Debatte über Veranstaltungen in Stuttgart Wem gehört der Schlossplatz?

Von Martin Haar 

Jazz-Open-Konzert der Fantastischen 4 im Ehrenhof des Neuen Schlosses Foto: Lichtgut/Leif Piechowski
Jazz-Open-Konzert der Fantastischen 4 im Ehrenhof des Neuen Schlosses Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

14 mal im Jahr vermietet das Land Baden-Württemberg Flächen des Schlossplatzes. Im Fall der Jazz Open stößt das Bürgern und Lokalpolitikerin Veronika Kienzle bitter auf: „Wir sollten generell darüber sprechen, wie dieser Platz genutzt werden kann, so wie in diesem Jahr geht es jedenfalls nicht weiter.“

Stuttgart - Durch die Müllberge im Zusammenhang mit den Jazz Open sind der Schlossplatz und der Schlossgarten zuletzt ins Blickfeld der Öffentlichkeit geraten. Das Land und der Veranstalter Jürgen Schlensog einigten sich am Ende des Konflikts, wer für die nicht entsorgten Abfallmengen verantwortlich sei, unisono mit einem Wort: „Misskommunikation.“

Wahrscheinlich hätte Schlensog wirklich deutlich machen müssen, dass er sich nur für die 75 Prozent des umzäunten Festivalgeländes zuständig fühlte. Auf den restlichen 25 Prozent zwischen dem Eingang zu den Jazz Open und der Königstraße, dort, wo sich der Müll getürmt hatte, hätte das Land den Abfall entsorgen sollen. Beim Land wiederum herrschte die Annahme, wer den Schlossplatz „für einen hohen fünfstelligen Betrag“ (Schlensog) komplett anmiete, der müsse auch die Gesamtverantwortung tragen. Wie gesagt: Beide Vertragspartner haben nun unter dem Stichwort „Misskommunikation“ das Kriegsbeil begraben.

Nur 75 Prozent der vermieteten Fläche genutzt

Und doch bleibt, um in der Sprache des Ausgangsthemas zu bleiben, ein großer Haufen Restmüll übrig. Denn durch den Streit über die Verantwortung der Müllentsorgung ist ein pikantes Vertragsdetail publik geworden. Nämlich dass das Land den ganzen Schlossplatz vermietet hat. Das bedeutet, wenn Jürgen Schlensog Ernst gemacht hätte, dann wäre „einer der schönsten Plätze Europas“ (Jazz-Open-Internet-Seite) für fünf Tage vom Ehrenhof des Neuen Schlosses bis zur Königstraße mit einem Zaun für die Öffentlichkeit total tabu gewesen. „Das aber wollte ich nicht“, sagt Schlensog. Ihm sei es wichtig, dass jedermann zumindest ein wenig an dem hochklassigen Musikspektakel teilnehmen könne.

Benjamin Hechler, ein Sprecher des Landes, stellt dies so dar: „Zum miteinander vereinbarten Flächenkonzept der Jazz Open gehört es, dass neben der Veranstaltung noch Platz ist, damit auch während der Jazz Open Menschen in der Sonne liegen können – oder auch ein paar schöne Klänge abbekommen.“ Wie auch immer das Land und die Jazz Open die Vertragsinhalte interpretieren, grundsätzlich regt die Vermietungspraxis des Landes zu Kritik an. Sei es bei Bürgern, die den Platz während der Veranstaltungen nur mühsam queren können, sei es bei Veronika Kienzle, der Bezirksvorsteherin Mitte: „Wir sollten generell darüber sprechen, wie dieser Platz genutzt werden kann, so wie in diesem Jahr geht es jedenfalls nicht weiter.“ Kienzle, die die Dimensionen und die Abschottung der Jazz Open eine „Trutzburg“ nennt, wünscht sich eine Konzeption, bei der Stadt und Land ihre Interessen abstimmen: „Am Ende muss klar werden, wie öffentlicher Raum, der für alle Bürger da ist, genutzt werden soll.“ Um es auf den Punkt zu bringen: Wem gehört der Schlossplatz?

Marketing-Chef ist gespalten

Die potenzielle Gesamtabriegelung des Schlossplatzes durch einen Veranstalter wäre auch für Armin Dellnitz, den Geschäftsführer von Stuttgart-Marketing, aus touristischer Sicht nicht tragbar: „Wenn der Platz so umzäunt wäre, dass die Zäune bis an den Königsbau gingen und wie eine Wand wirkten, wäre das sicher nicht mehr angemessen.“ Die Jazz Open sieht er aus zwei Per­spektiven. „Mehr Veranstaltungen dieser Art, durch die der ganze Platz abgeriegelt ist, wären grenzwertig. Andererseits trägt das Festival auch dazu bei, dass beispielsweise der Innenhof des Alten Schlosses oder das Neue Schloss in Szene gesetzt werden. Damit hat das Ganze auch einen touristischen Wert.“ Auch lasse sich nicht pauschal sagen, dass es ein Zuviel oder Zuwenig an Veranstaltungen gebe: „Veranstaltungen wie das Sommerfest etwa tragen dazu bei, die Frequenz und die Lebendigkeit des Platzes zu erhöhen. So etwas finde ich in Ordnung.“ Veronika Kienzle fordert indes, über alle Veranstaltungen neu nachzudenken: „Dies gilt nicht nur für die Jazz Open, sondern auch für das Sommer- sowie das Kinderfest und die vielen anderen Nutzungen.“ Aus ihrer Sicht ist nun eine Grenze erreicht.

Tatsächlich ist der Schlossplatz in diesem Jahr Ausrichtungsstätte von insgesamt 14 Veranstaltungen. Und aus Sicht des Landes soll dies auch in Zukunft so bleiben. „Wir werden für Veranstaltungen, die sich an ein breites Publikum richten und einen kulturellen Bezug oder ein Jubiläum der besonderen Art zum Anlass haben, den Schlossplatz weiterhin zur Verfügung stellen“, sagt Benjamin Hechler: „Der Mehrwert, den die Menschen in der Stadt und der Region davon haben, muss entsprechend groß sein.“

14 Veranstaltungen sind 2018 auf dem Schlossplatz

Auf dem Schlossplatz sind im Jahr 2018 insgesamt 14 Events: Fastnachtsumzug (13. Februar), Rollendes Oldtimer-Museum (17. März), Trickfilmfestival (24. bis 29. April), SWR-Sommerfestival (18. bis 21. Mai), Radaktionstage (9. und 10. Juni), Kinder- und Jugendfestival (30. Juni und 1. Juli), Jazz Open (18. bis 22. Juli), Stuttgarter Sommerfest (2. bis 5. August), WLV-Sport-Scheck-Nachtlauf (24. August), Deutschland-Tour/Jedermann-Rennen (26. August), Energiewendetage des Umweltministeriums (15. September), 200 Jahre Volksfest (26. September bis 3. Oktober), Boule-Turnier (14. Oktober), Eisbahn (22. November bis 1. Januar 2019).

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