Udo Dahmen von der Popakademie Mannheim Foto: Popakademie

Udo Dahmen von der Mannheimer Popakademie nimmt Stellung zum Fall Michael Jackson: „Die Kunst ist in der Welt und bleibt bestehen, auch wenn der Mensch dahinter sich als fehlbar erwiesen hat“, sagt er.

Stuttgart/Mannheim - Als „richtige und gute Debatte“ bezeichnet Udo Dahmen die derzeitigen Diskussionen darum, ob man Michael Jacksons Musik heute noch unbefangen hören kann. „Wir alle sind empört darüber, dass so etwas wie Kindesmissbrauch geschieht“, sagt der künstlerischer Leiter der Popakademie Baden-Württemberg in Mannheim, „und es muss hier Recht herrschen, denn die Kunst ist kein rechtsfreier Raum.“

Michael Jackson steht zehn Jahre nach seinem Tod massiv in der Kritik. Auslöser war der Dokumentarfilm „Leaving Neverland“. Darin schildern James Safechuck und Wade Robson, wie sie als Minderjährige über Jahre hinweg von Michael Jackson sexuell missbraucht worden seien. Schon früher hatte es ähnliche Vorwürfe gegeben, im Jahr 2005 aber war Jackson (1958–2009) vom Vorwurf des Kindesmissbrauchs freigesprochen worden. Seit Ausstrahlung des Dokumentarfilms ist erneut eine Debatte um Michael Jackson und sein Werk entbrannt, die dazu führte, dass erste Radiosender in Neuseeland und Australien beschlossen, Jacksons Lieder nicht mehr zu spielen.

Trotzdem, so Udo Dahmen, bleibe Jackson, der mit „Thriller“ (1982) die bis heute meistverkaufte Pop-Platte aller Zeiten geschaffen hat und damit im Jahr 2003 vom Musikmagazin „Rolling Stone“ auf Platz 20 der 500 besten Alben aller Zeiten gewählt wurde, als Künstler weiterhin eine wichtige Person.

Künstler auch posthum nicht verklären

Die gesamte Kulturgeschichte lasse sich laut Dahmen daraufhin abklopfen, ob der Mensch dahinter sich stets einwandfrei verhalten hat. 1924 heiratete zum Beispiel der damals 35-jährige Charlie Chaplin die 16-jährige Lita Grey, da von ihm schwanger war. Vor diesem Hintergrund findet es Dahmen wichtig, dass Künstler auch posthum nicht verklärt werden. „Wir sind alle Menschen“, sagt er. Auch Künstler seien nicht vor Verfehlungen gefeit. Dort, wo allerdings Unrecht geschieht und die Grenzen von Sitte und Moral überschritten werden, gelte es, hinzuschauen, dies zu benennen und den Künstlern Grenzen aufzuzeigen.

Dahmen nennt als Vergleich den deutschen Komponisten Richard Wagner, der sich in vielen Schriften judenfeindlich äußerte und um dessen Werk es auch aufgrund der Vorliebe für seine Musik im dritten Reich bis heute Diskussionen gibt. „Hier wurde mittlerweile der Konsens gefunden, dass Wagners Musik auch gehört werden kann, wenn man seine Ansichten ablehnt“, sagt er und fügt hinzu: „Die Kunst ist in der Welt und bleibt bestehen, auch wenn der Mensch dahinter sich als fehlbar erwiesen hat.“

Die Dokumentation „Leaving Neverland“ können Sie hier ansehen.

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