Schattendasein? Die Bronzeplastik von Wilhelm II. und seinen Hunden an ihrem heutigen Standort im Garten des Stadtpalais. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Bei der Diskussion um einen angemessenen Platz für Wilhelm II. geht es auch um die Frage eines angemessenen Platzes für Stadt- und Regionalgeschichte. Gut, dass jetzt darüber diskutiert wird, findet Lokalchef Jan Sellner.

Stuttgart - Es war einmal ein König, Wilhelm II., der lebte mit seiner Frau Charlotte im Wilhelmspalais, das heute Stadtpalais heißt. Mit Vorliebe ging er mit seinen legendären Spitzhunden in der Stadt spazieren, würdevoll, aber unprätentiös, weshalb ihn die Bürger auch mit „Grüß Gott, Herr König!“ anredeten. Das änderte sich, als in Stuttgart die Revolution ausbrach und die Revolutionäre ihn höflich baten („’s isch wega dem System!“), nicht länger König zu sein. Darauf verließ Wilhelm II. gekränkt, jedoch erhobenen Hauptes das Wilhelmspalais durch den Vordereingang in Richtung Bebenhausen und pfiff fortan auf Stuttgart. Und weil er zwar gestorben, jedoch in Form eines von Bürgern viele Jahre später gestifteten Denkmals in Stuttgart weiterhin präsent ist, lebt er noch heute. Und wie er lebt, dieser Wilhelm II.! Jedenfalls hat er seit seinem physischen Ableben im Jahre 1921 nicht mehr so viele Schlagzeilen gemacht.

 

Wie halten wir es mit dem letzten württembergischen König?

Genau genommen ist es nicht er, der für Schlagzeilen sorgt, sondern das Stadtmuseum. Dessen Entscheidung, ein von Stuttgarter Bürgern gestiftetes Denkmal des Monarchen, das bis zur Sanierung des Wilhelmspalais prominent vor dem Gebäude stand, in den Garten zu versetzen und damit zu verstecken, wie Kritiker meinen, lässt im historisch interessierten Teil Stuttgarts die Wogen hoch schlagen. Es geht um die Frage: Wie halten wir es mit dem letzten württembergischen König? Zeigt man sich mit ihm besser nicht, weil er für ein autokratisches Zeitalter steht? Oder kann sich das Stadtmuseum mit dem liberalen „Bürgerkönig“ sehr wohl sehen lassen oder sogar schmücken?

Das für die Verbannung des Königs auch von Leserinnen und Lesern unserer Zeitung gescholtene Museum und sein Direktor Torben Giese weichen der Kritik nicht aus. Nächsten Mittwoch will Giese öffentlich mit Fachleuten und Bürgern über den Fall Wilhelm diskutieren – vorausgesetzt, das Thema Krone fällt nicht dem Thema Corona zum Opfer. Dabei wird es auch um die bedenkenswerte Idee des Vizechefs des benachbarten Hauptstaatsarchivs gehen, dem König auf dessen Grundstück Asyl zu gewähren.

Den Blick auf die Regionalgeschichte schärfen

In dieser Debatte liegt unabhängig von ihrem Ausgang ein Gewinn für die Stadt. Denn die öffentliche Auseinandersetzung mit und über Stadtgeschichte ist in Stuttgart eher schwach entwickelt, so wie Stadtgeschichte im Stadtbild selbst zu wenig sicht- und nachlesbar ist – und sei es nur in Form von Tafeln. Wer Anstöße geben will, muss auch dafür sorgen, dass man auf etwas stößt. Die Versetzung des Königs ist ein solcher Anstoß gewesen – in diesem Fall ein Stein des Anstoßes.

Tatsächlich geht es bei der Diskussion über den angemessenen Platz für Wilhelm auch um die Frage des angemessenen Platzes für Stadt- und Regionalgeschichte – und zwar in ihrer ganzen Breite. „Regionalgeschichte bedeutet nicht Enge, sondern ist Grundlage für Weite“, formulierte die langjährige Direktorin des Landesmuseums Württemberg, Cornelia Ewigleben, bei ihrem Abschied treffend. Diesem Gedanken sollten sich verstärkt auch Schulen öffnen. In diesem Sinne: „Grüß Gott und hallo, Herr König!“

jan.sellner@stnz.de