Esslingen muss sich neu erfinden. Die Zeit, in der jeder Wunsch erfüllt wird, ist endgültig vorbei. Aber kann sich Esslingen überhaupt noch neu denken – ganz ohne Denkverbote?
Beim Neujahrsempfang der Stadt Esslingen ist es eine gute alte Tradition, dass man nach dem offiziellen Programm noch ein, zwei Stunden zusammensteht und bei einem Glas Wein oder Wasser über Gott und die Welt spricht. Diskussionsstoff gab es beim Empfang am Montagabend mehr als genug: Der Stadt brechen die Gewerbesteuern weg, sodass Oberbürgermeister Matthias Klopfer sogar von einer Hiobsbotschaft sprach.
Die große Frage wird nun sein, ob die Stadtbevölkerung, ihre Vertreterinnen und Vertreter im Gemeinderat und die Entscheider im Rathaus den Schuss gehört haben. Ist die Esslinger Gesellschaft, die sich über Jahre und Jahrzehnte an Wohltaten gewöhnt hat, überhaupt noch in der Lage, das Steuer herumzureißen? Und wenn nicht: Was passiert dann?
Esslingen riskiert Kontrollverlust bei Ignoranz der Warnungen
Die letzte Frage ist einfach zu beantworten: Wenn Esslingen weiter so tut, als ginge immer alles so weiter, wenn die Stadt die Warnungen ihres Oberbürgermeisters vor einer Fortsetzung der Vollkaskomentalität in den Wind schlägt, dann wird ihr das Heft des Handelns aus der Hand genommen. Wer nicht steuert, wird gesteuert. Wer die Rahmenbedingungen ignoriert und das Segel nicht richtig setzt, kommt nicht mehr voran – schlimmstenfalls wird er kentern.
In Esslingen gibt es sehr viele kleine und große Stellschrauben, die sich aber nur dann erkennen lassen, wenn man den Mut hat, ohne Denkverbot zu denken. Selbstverständlich wäre es elend, bei sozialen Vergünstigungen zu sparen, aber wenn nicht jetzt, wann dann ist es an der Zeit, sich jede Wohltat hinsichtlich ihrer Wirksamkeit anzuschauen? Besonders viel Mut erfordert es, Entscheidungen und Wünsche zu hinterfragen, die einen hohen Symbolwert haben.
Bücherei-Ausbau: 20 Millionen Euro auf dem Prüfstand?
Dazu gehört zum Beispiel die emotional extrem aufgeladene Diskussion über den Ausbau einer Bücherei. 20 Millionen Euro stehen hier auf dem Spiel, noch einmal 20 Millionen Euro für ein Museumsprojekt. Diskutiert wird lediglich darüber, an welchem Standort die neue Bücherei entstehen soll, aber – noch – nicht, ob es nicht besser wäre, das Projekt erneut auf Eis zu legen. Eine Renovierung am jetzigen Standort für ein Bruchteil der Summe könnte mit einem Schlag sehr viel Schmerz lindern.
Auch die Betreibung der Klinik – ein Lieblingskind vieler Esslinger und der Rathausspitze – ist ein dicker Brocken: 100 Millionen Euro investiert die Stadt in das Projekt, das mehr kostet, als es einbringt. Allein 2018 erwirtschaftete das Krankenhaus ein Defizit von 18 Millionen Euro. Natürlich geht es nicht darum, eine Klinik zu schließen,natürlich ist es wichtig, eine Klinik zu modernisieren – das Gesundheitswesen ist so ziemlich das Letzte, was eine Gesellschaft schleifen darf. Aber muss es unbedingt die Stadt Esslingen sein, die diese Klinik betreibt?
Die kommenden Wochen werden zeigen, ob Esslingen zu den Städten in Deutschland gehören wird, die es schaffen, das Steuer selbst in die Hand zu nehmen. Sie hat allerbeste Voraussetzungen dazu: Sie gehört immer noch zu den wohlhabenden Städten im Land, sie hat eine engagierte Bürgerschaft. Es wäre ihr zu wünschen.