonstrieren sie, wie es sein könnte, wenn er denn da wäre. Alles nur noch eine Frage der Zeit, locken sie. Andere halten das für Etikettenschwindel.

Und Friedl? Der muss aufpassen wie ein Luchs, dass er nicht überfahren wird. Denn dieses Schicksal erleiden viele seiner Artgenossen. Dass dereinst ein Weibchen aus der Pfalz abwandert, hält Herdtfelder für wenig wahrscheinlich. Das bräuchte schließlich einen Korridor über die A 5. So fristet der Kater also einstweilen das Leben eines Junggesellen – irgendwo auf der Zollernalb.

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