Stadt und Landkreis schweigen, dennoch sind die Signale eindeutig: Das ehemalige Heim für Senioren in der Ostertagstraße wird wohl zur Unterkunft für rund 200 geflüchtete Menschen.
Gibt es die Kehrtwende beim Seniorenheim in der Ostertagstraße? Jüngst hatte Kirsten Deuschle, die im benachbarten Gebäude des Betreuten Wohnens lebt und sich nebenbei um die Belange der Mietergemeinschaft kümmert, auf Facebook gepostet: Es ziehen nun doch Geflüchtete in die frühere Seniorenresidenz, die seit geraumer Zeit leer steht. Sie betitelte ihren Beitrag dramatisch mit den Worten: „Das leise Sterben der Seniorenwohnanlage am Parksee“.
Es kommt offenbar Bewegung in die Angelegenheit
Und es scheint in der Tat Bewegung in die Angelegenheit zu kommen. So muss man zumindest die Reaktionen der Beteiligten deuten. Die Stadt Leonberg verweist zunächst nach mehrmaliger Nachfrage auf den Landkreis als zuständige Behörde. „Da es sich um eine vorläufige Unterbringung handelt, die vom Landkreis Böblingen betrieben wird, bitte ich Sie hierfür Kontakt mit den zuständigen Kolleginnen und Kollegen beim Landratsamt aufzunehmen“, lautet die kurze Antwort von Pressesprecher Sebastian Küster. Beim Landratsamt ist es Rebecca Kottmann aus der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, die ebenfalls erst auf deutliche Nachfrage schreibt: „Leider müssen Sie sich hier gedulden. Eine Information folgt zeitnah.“
Was „zeitnah“ in diesem Zusammenhang auch immer bedeuten mag: Offenbar wird es bald Neuigkeiten geben zur vom Landkreis geplanten Unterbringung von etwa 200 Geflüchteten im leer stehenden Seniorenheim mit der Hausnummer 44. Gegen das Vorhaben hatten sich kollektiv Gemeinderat und Verwaltungsspitze gewandt. Das Problem, das Stadträte, Oberbürgermeister Martin Georg Cohn sowie die Anwohner sehen, liegt ihrer Ansicht nach im Standort begründet: Dieser liege zu zentral in der Innenstadt, zwischen Leo-Center, den Hochhäusern der Neuköllner Straße und dem Stadtpark.
Landkreis: Werden jede sich bietende Option prüfen
Die Unterbringung der Geflüchteten wird für den Landkreis immer schwieriger. Als das ehemalige Seniorenheim erstmals in den Fokus rückte, sagte Dusan Minic, Dezernent für Jugend und Soziales beim Landkreis, Mitte September: „Bei den Zahlen, die uns derzeit zugewiesen werden, gäbe es bis zum Jahresende keinen Platz mehr.“ Die Zahlen stiegen im Moment stark an. Also prüfe man jede sich bietende Option. Das schloss das Gebäude am Parksee mit ein.
Viele Gerüchte und Vorschläge gab es in den vergangenen Wochen. Geflüchtete sollen im ehemaligen Amber-Hotel wohnen, auch die alte Post war von der CDU ins Gespräch gebracht worden. Zumindest letztere Variante hat sich als unrealistisch erwiesen.
Kritik aus dem Kreisrat: Schnell Alternativen nennen
Kritik regte sich auch im Kreisrat, sie kam vor allem von der CDU: „Wenn dieser keineswegs gute Standort nicht realisiert werden soll, müssen schnell Alternativen genannt werden“, formulierten die beiden CDU-Leonberger Kreisräte Ulrich Vonderheid und Helmut Noë: „Hier ist auch die Stadt Leonberg in der Pflicht, Vorschläge auf den Tisch zu legen, die schnell realisierbar sind.“
In Anbetracht all dieser Aussagen – und Nicht-Aussagen – wirken die Abläufe rund um das fragliche Gebäude in jüngerer Vergangenheit fast wie ein tragischer Treppenwitz. Bis 2017 gehörte das Haus noch dem Landkreis, als Betreiber hatte bis dahin die Samariterstiftung fungiert. Es war das letzte Pflegeheim im Besitz des Kreises und wurde verkauft – erst an INP Care, dann an Primus Concept und schließlich an den Big Player Carestone. Ende März dieses Jahres endete schließlich auch der Pachtvertrag mit der Samariterstiftung, die Bewohner mussten umziehen, es war ein wahrer Kraftakt. Seitdem steht das Haus leer.
Information vom September: Mietverhältnis soll 60 Monate dauern
Von Carestone will der Landkreis das Gebäude nun zurückmieten, zunächst für 60 Monate – so lautet die Information vom September. Damals hatte der Sozialdezernent Dusan Minic auch zu Protokoll gegeben: „Nach unserem Stand will der jetzige Eigentümer über kurz oder lang dort wieder ein Seniorenheim betreiben, sieht sich aktuell dazu aber nicht in der Lage.“
Woher die Geflüchteten kommen und in welcher Konstellation sie am Ende dort einziehen sollen, ist Stand jetzt noch unklar. „Derzeit kommen viele Einzelpersonen, aus der Ukraine kamen viele Familien“, zählte Minic noch im September auf. Sollten sich die Pläne bewahrheiten – und danach sieht es aktuell aus – wäre das Haus mit seinen etwa 100 Zimmern eine große, aber nicht die größte Unterkunft im Landkreis Böblingen.