Debatte um Sexismus Der große Rundumschlag

Von Katja Bauer 

Die grüne Europaabgeordnete Terry Reintke positioniert sich bei einer Debatte im EU-Parlament als Unterstützerin des digitalen #metoo-Aufschreis. Foto: AFP
Die grüne Europaabgeordnete Terry Reintke positioniert sich bei einer Debatte im EU-Parlament als Unterstützerin des digitalen #metoo-Aufschreis. Foto: AFP

Von Erfahrungen in Sachen Alltagssexismus bis hin zu Vergewaltigungsvorwürfen und Missbrauch Minderjähriger: Die Unterschiedslosigkeit, mit der in der #metoo-Kampagne diskutiert wird, schadet dem Thema. Wohin führt diese Debatte?

Berlin - Seit einem Monat vergeht kein Tag ohne die Debatte über Sexismus und sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz. Die Kampagne #metoo ist nicht die erste ihrer Art. Aber die Diskussion scheint sich inzwischen im Kreis zu drehen, höchst unterschiedliche Tatbestände werden gleichrangig behandelt. Die Kritik am Verlauf einer wichtigen Debatte wächst – ein Überblick.

Sexismus, Belästigung, Übergriff – worum geht es eigentlich?

Auslöser der Debatte war Anfang Oktober ein Bericht der „New York Times“, die den US-Filmproduzenten Harvey Weinstein beschuldigte, Schauspielerinnen jahrzehntelang sexuell belästigt zu haben. Mittlerweile berichten etwa 80 weibliche Stars von Belästigung, körperlichen Übergriffen, Nötigung und Vergewaltigung.

Um zu zeigen, wie allgegenwärtig sexuelle Belästigung ist, rief die Schauspielerin Alyssa Milano im Internet Frauen auf, auf Twitter über ihre eigenen Erfahrungen zu berichten und dies unter dem Stichwort (hashtag) #metoo („ich auch“) zu bündeln. Daran haben sich inzwischen Hunderttausende Frauen beteiligt.

Zeitgleich löste in Deutschland die Berliner Staatssekretärin Sawsan Chebli mit einer umstrittenen Beschwerde eine Diskussion aus. Chebli war bei einer Podiumsdiskussion vom Veranstalter zunächst nicht erkannt worden. Der männliche Gastgeber entschuldigte sich mit den Worten, eine so junge und schöne Frau nicht als Staatssekretärin erwartet zu haben.

Derweil schockierte ein neuer Fall aus der Filmwelt viele Menschen: Der Schauspieler Kevin Spacey wird mehrerer sexueller Nötigungen von Männern bezichtigt, in mindestens einem Fall war das Opfer minderjährig.

Was bringt #metoo, und wo liegen die Probleme?

Der Nutzen ist offensichtlich, allerdings auch nicht neu und begrenzt: Tatsächlich wird durch die Bündelung der Erfahrungsberichte deutlich, dass verschiedene Formen der psychischen oder physischen sexuellen Gewalt vor allem gegenüber Frauen in der Gesellschaft immer noch Alltag sind. Befürworter der Aktion sehen den Vorteil darin, dass Frauen sich trauen, sich zu artikulieren. Kritiker warnen vor der Unterschiedslosigkeit, mit der unter dem Stichwort sehr verschiedene Erlebnisse berichtet werden, denn zwischen einem klebrigen Altherrenwitz und Vergewaltigung liegt ein weites Feld. Und wenn nicht unterschieden wird, birgt das innerhalb der Debatte zwei Risiken: Zum einen werden möglicherweise Straftaten verharmlost. Zum anderen werden Männer unabhängig davon, ob sie nun eine sexistische Bemerkung machen oder eine Frau mit Gewalt zu einer sexuellen Handlung zwingen, als Täter gleichgesetzt. Bei den #metoo-Bekenntnissen kommt erschwerend hinzu, dass die Täter in der Regel nicht genannt werden, die Vorwürfe nicht überprüfbar sind und die im strafrechtlichen Bereich zwingende Unschuldsvermutung in der Anonymität selbstverständlich auch nicht gilt. Männer kritisieren, in der Folge unter Generalverdacht gestellt zu werden.

Was kritisieren Frauen selbst zunehmend an der Debatte?

Ein weiterer Kritikpunkt an den Begleiterscheinungen der Kampagne wird von Frauen geäußert, je länger die Aktion andauert: Erstens fehlt eine Schlussfolgerung aus dem Reihenbekenntnis, beispielsweise in Form politischer Forderungen. Zweitens bildet die Aktion durch die schiere Masse der Äußerungen und die Inhalte der Geschichten Frauen als schweigende, verzweifelte, passive Opfer ab. Von einem Kampf für weniger sexuelle Übergriffe ist nicht die Rede. „Solidarität sollte über gegenseitiges Wundenlecken hinausgehen“, schrieb die Autorin Sabine Kray unlängst für die Wochenzeitung „Die Zeit“ über den digitalen Aufschrei: „Statt #metoo wünsche ich mir ein ,Fuck you!‘“

Führt die Debatte zu einer Unwucht in der Wahrnehmung?

Auch wenn Kritiker eine hysterisierte Debatte wähnen, zeichnen die Zahlen doch ein eindeutiges Bild. Sexuelle Gewalt richtet sich vor allem gegen Frauen – und sie ist auch in europäischen Ländern Alltag. Auch sexuelle Übergriffe am Arbeitsplatz gehören für Frauen zu den Dingen, mit denen sie allgegenwärtig konfrontiert sind. Nach Angaben des Bundesfamilienministeriums sind hierzulande 58 Prozent aller Frauen bereits Opfer sexueller Belästigung geworden. Jede dritte Frau in Europa hat seit ihrem 15. Lebensjahr körperliche oder sexuelle Gewalt erfahren, jede zweite wurde sexuell belästigt, jede fünfte wurde Opfer von Stalking. Dies geht aus einer Befragung unter 42 000 Frauen durch die europäische Grundrechteagentur aus dem Jahr 2014 hervor.

Mit Blick auf Gewalttaten steckt in der Studie allerdings eine Zahl, die darauf hinweisen könnte, weshalb die sich auf den öffentlichen Raum konzentrierende aktuelle Debatte tatsächlich einer gewissen Verzerrung unterliegt: Der Umfrage zufolge geht körperliche sexuelle Gewalt in der Mehrzahl der Fälle vom eigenen Partner aus. Im öffentlichen Raum haben viele Frauen eher Erfahrungen mit sexueller Belästigung als mit körperlicher Gewalt – auch am Arbeitsplatz. In 32 Prozent der Fälle war ein Kollege, Vorgesetzter oder Kunde der Belästiger. Drei Viertel der in Führungspositionen tätigen Frauen wurden sexuell belästigt.

Droht jetzt durch die Problematisierung eine neue Unfreiheit?

Wer an der aktuellen Debatte Anstoß nimmt, führt mitunter die Befürchtung ins Feld, bald herrschten hier „amerikanische Zustände“. In die Kritik geraten ist zuletzt die Entwicklung an US-Universitäten. Dort hat sich ein ungebremster Eifer entwickelt, eine absolut diskriminierungsfreie Umgebung zu schaffen – es gibt eine Vielzahl von Verboten, Verhaltens- und Sprachvorschriften. Für entsprechende Verfahren nach Beschwerden gelten keine strafrechtlichen Regeln, auch nicht die Unschuldsvermutung. Die Zahl der Kritiker, die eine Gefahr für die Freiheit von Lehre und Forschung sehen, wächst.

Auch in Deutschland artikulieren Männer die eigene Unsicherheit in zahlreichen Kommentaren. Was ist – jenseits rechtlicher Bestimmungen – wann sexistisch? Die Grenzen sind fließender als mancher und manche zugeben mag. Eine Grenze ist jedoch offensichtlich: Sie verläuft immer dort, wo es in Wahrheit um die Demonstration von Macht geht.

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