Debatte über #wirsindmehr Warum ein Hashtag wirken kann

Von Hanna Spanhel 

Nicht nur, wer in Chemnitz beim Konzert gegen Rechts war, sendet ein Signal: Unter dem Hashtag #wirsindmehr positionieren sich derzeit Tausende symbolisch im Netz. Foto: dpa
Nicht nur, wer in Chemnitz beim Konzert gegen Rechts war, sendet ein Signal: Unter dem Hashtag #wirsindmehr positionieren sich derzeit Tausende symbolisch im Netz. Foto: dpa

Aus aktuellem Anlass hat ein Redakteur kürzlich über den Hashtag #wirsindmehr geschrieben, der sich derzeit auf Profilbildern im Netz verbreitet. Dieser sei politisch nutzlos – die Redakteurin Hanna Spanhel widerspricht dem entschieden.

Stuttgart - Ja, es ist nur ein einfaches Symbol, in wenigen Minuten auf das eigene Profilbild gesetzt. Und ja, der Schriftzug #wirsindmehr ist allein noch kein gesellschaftlicher Akt, keine aktive Handlung gegen Rechte und gegen rassistische Ausschreitungen in Chemnitz. Natürlich hatte das friedliche Konzert mit 65 000 Besuchern am Montagabend unter eben jenem Titel mehr Ausstrahlkraft. Doch wer glaubt, die Aktion im Netz sei deshalb nutzlos, verkennt die Wirkung, die Symbole und Bilder gerade in den Sozialen Medien haben.

Denn die Mehrheit der Gesellschaft ist meist eine schweigende. Es sind diejenigen, die extrem denken und Hass in sich tragen, die in der vergangenen Woche in Chemnitz mehrfach auf die Straße gegangen sind. Es sind sie, deren lautstark vorgetragene, fremdenfeindliche und rassistische Positionen bundesweit für Aufsehen sorgen, die im Netz tausendfach geteilt und damit erneut widergegeben werden. Deshalb ist es wichtig, diese Geschehnisse nicht unerwidert zu lassen.

Die Aktion kann ein Akt der Solidarität sein – und Andersdenkende erreichen

Da sind zum einen diejenigen, gegen die sich die Ausschreitungen des rechten Mobs in Chemnitz gerichtet haben. Den Menschen, die hierher geflohen sind oder die ausländische Wurzeln haben, soll der Hashtag #wirsindmehr zeigen, dass die Mehrheit eben doch anders denkt und sich von den Hetzern distanziert. Es ist dann immerhin ein Akt der Solidarisierung.

Dann sind da jene, die selbst rechte Parolen verbreiten und unter Online-Artikeln auf sozialen Plattformen wie Facebook ohne Hemmungen kommentieren. Gerade dort mögen solche Pöbler das Gefühl bekommen haben, „dem Volk“ mit ihren Schuldzuweisungen an „die da oben“ oder „die Asylanten“ aus der Seele zu sprechen. Weil die weniger frustrierte Mehrheit oft schweigt und nicht mit denselben Taktiken zurückfeuern will.

Tauchen nun plötzlich überall in den Kommentarspalten und Timelines Bilder von Menschen auf, die sich anders positionieren, merken vielleicht auch Populisten und Hetzer, dass sie nicht für „das Volk“ sprechen. Denn weil auch rechte Kommentare oft genug in den eigenen Newsfeeds zu sehen sind, sind es – trotz aller Filterblasen – auch die Hashtags und Bilder derjenigen, die sich dagegen wenden.

Vielleicht gibt es in der vermeintlichen Blase eben doch auch alte Schulfreunde und Bekannte, die anders denken als man selbst. Die symbolische Positionierung könnte dann eine Debatte anstoßen, das zeigt sich auch jetzt schon in vielen Kommentarspalten unter Artikeln über #wirsindmehr. Schließlich dürften auch bei jenen, die zwar anders denken, aber noch lange nicht rechtsextrem sind, irgendwann die Grenzen der Geduld mit ihren vermeintlichen Vorsprechern erreicht sein.

Der Hashtag ist ein Aufruf dazu, das Problem zu erkennen – und nicht weiter zu schweigen

Schließlich sind da diejenigen, die kaum politisch sind oder bislang nicht darüber nachgedacht haben, sich Extremisten und Rechten in ihrem Alltag aktiv entgegenzustellen. Sie mögen die stumme Mehrheit sein, doch irgendwann könnten auch sie von sozialen Bewegungen mitgerissen werden. Das haben in der Vergangenheit genügend Netzkampagnen gezeigt. Nur, wenn – wie bei #metoo beispielsweise – auch wirklich jeder mitbekommt, wie groß ein gesellschaftliches Problem tatsächlich ist, findet vielleicht ein Nachdenken statt und kommt es womöglich auch zu Taten. Denn der Hasthag #wirsindmehr ist doch nur ein Aufruf dazu, nicht mehr zu schweigen. Natürlich sollte er nicht darüber hinwegtäuschen, dass es eines Handelns bedarf, dass ein neues Profilbild keine gesellschaftlichen Probleme löst. Wer aber diejenigen, die sich so positionieren, als sich profilierende Verdränger abtut, der erstickt eine Bewegung schon im Keim. Solange es keine andere, sich schnell verbreitende Idee für eine aufrüttelnde Kampagne gibt, die in Gesprächen und politischen Aktionen mündet, sind zwei Klicks zumindest ein Anfang.

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