Rammstein-Sänger Till Lindemann auf dem Wacken-Festival. Die Band ist bekannt für ihre Bühnenshows. Foto: dpa

„Überheblich, überlegen – übermächtig, überflüssig“: Die Hardrockband Rammstein arbeitet sich mit ihrem neuen Ablum nach zehn Jahren wieder an Deutschland ab. Der Trailer zu ihrem neuen Video, in dem die Musiker als KZ-Häftlinge auftreten, sorgte vorab für Kritik an der Band.

Stuttgart - Mit einem Countdown ist eine zehnjährige Schaffenspause zu Ende gegangen. Nach einer Dekade hat die deutsche Metal-Band Rammstein am Donnerstagabend um 18 Uhr auf YouTube ihren ersten neuen Song veröffentlicht – eine Singleauskopplung des neuen Albums, das am 17. Mai erscheinen wird. Fans auf der ganzen Welt hatten seit Jahren gespannt auf den Nachfolger von „Liebe ist für alle da“ aus dem Jahr 2009 gewartet, rund 170 000 schalteten zur Premiere auf YouTube ein.

Szenen aus der deutschen Geschichte

Hauptdarsteller des Videos sind Rammstein und eine farbige Frau, die meist in einer goldenen Ritterrüstung auftritt. Es zeigt eine Art Zeitreise durch die deutsche Geschichte. Es tauchen Szenen aus der DDR auf, Szenen aus dem 17. Jahrhundert und Szenen, die ins 19. Jahrhundert passen könnten. Außerdem sind Nationalsozialisten im Dritten Reich zu sehen und eine Bücherverbrennung. Später treten Rammstein als Astronauten verkleidet auf.

Das Lied scheint eine Auseinandersetzung mit der Widersprüchlichkeit nationaler Identität in Deutschland zu sein. „Deutschland, mein Herz in Flammen, will dich lieben und verdammen“, singt Till Lindemann. „Man kann dich lieben und will dich hassen.“ Immer wieder spielt der Songtext mit extrem gegensätzlichen Begriffen, mit denen Deutschland offenbar aus Sicht der Gruppe bezeichnet wird. „Überheblich, überlegen – übermächtig, überflüssig.“

Auseinandersetzung mit Identität

Eine große Rolle spielt auch das Dritte Reich. Mit „überraschend überfallen“ spielt die Band vermutlich auf den deutschen Überfall auf Polen an, der den Beginn des Zweiten Weltkrieges markiert. Gegen Ende des Videos sind Nazis zu sehen, die offenbar katholische Priester umarmen. Das könnte eine Kritik am Verhalten der Kirche im Dritten Reich sein. Vier Rammstein-Musiker treten im Video außerdem als KZ-Häftlinge auf, die einen Galgenstrick um den Hals haben. Gegen Ende des Videos erschießen sie jedoch die Nazis, die sie zuvor an den Galgen gebracht hatten.

Immer wieder wird die Brutalität gezeigt, die Deutschland und seine vorhergegangenen Formen in verschiedenen Epochen der Geschichte „ausgezeichnet“ hat. Dazu singt Sänger Till Lindemann: „Deine Liebe ist Fluch und Segen. Meine Liebe kann ich dir nicht geben.“ Einige Male spielt der Text auch auf die verbotene Strophe des Deutschlandliedes an: „Deutschland, Deutschland, über allen“ – wobei es im Original „alles“ heißt.

Hier sehen Sie das Video zum Song „Deutschland“:

Die Band hatte die Platte und den vorab erschienenen Song seit Wochen langsam über die sozialen Medien angekündigt. Immer wieder waren auf dem Instagram-Account der Band Fotos von Dreharbeiten zum neuen Video erschienen. Mal saßen Rammstein verkleidet in einem Oldtimer, mal waren Fotos von Nonnen im weißen Habit zu sehen. Zuletzt war einer der Posts mit den Schlagworten „#deutschland“ und „#duhastvielgeweint“ versehen – es ist der Titel und der erste Satz des Liedes.

Am Mittwoch hatten Rammstein zudem einen kurzen Videotrailer veröffentlicht, zusammen mit einem Datum in römischen Ziffern: XXVIII.III.MMXIX. Es ist das Datum des Album-Releases am 29. März 2019. In dem Videoclip sind Bandmitglieder in Häftlingsuniformen zu sehen.

Gitarrist Paul Landers trägt augenscheinlich einen Judenstern auf der Uniform, die Musiker haben den Galgenstrick um den Hals. Am Ende folgt ein Schriftzug in einem Stil, der an Frakturschrift erinnert: „Deutschland“, steht da, wieder versehen mit dem heutigen Datum. Es ist ein Ausschnitt vom Ende des Musikvideos, in der Mitte des Videos werden die vier Musiker gehenkt.

Die NS-Optik des Trailers sorgte vorab für Diskussionen. Die Kultusministerin in Schleswig-Holstein und Sprecherin des Jüdischen Forums der CDU, Karin Prien, kritisierte etwa am Donnerstag die Aufmachung des Videos auf Twitter als „widerlich und respektlos“. Sie warf der Band vor, die Judenvernichtung als PR zu nutzen.

Der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, erklärte, es gebe zahlreiche Künstler, die sich in ihren Kunstwerken auf eine würdevolle Art mit der Judenvernichtung auseinandersetzen. „Wer den Holocaust jedoch zu Marketingzwecken missbraucht, handelt verwerflich und unmoralisch“, so Schuster. Sollte Rammstein mit dem neuen Musikvideo aus dem Holocaust Profit schlagen wollen, wäre das geschmacklos und würde die Millionen von Menschen verhöhnen, die während der Schoah unsäglich gelitten haben und auf grausamste Weise ermordet wurden.

Der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung, Felix Klein, erklärte, prinzipiell sei gegen eine künstlerische Auseinandersetzung mit dem Holocaust nichts einzuwenden. „Wenn aber das Video nur zur Provokation und Verkaufsförderung erstellt wurde, um zu skandalisieren und Aufmerksamkeit zu erzeugen, dann wird damit eine rote Linie überschritten.“ Das wäre eine geschmacklose Ausnutzung der Kunstfreiheit. Man müsse abwarten, welchen Inhalt die Songs des neuen Album haben. „Sollten es Lieder gegen den Judenhass sein, wäre ich positiv überrascht“, sagte Klein. Von der Band war zunächst keine Stellungnahme zu erhalten.

Erstmals gehen Rammstein dieses Jahr zudem auf eine große, europaweite Stadiontour. Die Karten für Konzerte in Deutschland waren nach kurzer Zeit ausverkauft.

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