Artistik über der Bundesstraße: Die Aktion fand im Sommer 2017 statt. Foto: Lichtgut/Julian Rettig

Nach einem Jahr des Bestehens sieht sich die Initiative Aufbruch immer noch im Aufwind. Der Verein, der die städtebauliche Qualität Stuttgarts verbessern will, hat nach eigenen Angaben heute rund 700 Mitglieder. An den OB hat der Verein eine ganz konkrete Forderung.

Stuttgart - Rund ein Jahr ist es her, dass eine Gruppe teils prominenter Kulturschaffender und Bürger der Stadt sich in dem Verein Aufbruch Stuttgart zusammengetan hat. Die erste Resonanz war groß. Am Donnerstag nun zogen die Vorstandsmitglieder um den früheren Fernsehmoderatoren Wieland Backes eine erste Bilanz. „Nach einem Jahr gibt es uns immer noch, und das mit ungebrochenem Engagement“, so Backes.

Die Zahl der Vereinsmitglieder steige weiter, inzwischen seien es rund 700. Zu Vorträgen über Architektur oder Städtebau, die der Verein veranstaltet, kämen immer noch 400 bis 500 Besucher. Der Verein sieht sich von der Stadtverwaltung trotz durchaus auch skeptischer Stimmen ernst genommen. „Wir sind in einem kontinuierlichen Gespräch mit der Stadt“, erklärte Backes.

Neue Stimmung in Stuttgart?

Für Ulrike Groos, die Direktorin des Kunstmuseums, ist es wichtig, dass in der Stadt nach der resignativen Atmosphäre durch die Debatte über Stuttgart 21 „eine neue Stimmung entsteht“ und eine Vernetzung unterschiedlichster Personen. Wieland Backes und der Vorstand glauben, „dass sich das Klima und die Stimmung schon verändert“ haben durch die Vereinsaktivitäten.

Das Hauptanliegen des Vereins ist „die Verwandlung der von einer Verkehrsschneise durchfurchten sogenannten Kulturmeile in ein lebendiges Kulturquartier“. Wieland Backes ist überzeugt, dass auch das Engagement des Vereins bewirkt habe, „dass OB Kuhn versprochen hat, noch in diesem Jahr die planerischen Voraussetzungen für die Neugestaltung der B 14 und der sie umgebenden Quartiere zu schaffen“. Backes selbst ist in der Sache „ein gefühlter Tunnelanhänger“, was nicht für alle im Verein gelte. Die Stadt hatte vor Jahren solche Pläne wegen zu hoher Kosten zu den Akten gelegt. Auch die von dem Verein vorgeschlagene, aber heftig kritisierte Verlagerung des Königin-Katharina-Stifts zugunsten der Oper, was den Abriss der Schule bedeuten würde, will der Verein als eine Planvariante untersucht haben. Einmal mehr fordert die Initiative „einen Masterplan für die Innenstadt“, so Backes. Stuttgart müsse „endlich groß denken“, ist seine Überzeugung.

Weitere Großaktion geplant

Auch in die Planungen zum künftigen Rosensteinquartier auf dem heutigen Gleisgeländer hinter dem Hauptbahnhof will sich der Verein stärker einbringen. Geplant sind auch Reiseangebote, wie Exkursionen zu Modellprojekten in anderen Städten, Fachvorträge und ein Kolloquium zum Thema Tunnel. Im Sommer soll eine größere Veranstaltung in der City stattfinden – wie im Vorjahr, als die Hochseilartisten der Familie Traber die Kulturmeile in 14 Metern Höhe überquerten. Genaueres wollte Wieland Backes dazu nicht sagen, er nannte nur den Arbeitstitel „1000 Stühle“.

Das einjährige Bestehen war am Abend im Hospitalhof auch Anlass für einen Vortrag, den der Wuppertalter Architekturhistoriker Franz Rolf Werner hielt, früher lange Jahre an der Uni Stuttgart tätig. „Stuttgart revisited“ lautete der Titel, und Werner blickte weit zurück. Ohne Gleichen, aber negativ, sei, was nach dem Zweiten Weltkrieg geschah: die Abrissmentalität, die falsch verstandene autogerechte Stadt, mittelmäßige Versicherungs- und Bankenarchitektur, fehlender sozialer Wohnungsbau. Bezahlbarer Wohnhochhausbau à la Wien sei nötig. „Die Feinstaubdebatte fordert die komplette Untertunnelung längs und quer“, sagte Werner. Und: „Investoren sind nicht per se schlechte Partner. Aber man muss die städtebaulichen Instrumente nutzen, um sie zu zügeln.“

Hoffnung mache, dass der Schweizer Andreas Hofer künstlerischer Leiter der Internationalen Bauausstellung (IBA) 2027 der StadtRegion Stuttgart sei. „In seiner Haut möchte ich nicht stecken, bei dem Sack von Problemen“, gestand Werner. „Sie reichen nicht nur bis zum Rosensteinviertel, sondern in die Region hinaus.“

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