Viele Menschen fühlen sich im Job ausgebrannt. Foto: freshidea - Adobe Stock

Nach den neuen Richtlinien der Weltgesundheitsorganisation WHO gilt Erschöpfung weiterhin nicht als eigenes Krankheitsbild. Computerspielsucht und Sexsucht sehen die Experten hingegen deutlich kritischer.

Stuttgart - Burn-out wird erstmals als Krankheit anerkannt“ lauteten kürzlich die Schlagzeilen in den Medien. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hatte bei einem Treffen in Genf die elfte Überarbeitung der Internationalen Klassifikation der Krankheiten (ICD-11) verabschiedet. Der Katalog mit geballten 55 000 Krankheiten, Symptomen und Verletzungsursachen soll am 1. Januar 2022 in Kraft treten. Doch die Medien waren unzutreffenden Interpretation der Nachrichtenagentur AFP aufgesessen. Burn-out sei nicht als Krankheit eingestuft worden, betonte die WHO als Reaktion auf die Presseberichte. Vielmehr handele es sich um einen „Faktor, der die Gesundheit beeinträchtigen kann“.

 

Der Fall ist bezeichnend. Nicht nur in der Berichterstattung, auch unter Experten geht es seit Jahren hitzig hin und her in der Frage, ob Burn-out eine Erkrankung ist oder nicht. ICD-11, nach deren Codes auch deutsche Ärzte und Psychiater ihre Diagnosen mit einer Nummer versehen, fasst Burn-out als Syndrom, „das aus chronischem Stress am Arbeitsplatz resultiere, der nicht erfolgreich verarbeitet wird“. Burn-out hat drei Kennzeichen: ein Gefühl von Erschöpfung, zunehmende geistige Distanz oder negative Haltung zum eigenen Job sowie verringertes berufliches Leistungsvermögen. Zudem weist die WHO darauf hin, dass der Begriff Burn-out nur im beruflichen Zusammenhang und nicht „für Erfahrungen in anderen Lebensbereichen“ verwendet werden sollte.

Subjektive Sicht des Patienten

Den Psychiater Tom Bschor wundert es nicht, dass Burn-out nicht als eigenständige psychische Erkrankung aufgenommen wurde. „Das entspricht dem Stand der Forschung“, sagt der Chefarzt der Abteilung Psychiatrie der Schlosspark-Klinik Berlin. Das Konzept sei zu vage: Bschor kommt bei einer eigenen Zählung auf 130 Symptome, die bei Burn-out auftreten können, aber nicht müssen: „Burn-out lässt sich nur schwer objektiv fassen, hier dominiert absolut die subjektive Sicht des Patienten.“

Tom Bschor hält das Konzept auch nicht für hilfreich für die Therapie. Es verenge die Ursache auf eine zu hohe Arbeitsbelastung: „Und die können wir als Therapeuten gar nicht ändern.“ Therapeutisch könne man nur an der Stressbelastbarkeit des Patienten arbeiten. Doch mit der Rede von Burn-out sei der Blick auf den eigenen Anteil des Patienten versperrt, wenn es nur um die (vermeintlich) zu hohe Arbeitsbelastung auf der Arbeit geht. „Aus Erfahrung mit Patienten wissen wir, dass das subjektive Stresserleben wenig mit der objektiven Arbeitsbelastung zu tun hat.“

Während es Burn-out als eigenständige Erkrankung nicht in den ICD-11-Katalog geschafft hat, kann nun eine andere seelische Problematik das Label „psychische Erkrankung“ für sich beanspruchen: die Computerspielsucht, die sich auf digitale Spiele und Videogames bezieht. Das zentrale Kriterium im Katalog der Erkrankungen ist, dass Menschen durch das exzessive Computerspielen die Kontrolle über ihr Leben verlieren und trotz massiver negativer Konsequenzen ihr Spielverhalten nicht drosseln können. Wenn dies über einen Zeitraum von mindestens zwölf Monaten der Fall ist, spricht ICD-11 von einer „Computerspielsucht“.

Hoher Leidensdruck für den Betroffenen

Doch deutet man auf diesem Wege denn nicht ein an sich normales Verhalten als krankhaft? Es gehe nicht um eine Überpathologisierung von normalem Computerspiel-Verhalten, sagt Jan Dieris-Hirche. Der Oberarzt an der LWL-Universitätsklinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie der Ruhr-Universität Bochum spielt selbst gerne. „Es geht vielmehr um das exzessive, suchtartige Verhalten mit hohem Leidensdruck für den Betroffenen und deren Angehörigen.“

Spielangebote vor allem im Internet haben massiv zugenommen, und die Spiele werden zunehmend so gestaltet, dass sie rasch süchtig machen. Betroffene brauchen dann oft therapeutische Hilfe. „Am wichtigsten ist für mich, dass die Computerspielsucht im Zuge der Anerkennung als Suchterkrankung in der Gesellschaft und Politik thematisiert wird“, sagt Jan Dieris-Hirche. Dies könne beispielsweise auch Präventionsprojekte in Schulen stärken.

Doch der Status als psychische Erkrankung hat noch andere Vorteile. „Bislang konnte man Spielsucht nicht als Behandlungsgrund angeben“, sagt Dietrich Munz, Präsident der Bundespsychotherapeutenkammer. Man musste begleitende Störungen wie etwa eine Depression nennen. „Nun kann man Spielsucht als Diagnose stellen, die oft im Zentrum der Behandlung stehen muss, um dann auch mögliche andere begleitende Störungen wie soziale Probleme angehen zu können.“

Sexsucht ist gesellschaftlich mit Scham behaftet

Mit sozialen Problemen geht auch eine andere Sucht einher: Sexsucht. Die WHO charakterisiert „zwanghaftes Sexualverhalten“ als Suchtverhalten bzw. als Störung der Impulskontrolle. Es gebe aus klinischer Erfahrung zwei Gruppen von Betroffenen, auf die eine solche Diagnose klinisch zutreffen kann, so Jan Dieris-Hirche: die Sexsüchtigen, die im analogen Leben ihre Sexsucht ausleben, etwa häufig Prostituierte aufsuchen. Und der immer größer werdende Teil der Cybersexsüchtigen, die nur auf virtuelle Sexinhalte wie Internetpornografie zurückgreifen und mit hohem Leidensdruck dem Online-Pornokonsum suchthaft verfallen sind – und die manchmal im analogen Leben noch nie Sexualität mit echten Partnern gelebt haben.

Das Problem ist bislang, dass das Thema Sexsucht gesellschaftlich sehr mit Scham behaftet ist. Betroffene kämen kaum in die Kliniken und Praxen, so Jan Dieris-Hirche. „Durch die neue ICD-11-Diagnose hoffen wir, dass die Schamgrenze sinkt und es für die Betroffenen leichter wird, eine Behandlung in Angriff zu nehmen.“