Gefragte Gesprächspartner: Erich Gauthier (links) und Werner Schretzmeier Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth

Eigentlich sollte die Gesprächsrunde eine nette Plauderei mit Ballettstar Eric Gauthier über neue Projekte werden. Doch aktuell steht natürlich ein ganz anderes Thema im Fokus.

Stuttgart - „Nett über die Zukunft plaudern“ - das war geplant, für den „Ortstermin“ im Theaterhaus. Nikolai B. Forstbauer, Titelautor der Stuttgarter Nachrichten, und Eric Gauthier, Leiter der Tanzkompanie im Theaterhaus, wollten über kommende Projekte sprechen, über die Arbeit der Kompanie, all dies unmittelbar vor einer Aufführung von „Deuces“, der jüngsten Produktion der Gauthier Dance Company.

Als Eric Gauthier, Werner Schretzmeier, Leiter des Theaterhauses, und Forstbauer nun am Mittwochabend auf dem Podium Platz nehmen, geht es freilich auch um etwas anderes: seit Tagen steht die Zukunft des Theaterhauses zur Debatte, die Zukunft der Kompanie. Rund 600 000 Euro fehlen – ein saisonaler Einbruch, Sponsoren auf dem Rückzug, verursachten das Defizit, so die Begründung.

Werner Schretzmeier ist dennoch zum Plaudern aufgelegt, Eric Gauthier nicht minder – beide wirken optimistisch, überzeugt von ihrer Sache und ihrer Zukunft, und dies allein spricht bereits für sich, wird vom Publikum bedacht mit langem Applaus. Schretzmeier erzählt von seinen ersten Begegnungen mit Gauthier 2006, vom Beginn der Kompanie im Theaterhaus, von der Skepsis, mit der sie seinerzeit aufgenommen wurden - „Im Rathaus und anderswo.“ Und er spricht von ihrer Erfolgsgeschichte. Er sagt: „Sie sehen, dass die Qualität sehr schnell überzeugt hat.“ Und: „Diese Kompanie ist mittlerweile weltweit ein Botschafter, nicht nur der Stadt, sondern auch unseres Bundeslandes.“

Erste deutsche Tanzmesse

Eric Gauthier indes spricht davon, was seine Kunst, der Tanz, für ihn bedeutet, von Stuttgart, vom Ballettwunder: „Wenn eine Stadt zwei Wunder hat“, sagt er, „dann ist das doch auch schön“ - wiederum: Applaus. Dass die Gauthier Dance Company sich niemals als Konkurrenz zum Ballett verstand, sondern für zeitgenössischen Tanz steht, dies betonte Werner Schretzmeier zuvor schon.

Eric Gauthier spricht über die Zusammenarbeit mit acht internationalen Choreografen bei „Deuces“, spricht über die ersten deutsche Tanzmesse, die er Ende April mitgestalten wird, von seinen Reisen, von seinen Stücken, die längst auf der ganzen Welt gespielt werden: „Wir machen unsere eigenen Klassiker, jetzt.“ Nach diesen Einblicken in die Vergangenheit und Zukunft des Tanzes auf dem Pragsattel und in der Welt kommt am Mittwoch doch das unvermeidliche Thema auf den Tisch. Werner Schretzmeier spricht über die finanzielle Lage des Theaterhauses.

Zügig, sagt er, habe die Stadt Stuttgart auf sein Anschreiben in dieser Sache reagiert; bereits am Donnerstagabend trafen sich Theaterhaus-Vorstand, OB Fritz Kuhn (Grüne) sowie die zuständigen CDU-Bürgermeister Thomas Fuhrmann (Finanzen) und Fabian Mayer (Kultur) im Rathaus – „zur Klärung des Sachstandes“, wie es offiziell heißt. Über das Ergebnis des Gesprächs wurde zunächst nichts bekannt.

Tags zuvor auf dem Podium stellt Schretzmeier noch einmal klar: das Loch in der Kasse rührt nicht her von einer leichtfertigen Politik des Hauses, es ist äußeren Umständen geschuldet. Die unsichere Wirtschaftslage, die Hitzewelle des Sommers 2018, die auch die Säle des Theaterhauses leer fegte, schlugen sich nieder.

„Zum ersten Mal in elf Jahren waren alle Vorstellungen nicht ausverkauft.“ Für Werner Schretzmeier ist die Krise auch Anlass, die Finanzierung des Theaterhauses strukturell zu hinterfragen. Alleine Personalkosten in der Höhe von 4,5 Millionen Euro fallen im Haus jährlich an; 2,9 Millionen davon werden mit Zuschüssen von Stadt und Land gedeckt, den restlichen Betrag muss das Theaterhaus selbst erwirtschaften. Sponsorengelder, sagt Schretzmeier, sollten für einen Kulturbetrieb jedoch Sahnehäubchen sein - „Sie sollten nicht da sein, um Löcher zu stopfen.“ Und weiter: „Es wird Zeit, dass wir endlich eine solide Basis bekommen, so dass wir in Zukunft nicht mehr vom Wetter und anderen Ereignissen abhängig sind.“

Schretzmaier will Finanzierung hinterfragen

Seit 34 Jahren existiert das Theaterhaus Stuttgart. Zuletzt sagt Werner Schretzmeier am Mittwochabend, ohne parteipolitischen Hintersinn, markant und kämpferisch genug: „Eher wird Andrea Nahles Bundeskanzlerin, als dass hier die Lichter ausgehen.“

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: